|
Harte Kost für Patrioten am 1.
August
NZZ am Sonntag, 21.7.02
Kommt sie dank der 1.-August- Feier doch noch, die Debatte
um die Landesausstellung, die Expo-Chefdenker Martin Heller
bisher vermisst? Die Chancen auf Proteste stehen gut.
Markus Häfliger
Sogar von seinem Vater ist Samuel Schwarz beschimpft worden
- auf dem Telefonbeantworter, wie Schwarz junior der Zeitung
«Le Matin» erzählt hat. Schwarz senior,
Oberst a. D. der Schweizer Armee, kann offenbar nicht verstehen,
dass sein Sohn auf der Expo eine «schweizerkreuzfreie
Zone» ausruft - und das am Nationalfeiertag.
Schwarz junior, 30-jähriger Berner Theaterregisseur
mit Erfolg auch in Deutschland, ist zusammen mit dem Autor
Lukas Bärfuss verantwortlich für das Theaterstück
der Expo zum 1. August. Obwohl sie erst am Proben sind,
hat schon die angekündigte Verbannung der Flagge laute
Proteste der SVP und des Berner FDP-Regierungsrates Kurt
Wasserfallen ausgelöst.
Dabei stellen Schwarz, Bärfuss und ihre Theatertruppe
400asa weit mehr in Frage als bloss das rot-weisse Emblem.
Thema ihres Stücks ist die nationale Identität
als solche. Ihre These: Ausser dem Pass gebe es nichts,
das Schweizer von Nichtschweizern unterscheide. Bärfuss
sieht sich «in der Tradition der Weltausstellung in
Sevilla», wo die Schweiz mit dem Slogan «La
Suisse n'existe pas» auftrat. Jetzt sagt Bärfuss:
«Das Schweizersein ist ein Verwaltungsakt und sonst
nichts.»
Ist das bloss Provokation, um Patrioten zu reizen? Martin
Heller, künstlerischer Direktor der Expo, verneint.
Kein ernst zu nehmender Künstler provoziere um der
Provokation willen. Bärfuss selber erklärt, er
wolle nicht eine bestimmte Reaktion auslösen. «400asa
wirft bloss eine wichtige Frage auf, die sehr viele Leute
betrifft» - und das mit Humor. «Warum soll man
sich als Schweizer nicht lachend damit arrangieren können,
dass es nichts gibt, das uns auszeichnet?», sinniert
Bärfuss. Die nationale Identität sei das Hauptthema
der ganzen Expo, meint Heller. Obwohl er sich um solche
Fragen eine breitere inhaltliche Debatte wünscht, will
er die Verantwortung dafür jetzt nicht 400asa aufbürden.
«Es wäre falsch, die Debatte von nur einem Teil
der Expo zu erwarten.»
Wie aber wird das Publikum reagieren, nachdem es schon
das Eröffnungsspektakel nicht goutiert hat? Heller
wagt sich nicht auf die Äste hinaus. «Schauen
wir mal», meint er. Ein Theaterstück könne
man erst nach der Aufführung beurteilen. Einer, der
bei den Proben bereits zusehen durfte, ist Martin Bühler
vom Verteidigungsdepartement (VBS). Er fungierte quasi als
kultureller Vorkoster für seinen Chef, Verteidigungsminister
Samuel Schmid, der vor dem Theater (eine Stunde) die 1.-August-Ansprache
(maximal acht Minuten) halten wird. Zum Stück verrät
Bühler nur so viel: «Sehr gut gespielt, witzig,
provokativ.» Offenbar hat Schmid - jener Bundesrat,
der am Expo-Schwinget mit privater Schweizer Fahne aufmarschiert
ist - die Stossrichtung goutiert. «Er ist über
den Inhalt grob im Bild», sagt Bühler
Eine eigene Meinung bilden können sich alle, die
am 1. August auf der Arteplage Biel sind oder fernsehen.
Die SRG überträgt ab 20 Uhr. Falls das Theater
nicht nach dem Geschmack des Volkes sein sollte, gebe es
anschliessend wohl nochmals «Theater», witzelt
ein Fernsehmann. VBS-Mann Bühler ist sich jedenfalls
sicher: «Das Stück wird Schlagzeilen provozieren.»
zurück
|