Pressekonferenz
26.6.02, Expo-Medienzentrum Biel

1. Einladung

In der Medieneinladung heisst es in Bezug auf das Theaterstück von 400asa (Mail, 21.6.2002):

"Die offizielle Bundesfeier unter dem Titel "august02 – août02 – agosto02 – avust02" mit einer Ansprache von Bundesrat Samuel Schmid und einem von Samuel Schwarz und Lukas Bärfuss inszenierten Theaterstück findet auf der Arteplage Biel statt. Diese Inszenierung präsentiert sich als spielerische und humorvolle Suche nach dem Wesen der schweizerischen Eigenart. Alle drei Senderketten der SRG SSR idée suisse übertragen die Veranstaltung ab 20 Uhr direkt von den Arteplages."

2. Pressecommuniqué

Im Pressecommuniqué, das der Pressemappe beiliegt und am 27. Juni auch vermailt wird, heisst es in Bezug auf das Theaterstück von 400asa:

"Die offizielle Bundesfeier"

Das Autorenduo Lukas Bärfuss und Samuel Schwarz von 400asa wird die diesjährige offizielle Bundesfeier ausrichten. Ihr Theaterstück august02 - août02 - agosto02 - avust02 präsentiert sich als spielerische und humorvolle Suche nach dem Wesen der schweizerischen Eigenart. Ihre Fragen drehen sich um Identität, also den innersten Kern jeder Landesausstellung. Gibt es die schweizerische Eigenart überhaupt? Wenn ja, wer hat sie erfunden? Und mit welchem Interesse? Kann man sich damit etwas kaufen? Und wie lebt man als Schweizer?

Die SRG SSR idée suisse überträgt die offizielle Bundesfeier ab 20 Uhr von der Arteplage in Biel auf allen vier Sendeketten. Die Rede vor Ort hält Bundesrat Samuel Schmid."

3. Martin Heller

a) Hellers Statement, das er an der Pressekonferenz hält, findet sich schriftlich in folgendem Wort in der Pressemappe:

"Der 1. August ist für die Landesausstellung eine Art Muttertag. Schliesslich ist die Expo.02 ein legitimes und mittlerweilen geliebtes Kind der Schweiz, das seine Dankbarkeit auf eigene, unverwechselbare Weise zeigen will. Also feiern wir ein Fest im Fest und nutzen die Gelegenheit zu heiterem Beisammensein und vielfältigen Begegnungen, bei Essen und Trinken, bei Musik und Feuerwerk, aber auch zu einigen Fragen. Die ideale Plattform dafür liefert der offizielle Festakt mit dem eigens für die Expo.02 geschriebenen Theaterstück von "400 asa". Es geht darin um nichts weniger als um unsere Identität. Oder besser und aktueller: um unsere Identitäten, im Plural, um jenen Baukasten von Bildern, Eigenschaften und Handlungsmustern, die bestimmen, was es heisst, Schweizerin oder Schweizer zu sein. Natürlich geraten dabei Vorstellung und Wirklichkeit schnell einmal in Konflikt. Bestimmt das Sein die Nationalität, oder ist es umgekehrt? Konkret: Steckt unser Schweizertum in den Genen oder im Pass?"

b) Sein mündlicher Vortrag ist etwas ausführlicher. Er bezeichnet den 1. August auf den vier Arteplages als "einen der wirklich markanten Höhepunkte der Expo" und fährt fort: "In diesem Sinne komme ich dazu, dass der 1. August für die Landesausstellung so etwas ist wie eine Art Muttertag, aber ein sehr prickelnder Muttertag, kein Pflicht-Muttertag, deswegen, weil die Expo ja ein legitimes, etwas vernachlässigtes, etwas stiefmütterlich behandeltes, aber mittlerweilen doch geliebtes Kind ist der Schweiz – ein Kind, das seine Dankbarkeit nun auf eigene und unverwechselbare Weise zeigen möchte. Und darum feiern wir das Fest im Fest und wir nutzen die Gelegenheit, an diesem 1. August auf sämtlichen vier Arteplages zu heiterem Beisammensein und zu vielfältigen Begegnungen bei Essen und Trinken, für Jung und Alt, bei Musik und Feuerwerk. Was das dann im einzelnen auf den vier Ausstellungsorten bedeutet im einzelnen, und zusammen mit der Bevölkerung der Drei-Seen-Region, die eben ihre Augustfeiern mit unserer nationalen verbinden werden, das werden sie nachher seitens der [?] hören, insbesondere von jenen, die für die Konzeption und Realisierung des 1. Augusts verantwortlich sind.

Ein Stück weit möchten wir auch so etwas versuchen wie eine Rehabilitierung des 1. Augusts. Weil: Wir alle haben ja nicht nur ungetrübte Erinnerungen an diese Nationalfeiern. Das sind nicht immer nur rauschende Feste, sondern wir haben – ich zumindest – einige Erinnerungen an eher dümpelnde Feierlichkeiten. Als Kind mag man das noch eher wegstecken denn als Erwachsener. Darum auch dieser Rehabilitierungsversuch. Und wir möchten die Bühne der Expo benützen dafür, eine Bühne, die ja in sich selbst schon eine mehrfache Inszenierung bereit stellt, von der Landschaft her, von der grossen Architektur her, dann auch von den Ausstellungen her und denn eh schon bestehenden Events. All das ist bereit, um den 1. August zu empfangen und zu hosten. Und damit möchten wir dann eben etwas Gescheites und Kluges und Spannendes und Rauschendes anstellen.

Aber – zum Schluss noch – es gibt auch Zeit zu fragen – das ist ja immer die doppelte Währung des 1. August, das Fest und die Besinnung. Dem möchten wir gerecht werden. Der 1. August bei uns ist auch die Zeit für einige Fragen. Die ideale Plattform dafür liefert dann der offizielle Festakt, der ausschliesslich Biel von statten gehen wird, auf der Hauptbühne in Biel, gedeckt, der Festakt mit dem eigens für die Expo geschriebenen Theaterstück von "400asa", derGruppe die jetzt hier mit Samuel Schwarz vertreten ist.

Es geht in diesem Stück – soviel vorweg – um nichts weniger als um unsere Identität. Oder besser und aktueller und treffender: um unsere Identitäten im plural, weil sich ja heute im Ernst niemand mehr getraut, von einer Identität zu reden. Es geht um jenen Baukasten von Bildern und Eigenschaften und Handlungsmustern, die bestimmen, was es heisst, Schweizerin oder Schweizer zu sein, heute, in dieser Welt, in diesem Land. Und natürlich geraten bei solchen Fragen Vorstellung und Wirklichkeit schnell einmal in Konflikt, und das ist dann die Chance des Theaters, mit solchen Konflikten etwas anzufangen. Es stellt sich die Frage, zum Beispiel, ob Sein die Nationalität bestimmt, oder ob es denn umgekehrt ist und die Nationalität bestimmt das Sein. Oder konkret, um es auf den Punkt zu bringen: Steck unser Schweizertum in den Genen oder im Pass? Dazu näheres dann von Samuel Schwarz."

4. Samuel Schwarz

a) Der Text von "400"asa, der in der Pressemappe aufliegt, lautet wie folgt:

"august02 – août02 – agosto02 – avust02"

von Lukas Bärfuss und Samuel Schwarz

Eine spielerische und humorvolle Suche nach dem Wesen der schweizerischen Eigenart soll der Erste August werden, und aus demselben Grund, aus dem wir jüngst über unangenehme historische Fragen eine Kommission einen Bericht erstellen liessen, damit wir uns nämlich nie wieder mit diesen lästigen Fragen beschäftigen müssen, die uns nur von der Arbeit abhalten, wollen wir diese Gelegenheit nutzen und einige offene Fragen, die uns seit längerem den Schlaf rauben, endgültig beantworten und uns anschliessend wieder den wirklich wichtigen Dingen zuwenden.

Die Fragen lauten unter anderem:

Lässt sich bestimmen, was uns Schweizer verbindet? Etwa der Wille zur Unabhängigkeit? Oder die Liebe zur Bescheidenheit? Eine gewisse Scheu vor der Erotik? Die Neigung zur Grübelei, Depression und Suizid? Dass wir die eigene Vergangenheit vergessen? Ist uns das schlechte Gedächtnis gemein? Oder sind das nur leere Behauptungen, und es gibt überhaupt keine schweizerische Eigenart?

Und falls doch, wer hat sie erfunden? Und mit welchem Interesse? Kann man sich mit dieser Eigenart etwas kaufen? Lebt man besser als Schweizer, oder ist es eher eine Behinderung?

An diesem Abend wir man sich nach dem Befinden der Traditionen erkundigen dürfen, wir aber nicht daran erinnert werden.

Und da sich dieser Anlass antinationalistisch versteht, wird man keine Schweizer Fahnen sehen, keine Schweizer Kreuze, überhaupt keinen Kreuze. Wir glauben zwar an die Spiritualität, aber an keine bestimmte Religion. Und im Übrigen haben wir genügend Fahnen und Kreuze in unseren Gärten und Wohnungen, und unsere Köpfe sind ja geradezu überstellt davon.

Am Ersten August wollen wir uns einmal davon entspannen können.

Der Anlass ist für Menschen der allermeisten Sprachen verständlich.

Dieser wundervolle Sommerabend am Bielersee mit Dichtung, Tanz, Gesang und etwas Wissenschaft, wird vom Schweizer Fernsehen auf allen vier Kanälen live übertragen."

b) Mündlich führt Samuel Schwarz folgendes aus:

"Ich stehe jetzt in dem Spannungsfeld, dass ich nicht zuviel verrate, damit nicht jedes Geheimnis schon weg ist vor unserer Veranstaltung und dass es nicht schon zersprochen ist, bevor es überhaupt stattgefunden hat – was sehr wichtig ist bei einem Theater, dass es dann im Moment stattfindet. "400asa" hat ihre Erfolge bis jetzt ja auch eher bei Projekten gehabt, die nicht zum vornherein schon ausdiskutiert waren, sondern die wir einfach gemacht haben. Wir hatten eine gewisse Naivität. Und von dem her ist es auch eine neue Herausforderung für uns, eine solche Pressekonferenz abzuhalten. Die grosse Frage, die sich jetzt eigentlich stellt: Warum haben wir das gemacht? ich denke, die Generation unserer Onkel hätte das nicht gemacht, die hätte das boykottiert, die Generation unserer Väter hätte es unter anderem Vorzeichen gemacht. Also ich denke, der Reiz ist auch, unsere eigene Position herauszufinden, warum wir überhaupt so etwas tun. Und ebenso reizvoll ist es, vielleicht so eine Generation Expo, von der ja auch schon gesprochen wurde, teil davon zu sein, sie eigentlich auch mitzuerfinden und dazu beizutragen, dass man in der Zukunft in der Schweiz – wie zum Beispiel beim schweizerischen Filmschaffen – nicht immer wieder von vorne anfangen muss, sondern dass man auch bis zu einem gewissen Teil von Erfahrungen, die ja an der Expo gemacht werden und wurden, profitieren kann in Zukunft.

Ein paar Worte vielleicht zur Entstehungsgeschichte: Vor einem Jahr trat die Expo an uns heran. Damals war noch die Rede davon, dass Christoph Marthaler diese Veranstaltung mache. Gleichzeitig mit der Anfrage der Expo war auch die Attacke der SVP, dass Christoph Marthaler diese Veranstaltung nicht machen solle. Und da haben wir auch zuerst gezögert, weil wir nicht genau wussten: Steckt da jetzt eine Intrige dahinter. Aber nachdem wir recherchiert und gemerkt haben, dass Christoph Marthaler das wirklich nicht tun kann und er auch gesagt hat, es sei toll, wenn wir das machen, haben wir uns dann entschieden, diese Aufgabe zu übernehmen. Wichtig für uns ist selbstverständlich auch, dass wir aus diesem Ragmen aus dem geschlossenen Kreis von Nur-Theaterschaffenden, die unsere Arbeiten sehen, auch mal eine grössere Öffentlichkeit haben, einen anderen Diskurs, einen politischen Raum betreten – eigentlich die Sehnsucht eines jeden Theaterschaffenden.

Die Anfänge von unserer Veranstaltung sind ja schon vielversprechend. Das Theater hat ja eigentlich schon angefangen. Und das ist für natürlich sehr wichtig. Wir haben auch work in progress, und ich denke, die ersten Reaktionen auf unseren schweizerkreuz-freien Raum sind natürlich schon sehr inspirierend und helfen uns eigentlich während der Arbeit zur Erfindung unserer Inhalte. Wir haben – um das noch schnell anzufügen – gestern angefangen zu proben. Um vielleicht auch noch schnell auf dieses Theater, das schon angefangen hat, zu sprechen zu kommen: Ich denke, die Angst, dass wir versuchen, gewissen Leuten – jetzt in diesem Fall Platzhalter Kurt Wasserfallen, Polizeidirektor – dass wir versuchen, den Leuten mental den Boden unter den Füssen wegzuziehen – dies als Zitat –, die braucht man nicht zu haben. Wir glauben zwar an das Theater, aber dass wir die Kraft haben und die Grösse, Leuten wie Kurt Wasserfallen mental den Boden unter den Füssen wegzuziehen – ich glaube, sdo weit gehen wir nicht in dem Glauben an die politische Wirksamkeit unseres Theaters. Und dieser Herr hat ja für gutes Zureden auch nicht extrem ein offenes Ohr. Angst davor, dass wir Leute wie Kurt wasserfallen als Platzhalter beleidigen könnten, braucht ihr auch nicht zu haben. Die grössten Beleidigungen sind ja schon geschehen. Alexander Tschäppät hat Wasserfallen als "wahrnehmungsgestört" tituliert und ich glaube, soweit gehen wir mit unserer Arbeit nicht. Trotzdem sind wir froh um solche Reaktionen, weil sie zwingen uns auch schon im Vorfeld zu politischen Aussagen. und vielleicht – um konkret zu bleiben und das Theater, das angefangen hat, schon weiterzuspielen – würd ich jetzt mal sagen, dass es vielleicht von Kurt Wasserfallen her ein bisschen befremdlich ist, dass er Zeit hat, überhaupt auf eine solche Banalität wie eine 1. August-Feier so zu reagieren. Ich glaube, er sollte sich eher um sein Polizeicorps kümmern, das bekannt und berüchtigt ist für seine sehr undemokratischen Übergriffe auf Zivilpersonen. Ich bin selbstverständlich sehr gerne bereit, auf die angerissene Diskussion über Fahnen, nationale Identität später auch noch einzugehen. aber ich denke, gewisse Dinge – vielleicht auch, wenn man die Fussball-.WM anguckt – sprechen auch schon für sich selbst. der Sinn von Fahnen, der Sinn von Nationalismus, der meiner Meinung nach immer noch die letzter Ausflucht eines Schurken ist – dies als Zitat einer Figur von Colonel Dax in "Paths of Glory" von Stanley Kubrick.

Es freut uns aber, dass wir eine solche Veranstaltung machen können, eine solche Herausforderung, die wir hier haben, hätten wir nicht unter normalen Umständen. Es ist reizvoll für einen Theaterschaffenden – um es noch einmal zu sagen – einen politischen Raum zu bespielen; es ist reizvoll für einen Theaterschaffenden, sich nicht nur innerhalb eines in sich hermetisch geschlossenen Kreises von Kulturschaffenden zu bewegen; es ist reizvoll, eine öffentliche Debatte anzureissen; es ist reizvoll, mit Leuten, wie wir sie hier an der Expo treffen, zusammenzuarbeiten. Und ich denke, es ist für uns wirklich eine grosse Aufgabe und wir freuen uns sehr, das zu tun. Ich möchte an dieser Stelle auch noch Wanda Vyslouzilowa vorstellen. Sie wird nämlich das Gesicht unseres Expostücks sein. Sie ist unsere Madame Expo, sie wird quasi den Kopf hinhalten, letzten Endes, weil das ich ja auch eine Sache der Hierarchien: Wir denken uns jetzt das aus, aber schliesslich werden nicht ich und Lukas Bärfuss auf der Bühne stehen, sondern unsere Schauspieler. und es ist mir wichtig zu betonen, dass diese Schauspieler nicht die hirnlosen Ausführer unserer Ideen sind, sondern dass wir ein work im progress haben, und dass wir in dem Sinn versuchen – selbstverständlich arbeitet die Welt gegen das –, dass es in der Gruppe "400asa" keine Hierarchie gibt, sondern dass wir alle gleichberechtigte Arbeiter an der selben Sache sind."

5. Diskussion an der Pressekonferenz

Christian Pauli, "Bund": Ist der 1. August für die Expo eine Kür- oder eine Pflichtveranstaltung?

Martin Heller: Dann waren wir wohl nicht gut im ersten Teil, wenn das nicht klar ist. Für uns ists eine Kür. Pflicht hätte anders ausgeschaut.

NN, ein welscher Kollege fragt zum offiziellen Teil, ob es eine totale künstlerische Freiheit oder einen Rahmen gebe, zum Beispiel zur Integrierung des Bundesratsrede von Samuel Schmid. Heller antwortet, es gebe einen Rahmen: Die "parti théatrale" sei unter der "responsabilité et liberté" von "400asa". Das ganze Theaterstück sei unter deren vollständiger Verantwortung, auch wenn "nous" das Projekt "par curiosité" begleiten würden. Was zuvor sei, Begrüssungen, Ansprache Schmid etc. sei unter der Verantwortung der Expo. "Le point lourd" des Abends sei das Theaterstück.

Auf die weitere Frage eines anderen welschen Kollegen, wie es denn mit den Fahnen auf den anderen Arteplages stehe, gibt der Event-Direktor, Daniel Rosselat, Auskunft: Die Fahnendebatte betreffe nur die Theaterinszenierung in Biel. Dort sei die Frage, ob Fahnen aufgehängt würden oder nicht Teil der Inszenierung und deshalb ein Entscheid von "400asa".

Christoph [?]: Ich hätte eine Frage an Herrn Schwarz. Der Durchschnittsschweizer, wenn ich den mal so nennen darf, der sich die letzten dreissig Jahre die 1. August-Feier immer am Fernsehen angeschaut hat, wird der sich in Ihrem Stück wiederfinden?

Wir werden sehr stark mit Formen von Fernsehveranstaltungen arbeiten, wie die Zuschauer sie kennen. Es werden auch Strukturelemente aus der Eröffnungsfeier, Eröffnungszeremonie vorkommen. Wir werden mit der Art und Weise, wie etwas gefilmt wird, arbeiten, weil das ist ja auch ein wichtiger Bestandteil, es gibt diese Live-Übertragung. Wir können nicht ohne das Bewusstsein davon unsere Feier inszenieren. Es ist eine traditionelle Veranstaltung in dem Sinn, dass wir auf die Tradition des 1. August und auch der Übertragungen davon aufbauen.

Christoph [?]: Inhaltlich?

Inhaltlich ist es eine Beweisführung. Es geht uns drum zu beweisen, dass das Schweizersein ein reiner Verwaltungsakt ist und es keinen mythischen Hintergrund hinter dem Schweizersein gibt. Von dem her können wir sagen. Dies ist unsere Beweisführung – von dem her machen wir klassisch brechtisches Lehrtheater für die Schweiz – natürlich mit einem gewissen ironischen Zwinker, weil wir wissen ja, wie dieses Lehrtheater missbraucht werden konnte in den letzten fünfzig Jahren.

Pauli: Eine Frage zur erhofften Wirkung des Theaterstücks: Es geht ja um die Frage der Identität, und in diesem Fahnenstreit hat man eine erste Reaktion. Nur kann man sagen: Wenn Kurt Wasserfallen einsteigt, dann ist das zwar schön, aber man könnte sich noch mehr wünschen. Was konkret stellt ihr euch vor, wenn es darum geht, einen Diskurs auszulösen? Wer soll daran teilnehmen? Besteht eine Hoffnung, neben Wasserfallen oder der SVP auch noch andere Poltiker einzubeziehen?

Schwarz: Ich denke, wichtig in diesem Zusammenhang ist auch eine neue Form des Schweizerseins, nämlich das sogenannte Swissness, was ja eine Ableitung ist von wellness – was sich in Tyler Brulé-Ästhetik zeigt – oder im ganzen Auftritt der "Swiss"; das sich zeigt in der new economy, der schweizerischen Ausformung der new economy – und ich denke, innerhalb dieser Berufsgruppe, die ja eigentlich auch unser Umfeld darstellt, Grafiker, Medienschaffende, nicht nur mein Vater und mein Grossvater, die sich aufregen wegen der Fahnen –, ich hoffe, dass sich innerhalb dieser Berufsgruppe auch eine Diskussion ergibt über Identitäten, und dass wir da auch eine ziemlich klare Position markieren, nämlich eine kritische Position gegenüber einer gewissen Sorte von Lifestyle, der jetzt den Patriotismus neu entdeckt unter dem Deckmantel von schönem Schein und coolness und hipness.

Markus Brotschi, "Berner Zeitung": Wird denn Bundesrat Samuel Schmid eine Schweizerfahne bekommen, wenn er eine solche will für seinen Auftritt?

Schwarz: Selbstverständlich ist es für uns reizvoll, wenn wir die Schweizerfahne, die Samuel Schmid benutzt hat, dann auch wieder wegnehmen können. Das gibt einen theatralischen Akt zusätzlich und ist eigentlich ein Teil unserer Inszenierung, der uns geschenkt wird.

Heller: Wobei man anmerken muss, dass die Gespräche über die präzise Inszenierung noch nicht stattgefunden haben. Diese Schnittstelle zwischen dem Expoteil und dem Theaterteil, die jetzt eben vielleicht so belastet, aber auch aktiviert werden kann – diese Schnittstelle, die besteht, und wir wissen, dass sie besteht, aber sie ist noch nicht ausformuliert.

Brotschi: Schmid hat noch keine Schweizer Fahne gewünscht?

Heller: Nein, wir haben noch nicht –. Wesentlich ist natürlich auch, diese 1. August-Feier, es gibt nur eine Bühne dazu, das heisst die Rede wird auch irgendwo im Bühnenbild oder vor der Bühne stattfinden. Und das ist eine Arbeit, die eine gewöhnliche inszenatorische Arbeit ist. Da geht es darum, wo ist denn diese Rede, oder der Empfang, und wie wird das dann konkret ablaufen.

Pauli: Haben sie eine Ahnung, zu was Samuel Schmid sprechen wird?

Heller: Nein, das kann ich nicht sagen. Ich nehme an über Identität. (Gelächter)

 

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  Abb. 1