Durch den Monat mit 400asa
WoZ, Juli 2002

Interview: Fredi Lerch

Was tut ihr an der Expo?
Teil 1, 11.7.02

Wo seid ihr beide am 1. August?

Lukas Bärfuss: Abgereist. Auf den Malediven, spätestens ab dem 31. Juli. - Nein, natürlich sind wir auf der Arteplage Biel.

Samuel Schwarz: Ich weiss es noch nicht genau. Vielleicht in der VIP-Lounge, um mich verregnen zu lassen. Oder im Regiezimmerchen von SF DRS.

Wie lautet euer Auftrag?

Bärfuss: Unsere Theatergruppe - «400asa» - hat den Auftrag, im Rahmen der offiziellen 1.-August-Feier an der Expo.02 auf der Arteplage Biel ein Theaterstück aufzuführen. Es dauert eine Stunde, und was den Inhalt betrifft, haben wir Carte blanche ...

Schwarz: ... und das Stück soll ab 20 Uhr auf allen Fernsehsendern des Landes live übertragen und deshalb von den Leuten in allen Landesteilen verstanden werden. Eine knifflige Sache: Wie genau muss was wo übersetzt werden?

Carte blanche tönt gut. Was plant ihr denn?

Schwarz: Inhaltlich geht es um eine Beweisführung. Es geht uns darum, zu beweisen, dass das Schweizersein keinen metaphysischen Hintergrund hat. Von daher machen wir klassisch brechtisches Lehrtheater für die Schweiz - natürlich mit einem ironischen Zwinkern, weil wir wissen, wie dieses Lehrtheater in den letzten fünfzig Jahren missbraucht worden ist.

Bärfuss: Unsere Frage ist: Hat das Schweizersein einen objektiven Kern ...

Schwarz: ... oder ist es ein reiner Verwaltungsakt ...

Bärfuss: ... genau, wie das Erheben der Hundesteuer, zum Beispiel. Wenn wir nicht wüssten, dass wir Schweizer sind, würden wir uns dann trotzdem als solche verhalten? Diese Frage der Identität wollen wir untersuchen und abschliessend beantworten. Damit man sie danach nie mehr stellen muss.

Darf man Näheres zur Story wissen, in die ihr diese Frage packt?

Bärfuss: Wenn ich über die Dinge rede, die ich machen will, dann mache ich sie danach nicht mehr. Wie beim Stück «Meienbergs Tod»: Dort haben wir auch nicht verraten, dass die Leute in Rokoko-Kostümen auftreten und das Ganze ein Spiel im Spiel ist. Einen gewissen Kern muss man einfach zurückbehalten.

Schwarz: Dazu kommt, dass Theatermachen ein Work in Progress ist. Ich halte nicht viel von der Kunstauffassung, die besagt, ein Theaterstück entstehe gleich wie der Stuhl, den ein Handwerker zimmert.

Bärfuss: Ich plädiere für eine Kunst der Krise, die aus dem Bedürfnis heraus kommt, Dinge anders zu zeigen als auf die ihnen genehme Art.

Schwarz: Kunst der Krise müsste aber auch eine Kunst der Verzweiflung sein. Es braucht in jedem künstlerischen Prozess den Moment, in dem die Sinnlosigkeit des Tuns offensichtlich wird und man in ein tiefes Loch fällt. Sonst greift man zu schnell auf Gewissheiten und auf Sicherheiten zurück. Man muss sich bewusst in eine unmögliche Situation bringen, damit man nicht mehr auf Vertrautes zurückgreifen kann.

An dieser unmöglichen Situation arbeitet ihr ja zielstrebig mit euren «Codex.02»-Thesen (vgl. Seite 1) oder der öffentlichen Ankündigung, ihr würdet bei eurer Aufführung keine Schweizer Fahnen dulden.

Bärfuss: Ja, FDP-Nationalrat Kurt Wasserfallen forderte deswegen vom Bundesrat, unser Stück abzusetzen. Ich frage mich, ob er nichts Besseres zu tun hat ...

Schwarz: ... immerhin hat er als Berner Polizeidirektor sein Corps nicht im Griff und trägt die Verantwortung, dass Leute verklopft oder gar umgebracht werden.

Bärfuss: Er taugt wirklich nicht als intellektuelles Gegenüber. Wenn ich mit ihm reden müsste, möchte ich nur von ihm wissen, was auf jenem Balkon passiert ist, als seine Polizisten vor einem Jahr einen Türken, der dort wohnte, derart zusammenschlugen, dass er kurz darauf starb.

Schwarz: Vielleicht entsteht nun um den «Codex.02» eine grössere Debatte.

Zum Beispiel um die Forderung, den Pass zu verbrennen. Ihr müsst ja ziemlich hart im Nehmen sein. Lukas Bärfuss, Sie haben Ende Juni in Klagenfurt gelesen. Wie fühlt man sich, wenn man öffentlich abgekanzelt wird?

Bärfuss: Die Passverbrennung ist eine Solidaritätsaktion mit den Sans-Papiers. Und was Klagenfurt betrifft: Natürlich war es ärgerlich, aber letztlich sind diese Leute nicht wichtig. Sie helfen einem bei der Arbeit nicht. Erstaunt hat mich nur, dass die Jury genau zu wissen vorgab, was Literatur zu sein hat, wovon sie handeln muss, was vorkommen darf und was nicht. Es ist schwierig, ein einigermassen menschliches Verhältnis zu dieser Kritik zu entwickeln. Ich will verletzlich bleiben und mag ihretwegen nicht zynisch werden.

Warum kein Boykott?
Teil 2, 18.7.2002

1991 haben viele Kulturschaffende die 700-Jahr-Feier des Staats boykottiert. Ihr macht an der Landesausstellung das Festspiel zum 1. August. Warum?

Lukas Bärfuss: Theater nährt sich aus staatlichen Strukturen. Wenn wir an einem Theater arbeiten, dann wird unsere Arbeit über Subventionen zu zwei Dritteln vom Staat bezahlt. In diesem Sinn ist es ein kleiner Schritt vom Stadttheater Basel zur 1.-August-Feier in Biel.

Samuel Schwarz: Für mich stellt sich eher die Frage, ob man bei einer Kulturveranstaltung mitmacht, die nationale Identität ausdrücken soll. Ich reibe mich an der bürgerlichen Vorstellung von Kultur; an dieser Erwartungshaltung, Schönes und Sinnerfülltes geboten zu bekommen. Kunst muss nicht sinngebend und erbauend sein.

Sondern?

Schwarz: Es geht eher um Verwirrung, um das Zertrümmern von Gewissheiten und Aufbrechen von Denkstrukturen. Ich glaube an das Theater des Schocks. Das ist ein schwieriges Problem, weil man auch als Künstler das Bedürfnis hat, Sinn zu stiften. Aber der Effekt ist viel grösser, wenn man diese Sinnstiftung verweigert.

Bärfuss: Wir sind eben alle nicht frei von bourgeoisen Sehnsüchten.

Sinn als bourgeoise Sehnsucht?

Bärfuss: Nicht Sinn generell, aber jener Sinn, den solche Veranstaltungen fordern.

Boykott war für euch keine Option. In welcher Tradition seht ihr euch denn?

Bärfuss: Gerade weil ich ein gespaltenes Verhältnis habe zu diesem Staat, kommt mir die Gelegenheit recht. Ich muss nur versuchen, meine andere Sicht durchzusetzen, mit allen Mitteln. Dass man uns als Clowns sehen wird, gehört zum Berufsrisiko. Als Schriftsteller, als Künstler überhaupt, lebt man damit, dass man sich die Narrenkappe überziehen muss, dass man ridikülisiert und nicht ernst genommen wird. Dies als Argument zu nehmen, den Auftrag abzulehnen, wäre nur ein Vorwand für die eigene Feigheit.

Ihr seht im Angebot der Expo demnach mehr Chancen als Risiken.

Schwarz: Spannend ist nur schon, dass es wegen der Liveübertragung am Fernsehen ein viel grösseres Spektrum an Reaktionen geben wird als bei einer gewöhnlichen Aufführung. Mit unseren Theaterstücken bewegen wir uns ja immer mehr in einem hermetischen Raum, einer perfekt geölten Maschinerie, und die Reaktionen werden eigentlich immer unerheblicher. Theater an der Expo ist da viel spannender.

Insofern haben die Kulturboykott-Leute damals einfach eine Chance verpasst.

Schwarz: Nein, die Zeiten waren anders. Ihr Nichtmitmachen war ein Beitrag, der uns mehr Gedankenmaterial gegeben und mehr Bewusstseinsprozesse ausgelöst hat, als wenn sie mitgemacht hätten.

Bärfuss: Der Boykott war ein grösseres Zeichen als alle Zeichen, die man innerhalb dieser 700-Jahr-Feier hätte setzen können. Rund um den Fichenskandal und den Kopp-Rücktritt ist damals viel Dreck an die Oberfläche gespült worden. In diesem Moment 700 Jahre Schweiz zu beschwören, das ging einfach nicht. Landesausstellungen sind da ein bisschen anders.

Gehört die 700-Jahr-Feier nicht in die Tradition der Landesausstellungen?

Bärfuss: Landesausstellungen werden nicht mit einem herbeigelogenen Datum begründet. Sie sind da ehrlicher.

Schwarz: Aber wir haben das Problem mit dem herbeigelogenen Datum auch, wenn wir Theater zum 1. August machen.

Bärfuss: Der 1. August als Bundesfeier ist ein Problem, weil er in der Zeit des Nationalismus eingerichtet wurde. Der Bundesrat gab damals dem Druck der Auslandschweizer nach, die einen Feiertag für den schweizerischen Nationalismus verlangten.

Schwarz: Der 1. August ist auch ein Problem wegen des Rütli-Mythos.

Bärfuss: Das Rütli ist an sich nichts Schlechtes, auch wenn es sich auf die Staatsgründung statt auf die revolutionären Wirren bürgerlicher Herkunft bezieht. Abgesehen davon ist unsere Nationalmythologie ohnehin von Schiller in Weimar uraufgeführt worden.

Trotzdem: Ihr macht das Festspiel zum Nationalfeiertag.

Bärfuss: Wir möchten in Biel beweisen: Dies ist der letzte 1. August, den wir Schweizer veranstalten sollten. Wir müssen die Überflüssigkeit dieser Sache zeigen. Wir haben den Auftrag gekriegt, weil sich am 1. August Sinn nicht von selber einstellt. Darum gibt man ja einer Theatergruppe Geld, damit sie einen Sinn erfindet und den darstellt.

Schwarz: Vielleicht versteht «400asa» halt ihren Auftrag dann so, auf eine produktive Art zu verwirren und sinnzertrümmernd zu wirken.

Wie mutig seid ihr?
Teil 3, 25.7.02

Euer Festspiel zum 1. August wird live auf allen nationalen Fernsehstationen übertragen - einen solchen Auftrag abzulehnen, nur weil man sich dabei zum Clown machen könnte, sagt ihr, wäre feige. Wie mutig seid ihr?

Lukas Bärfuss: Mut ist für mich ein wichtiges Wort. Mut ist nicht moralisierbar. Heute liest man kaum je, ein Kunstwerk sei mutig.

Samuel Schwarz: Im Gegenteil: Unter den Kulturschaffenden gibt es eine wahnsinnige Resignation. Immer muss einer sagen, wos langgeht. Man will zwar moralisch saubere Produkte mit korrekten Aussagen und klarem Sinn. Aber die Leute produzieren immer mehr in quasimilitärischen Strukturen. Mut heisst auch, das Chaos zur Tür hereinzulassen.

Auch an der Expo?

Bärfuss: Wir haben kein Interesse, uns Freunde zu machen. Lieber wollen wir unangenehme Fragen stellen und die Beziehungen belasten, soweit sie zu belasten sind. Man leidet hierzulande an Harmoniesucht. Wer die Widersprüche offen lässt und die Unterschiede herausarbeitet, fordert automatisch die Macht heraus.

Schwarz: Was uns als Problem vollständig bewusst ist: Wenn man nicht aufpasst und zu wenig konsequent der eigenen Idee nachgeht, dann wird man von solchen Betrieben sofort vereinnahmt. Dann macht man Konfektion. Bei unserem Projekt ist das gar nicht möglich, hoffe ich.

Bärfuss: Wir werden es auf jeden Fall zu verhindern suchen.

Ich denke nicht, dass es nur mangelnder Mut war, wenn Kulturschaffende bis in die neunziger Jahre eher autonome subkulturelle Nischen suchten statt die Duelle mit der Macht. Was hat sich denn verändert?

Bärfuss: Es gibt heute nur noch Mainstream! Es gibt keine Möglichkeit mehr, sich in Subkulturen eine vollständige Identität zu geben. In diesen Kontexten gibt es nur noch partielle Identitätsfragmente, mit einer Ausnahme, das ist der religiöse Fundamentalismus. Deshalb ist er so mächtig.

War das vor zehn oder zwanzig Jahren wirklich anders?

Bärfuss: Nehmen wir Niklaus Meienberg als Beispiel: Er hat die ganze Kette der Wertschöpfung vom Schreiben bis zum Verkaufen seiner Arbeiten weitgehend innerhalb seiner linken Subkultur knüpfen können: linker Verleger, linke Redaktionen, linke Leserschaft. Heute ist das nicht mehr möglich.

Schwarz: Aus dieser Macht des Mainstreams ergibt sich ein neues Problem: Wenn wir heute ein Stück machen, dann ist das schon zum Voraus rezipiert; das gibts eigentlich schon, bevor wir anfangen.

Was heisst das?

Schwarz: Eine normale Produktion ist durch die Produktionsstrukturen, durch den Datenstrom, durch die Kanäle, über die sie danach besprochen wird, bereits derart vorbestimmt, dass man zum Vornherein abschätzen kann, was herauskommen wird. Wir müssen es am 1. August schaffen, etwas zu machen, das diese Datenströme, diese Energien umlenkt, damit die Rezeption, die entsteht, nicht abschätzbar ist. So entsteht vielleicht eine neue Subkultur.

Bärfuss: Auch früher war die Arbeit bereits ideologisiert, bevor sie geschrieben wurde.

Schwarz: Aber als Meienberg mit Richard Dindo «Die Erschiessung des Landesverräters Ernst S.» gemacht hat, hat er die Reaktion des Schweizer Fernsehens - den Boykott des Films - nicht vorausgesehen. Durch Allianzen und durch die Vermischung von Themen hat er eine Verwirrung gestiftet, die mehr erzeugt hat, als voraussehbar gewesen ist.

Bärfuss: Ich denke, das Neue ist die Ideologie des Faktischen: Was man sagt, spielt keine Rolle, wichtig ist nur, dass es breit gesendet wird und auf eine möglichst grosse Masse trifft. Das ist die Macht der Unterhaltungsindustrie. Wenn eine Kritik an den heutigen Verhältnissen nötig ist, dann jene an der Macht des Mainstreams. Diese Kritik führt unweigerlich zur Einsicht, dass man sich abkoppeln muss, und das führt dann wohl, man hört es nicht gerne, zur Bildung einer Elite.

Gleich werdet ihr eine neue Kunst-Avantgarde ausrufen.

Bärfuss: Die Macht des Mainstreams ergibt sich aus dem Erfolg des Bürgertums, es bildet seine Interessen darin ab. Will man andere Interessen zeigen, muss man sich willentlich vereinzeln. Dazu muss ich erst aus dem Mainstream ausbrechen, im Wissen, dass es jenseits nichts gibt, nur mich und den Rand. Aber es ist nötig, denn die Bewegung, sagt Lenin bekanntlich, kommt aus den Provinzen.

Wer liess die Affen los?
Teil 4, 1.8.02

Ende letzter Woche wurde der grobe Inhalt eures Expo-Theaterstücks zum 1. August bekannt, obschon ihr darüber nicht reden wolltet. Was ist passiert?

Samuel Schwarz: Eine Indiskretion des Westschweizer Fernsehens. Bereits vor etwa vierzehn Tagen veröffentlichte man dort ein Communiqué mit dem Hinweis auf das Affenexperiment. Ein «Le matin»-Journalist, dem wir den Zugang zu den Proben verweigert haben, veröffentlichte dann dieses Communiqué. Die Deutschschweizer Medien zogen nach.

Bärfuss: Ein bisschen ärgerlich ist es schon. Zuerst hat man eine Informationsstrategie. Dann hält das Fernsehen nicht dicht, das die Unterlagen hat, weil es die Übertragung macht. Und schliesslich wird Unsinn verbreitet wie jener, wir hätten die Bonobo-Affen ausgewählt, weil das die einzigen Tiere seien, die in der Missionarsstellung Sex machten.

Worum geht es denn nun wirklich?

Bärfuss: Um Schweizer und Schweizerinnen, die in Bonobos verwandelt worden sind; um eine Fernseh-Reality-Show; um einen Moderator, der behauptet, es gebe eine metaphysische Gemeinsamkeit aller Schweizer, und um eine Moderatorin, die behauptet, Schweizersein sei ein reiner Verwaltungsakt. Der Moderator versucht dann, anhand der Bonobos seine Behauptung zu verifizieren.

Schwarz: Seine Experimente scheitern. Insofern bieten wir ein Lehrstück, was die Expo-Leute nicht gern haben. Sie finden, das sei zu moralisch.

Bärfuss: Gleichzeitig fragen sie immer wieder nach unserer Haltung. Man versteht hier nicht, dass weder Autor noch Regisseur ihre Haltungen transportieren wollen, sondern dass ein Lehrstück seine eigene Parabel produziert.

Dass Schweizersein ein blosser Verwaltungsakt sei, entspricht nicht eurer Haltung?

Schwarz: Auf der intellektuellen Ebene schon. Aber inszenatorisch ist alles aufgelöst in verschiedenste Zeichen. Das Stück, in dem auch Grundaussagen immer wieder über den Haufen geworfen werden, kann nicht auf eine Aussage reduziert werden. Es wird darin Sinn zertrümmert ...

Bärfuss: ... bis zur letzten Sekunde. Eigentlich bleibt kein Sinn länger bestehen als bis zur nächsten Szene.

Ihr habt bei den Probearbeiten in diesem Monat einige Male Besuch bekommen, zum Beispiel von Expo-Chef Franz Steinegger und vom VBS-Mediensprecher Martin Bühler. Wie ging das zu?

Schwarz: Es war merkwürdig: Diese Besucher fanden das Stück lustig, kamen beschwingt von der Probe, setzten sich mit uns an einen Tisch und begannen dann etwas daherzuintellektualisieren, was mit dem, was zuvor auf der Bühne passiert war, gar nichts zu tun hatte. Sie antizipierten Reaktionen, die sie erwarten.

Bärfuss: Was den Sinn einer künstlerischen Arbeit betrifft, mussten wir jeweils viel erklären: dass Kunst extrapoliert und nicht ausgleicht; dass sie an die Grenzen geht, dorthin, wos fägt, oder dorthin, wos wehtut - ohne Angst vor dem Abstürzen. In diesen Kreisen gibt es keine grössere Angst als genau diese.

Schwarz: Steinegger ermahnte uns zum Beispiel, diese Inszenierung sei für 800 000 Leute und nicht zur Belustigung der Theatergruppe ...

Bärfuss: ... was falsch ist. Brecht hat immer gesagt, Lehrstücke dienten nicht dazu, das Publikum zu belehren, sondern jene, die Theater machen.

Schwarz: In vier Punkten wünscht man nach wie vor Änderungen am Stück: eine kurze Projektion von Friedrich Leibacher ohne Namensnennung soll weg, ein Hinweis auf einen, der an Magenkrebs gestorben sei, und ein Skyguide-Witz. Daneben kommt scheints im ganzen Stück zu viel Sex vor.

Es gibt also Druckversuche, um das Stück inhaltlich zu glätten?

Bärfuss: Ganz eindeutig.

Und lasst ihr mit euch über diese Punkte diskutieren?

Bärfuss: Wir können nichts streichen ...

Schwarz: ... nur so entsteht am Schluss, wenn die Bonobos die Nationalhymne singen, genau dieses ambivalente Gefühl, das wir wollen.

Wenns nach euch geht: Was passiert am Abend des 1. August auf der Arteplage Biel?

Bärfuss: Ein Riesenfest nach der Aufführung. Aber ich habe keine Ahnung, wie die Leute reagieren werden.

Schwarz: Von mir aus kanns ruhig so sein wie sonst auch. Ich hoffe, dass das Stück bei den Leuten in der Erinnerung haften bleibt. Ansonsten ist wichtig, dass wir von «400asa» den Frieden behalten unter uns, dass wir das Stück durchziehen können, wie wir wollen.

zurück


  Abb. 1