PRESSEARCHIV

DIE BAKCHEN - Basler Zeitung - 02.03.2002

Theater im Dunkeln 
400asa mit den «Bakchen» in der Gessnerallee

So muss der blinde Seher Teiresias die Geschichte miterlebt haben: Im Zürcher Theaterhaus Gessnerallee herrscht fast vollständige Finsternis bei der Aufführung von Euripides' «Bakchen». Mal scheint kurz ein Szenenbild auf, ein Grüppchen mit Efeu und «Euoi!», mal sind Fragmente eines Bakchanals im Stroboskop-Geblitze mehr zu ahnen als zu sehen, mal begleiten grünlich-blasse Stummfilmbilder den Live-Gesang.

Die griechische Tragödie ist ein mehrheitlich statisches Theatermedium, was an «Action» herüberzubringen ist, wird als Botenbericht oder Mauerschau erzählt: sie eignet sich formal für ein «Hörtheater», wie es die Gruppe 400asa hier aufführt. In ihren theatralischen Recherchen geht die Gruppe Produktionsmitteln auf die Spur; hier ist es das Licht, das sie ex negativo ins Zentrum stellen. Es gibt aber auch inhaltliche Gründe für die Aufführung im Dunkel, wie sie Regisseur Samuel Schwarz - zusammen mit Autor (hier Dramaturg) Lukas Bärfuss der Kern der Gruppe - festmacht: «Die Sprache des Stücks spielt häufig mit dem Gegensatz von Hell und Dunkel», sagt er, «und natürlich geht es auch um die Übersättigung mit Bildern. Das Grauen, das beim Lesen entsteht, wird man in einer Inszenierung fast nie erreichen. Es ging für uns auch darum, Unbebilderbares unbebildert zu lassen.»

Die Bilder, die sich einstellen, sind Sprachbilder. Raoul Schrotts freie Neudichtung bietet die rhythmische Vorlage, 400asa spielen sie mit sprachlicher Fantasie, mit starktonigen Färbungen und einer breiten Ausdrucksskala aus. Mit ironischer Distanz gehen sie an die Tragödie heran. Frauen und Männer, Männerfantasien von bösen Frauen und ihre Rückspiegelungen von Frauenseite - das ist der Focus der Inszenierung. Zuschauerinnen und Zuschauer sind getrennt, Dionysos spricht das Publikum schon mal auf Gender-Verhalten an, in der Pause gibts Wein für die Frauen...

Medea, die Mänaden, Froschköniginnen, Giftmörderinnen: Männern feindlich gesinnte Frauenfiguren haben im Gegenwartstheater Konjunktur. Man könnte auf die Idee kommen, eine Zeit, in der die Frauen nach langer Unterdrückung endlich ihre Rechte bekommen haben, frage sich angstvoll, wie weit sie nun in ihrer Freiheit zu gehen bereit sind. Für 400asa gab es noch einen Grund, böse Frauen ins Zentrum zu stellen: Es gibt wenig interessante Frauenrollen, und interessant sind nun mal die hässlichen Charaktere.

Der interessanteste Charakter ist in den «Bakchen» Pentheus' Mutter Agaue, die Mänade, die ihrem Sohn eigenhändig den Kopf von der Schulter reisst, weil sie ihn für ein wildes Tier hält. In ihrem Erkennen dessen, was geschehen ist, manifestiert sich die Tragik von Euripides' Drama in ihrem ganzen Schrecken. Im Übrigen gibts viel Spass und sprachliches wie assoziatives Schweifen. Dionysos erscheint mit einem Beben, das von wummernden Techno-Bässen erzeugt ist, die Mänaden tanzen zu Rhythmen, die von der Streetparade hereinzudröhnen scheinen: Ekstase wird durch Ecstasy induziert - das leuchtet ein, sozusagen.

Es gäbe andere Lesarten, wenn man an den brutalen Gott denkt, der da aus dem Orient kommt; Euripides gings wohl auch um die Infragestellung von Göttern. Diese Lesart ist eine Wahl - wenn man sich darauf einlässt, kann man viel Spass damit haben. «Sehenswert»: lässt sich nicht sagen, hörenswert allemal.


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