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Theater im Dunkeln
400asa mit den «Bakchen» in der Gessnerallee
So muss der blinde Seher Teiresias die Geschichte miterlebt haben:
Im Zürcher Theaterhaus Gessnerallee herrscht fast vollständige
Finsternis bei der Aufführung von Euripides' «Bakchen».
Mal scheint kurz ein Szenenbild auf, ein Grüppchen mit Efeu
und «Euoi!», mal sind Fragmente eines Bakchanals im
Stroboskop-Geblitze mehr zu ahnen als zu sehen, mal begleiten
grünlich-blasse Stummfilmbilder den Live-Gesang.
Die griechische Tragödie ist ein mehrheitlich statisches Theatermedium,
was an «Action» herüberzubringen ist, wird als
Botenbericht oder Mauerschau erzählt: sie eignet sich formal
für ein «Hörtheater», wie es die Gruppe
400asa hier aufführt. In ihren theatralischen Recherchen
geht die Gruppe Produktionsmitteln auf die Spur; hier ist es das
Licht, das sie ex negativo ins Zentrum stellen. Es gibt aber auch
inhaltliche Gründe für die Aufführung im Dunkel,
wie sie Regisseur Samuel Schwarz - zusammen mit Autor (hier Dramaturg)
Lukas Bärfuss der Kern der Gruppe - festmacht: «Die
Sprache des Stücks spielt häufig mit dem Gegensatz von
Hell und Dunkel», sagt er, «und natürlich geht
es auch um die Übersättigung mit Bildern. Das Grauen,
das beim Lesen entsteht, wird man in einer Inszenierung fast nie
erreichen. Es ging für uns auch darum, Unbebilderbares unbebildert
zu lassen.»
Die Bilder, die sich einstellen, sind Sprachbilder. Raoul Schrotts
freie Neudichtung bietet die rhythmische Vorlage, 400asa spielen
sie mit sprachlicher Fantasie, mit starktonigen Färbungen
und einer breiten Ausdrucksskala aus. Mit ironischer Distanz gehen
sie an die Tragödie heran. Frauen und Männer, Männerfantasien
von bösen Frauen und ihre Rückspiegelungen von Frauenseite
- das ist der Focus der Inszenierung. Zuschauerinnen und Zuschauer
sind getrennt, Dionysos spricht das Publikum schon mal auf Gender-Verhalten
an, in der Pause gibts Wein für die Frauen...
Medea, die Mänaden, Froschköniginnen, Giftmörderinnen:
Männern feindlich gesinnte Frauenfiguren haben im Gegenwartstheater
Konjunktur. Man könnte auf die Idee kommen, eine Zeit, in
der die Frauen nach langer Unterdrückung endlich ihre Rechte
bekommen haben, frage sich angstvoll, wie weit sie nun in ihrer
Freiheit zu gehen bereit sind. Für 400asa gab es noch einen
Grund, böse Frauen ins Zentrum zu stellen: Es gibt wenig
interessante Frauenrollen, und interessant sind nun mal die hässlichen
Charaktere.
Der interessanteste Charakter ist in den «Bakchen»
Pentheus' Mutter Agaue, die Mänade, die ihrem Sohn eigenhändig
den Kopf von der Schulter reisst, weil sie ihn für ein wildes
Tier hält. In ihrem Erkennen dessen, was geschehen ist, manifestiert
sich die Tragik von Euripides' Drama in ihrem ganzen Schrecken.
Im Übrigen gibts viel Spass und sprachliches wie assoziatives
Schweifen. Dionysos erscheint mit einem Beben, das von wummernden
Techno-Bässen erzeugt ist, die Mänaden tanzen zu Rhythmen,
die von der Streetparade hereinzudröhnen scheinen: Ekstase
wird durch Ecstasy induziert - das leuchtet ein, sozusagen.
Es gäbe andere Lesarten, wenn man an den brutalen Gott denkt,
der da aus dem Orient kommt; Euripides gings wohl auch um die
Infragestellung von Göttern. Diese Lesart ist eine Wahl -
wenn man sich darauf einlässt, kann man viel Spass damit
haben. «Sehenswert»: lässt sich nicht sagen,
hörenswert allemal.
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