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DIE BAKCHEN - Berner Zeitung - 01.03.2002

400asa tappt im Dunkeln
Die Theatergruppe 400asa um die Berner Samuel Schwarz und Lukas Bärfuss hat in völliger Dunkelheit Euripides «Bakchen» in der Zürcher Gessnerallee inszeniert. Ein erhellender Versuch.

Nicole Ziegler

Im Theater, so weiss man, tut man vor allem einmal eines: gucken. Man guckt sich die Bühne, die Lichtführung, die Kostüme, natürlich die Schauspielerinnen und Schauspieler, aber auch die Sitznachbarn und das restliche Publikum an. Dabei hört man - meistens jedenfalls - auch noch Text. Was aber passiert, wenn man dem Theaterpublikum diese Hauptbeschäftigung einfach wegnimmt? Was bleibt, wenn das Stück im Dunkeln stattfindet?

Keine Fluchtmöglichkeiten
Der junge Regisseur Samuel Schwarz, der 1999 mit seiner Inszenierung der «Italienischen Nacht» zum Star der freien Schweizer Theaterszene avancierte, rückt das Stück damit in ein neues Licht. Ihm ist klar, dass dieser Mythos vom Gott Dyonisos, dem Gott des Weines und des Rausches, der den nicht gottesfürchtigen Herrscher Thebens, Pentheus, strafen will, heute lediglich auf einem historisch-mythologischen Hintergrund spannend ist. Eingeschüchtert oder verängstigt wird das Theaterpublikum von solchen Bühnenstoffen schon lange nicht mehr.

Ausser, ja ausser es wird in die absolute Dunkelheit gesetzt und von wild gewordenen Weibern und Göttern umtanzt. Und - das Schlimmste - die Fluchtwege sind nicht mit grün-weissem Leuchtschild gekennzeichnet. «Aber im Notfall, also wenn das Theater brennt, dann ist es ja hell», meint lakonisch der Feuerwehrmann bei der Instruktion des in ein Frauen- und ein Männerabteil getrennten Publikums.

Lichte Traumszenen
Wer zu Beginn des Abends noch gehofft hat, die kurzen beleuchteten Szenen würden das Dunkel dann doch überwiegen, musste sich schnell vom Gegenteil überzeugen. Tatsächlich gibt 400asa nur spärlich visuellen Einblick in das, was sie in dieser zweistündigen «Inszenierung» aufleben lassen. So werden Szenen nur während Sekunden mit Scheinwerfern, Lichtblitzen oder von einem Feuerschein erhellt. Kaum guckt man hin, ist alles schon vorbei: ein kleiner, lichter Traum. Und auch die projizierten Filmszenen bringen nur selten Licht ins Dunkel.

So ums Bild betrogen, muss sich die Aufmerksamkeit des Publikums plötzlich auf ganz anderes konzentrieren: auf das Gekicher und Schnalzen der berauschten Weiber, die verängstigte Stimme des Hirten, den selbstherrlichen Ton des Pentheus und immer auch auf die Musik. Die Geschichte entspinnt sich mit dem Hören, die einzelnen Bilder weisen der eigenen Fantasie lediglich die Richtung. Die Isolation des Geräusches ist anregend, das Nichtsehen gibt die Ohren frei. Und Schwarz dem Stück einen gewissen Nervenkitzel zurück.

Nuschelndes Ärgernis
Dennoch ist dieser 400asa-Abend streckenweise anstrengend. Weil es ärgert, wenn man kaum versteht, was einer in der Dunkelheit nuschelt. Und weil man sich im Rahmen dieses Experimentes doch ein vielfältigeres Geräuschinventar gewünscht hätte als eines, das nach einer spannenden Anfangsphase bald bekannt ist und kaum mehr Neues bringt. So wird es schwierig, am Geschehen dranzubleiben, und ganz plötzlich denkt man über anderes, als Dyonisos und die wilden Weiber nach: Ob die Sitznachbarin in der Nase poppelt oder einfach schläft?

Schade, denn eigentlich ist dieser Theaterhörspielversuch auf jeden Fall - hörenswert. 


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