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400asa tappt im Dunkeln
Die Theatergruppe 400asa um die Berner Samuel Schwarz
und Lukas Bärfuss hat in völliger Dunkelheit Euripides
«Bakchen» in der Zürcher Gessnerallee inszeniert.
Ein erhellender Versuch.
Nicole Ziegler
Im Theater, so weiss man, tut man vor allem einmal eines: gucken.
Man guckt sich die Bühne, die Lichtführung, die Kostüme,
natürlich die Schauspielerinnen und Schauspieler, aber auch
die Sitznachbarn und das restliche Publikum an. Dabei hört
man - meistens jedenfalls - auch noch Text. Was aber passiert,
wenn man dem Theaterpublikum diese Hauptbeschäftigung einfach
wegnimmt? Was bleibt, wenn das Stück im Dunkeln stattfindet?
Keine Fluchtmöglichkeiten
Der junge Regisseur Samuel Schwarz, der 1999 mit seiner Inszenierung
der «Italienischen Nacht» zum Star der freien Schweizer
Theaterszene avancierte, rückt das Stück damit in ein
neues Licht. Ihm ist klar, dass dieser Mythos vom Gott Dyonisos,
dem Gott des Weines und des Rausches, der den nicht gottesfürchtigen
Herrscher Thebens, Pentheus, strafen will, heute lediglich auf
einem historisch-mythologischen Hintergrund spannend ist. Eingeschüchtert
oder verängstigt wird das Theaterpublikum von solchen Bühnenstoffen
schon lange nicht mehr.
Ausser, ja ausser es wird in die absolute Dunkelheit gesetzt
und von wild gewordenen Weibern und Göttern umtanzt. Und
- das Schlimmste - die Fluchtwege sind nicht mit grün-weissem
Leuchtschild gekennzeichnet. «Aber im Notfall, also wenn
das Theater brennt, dann ist es ja hell», meint lakonisch
der Feuerwehrmann bei der Instruktion des in ein Frauen- und ein
Männerabteil getrennten Publikums.
Lichte Traumszenen
Wer zu Beginn des Abends noch gehofft hat, die kurzen beleuchteten
Szenen würden das Dunkel dann doch überwiegen, musste
sich schnell vom Gegenteil überzeugen. Tatsächlich gibt
400asa nur spärlich visuellen Einblick in das, was sie in
dieser zweistündigen «Inszenierung» aufleben
lassen. So werden Szenen nur während Sekunden mit Scheinwerfern,
Lichtblitzen oder von einem Feuerschein erhellt. Kaum guckt man
hin, ist alles schon vorbei: ein kleiner, lichter Traum. Und auch
die projizierten Filmszenen bringen nur selten Licht ins Dunkel.
So ums Bild betrogen, muss sich die Aufmerksamkeit des Publikums
plötzlich auf ganz anderes konzentrieren: auf das Gekicher
und Schnalzen der berauschten Weiber, die verängstigte Stimme
des Hirten, den selbstherrlichen Ton des Pentheus und immer auch
auf die Musik. Die Geschichte entspinnt sich mit dem Hören,
die einzelnen Bilder weisen der eigenen Fantasie lediglich die
Richtung. Die Isolation des Geräusches ist anregend, das
Nichtsehen gibt die Ohren frei. Und Schwarz dem Stück einen
gewissen Nervenkitzel zurück.
Nuschelndes Ärgernis
Dennoch ist dieser 400asa-Abend streckenweise anstrengend. Weil
es ärgert, wenn man kaum versteht, was einer in der Dunkelheit
nuschelt. Und weil man sich im Rahmen dieses Experimentes doch
ein vielfältigeres Geräuschinventar gewünscht hätte
als eines, das nach einer spannenden Anfangsphase bald bekannt
ist und kaum mehr Neues bringt. So wird es schwierig, am Geschehen
dranzubleiben, und ganz plötzlich denkt man über anderes,
als Dyonisos und die wilden Weiber nach: Ob die Sitznachbarin
in der Nase poppelt oder einfach schläft?
Schade, denn eigentlich ist dieser Theaterhörspielversuch
auf jeden Fall - hörenswert.
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