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Kaputt genug fürs Heile.
Die Bakchen von 400asa in Zürich
Es ist die denkbar beste Inszenierung einer antiken Tragödie,
die man je gesehen hat. Die "Bakchen" von Euripides,
nachgedichtet von Raoul Schrott, in der Konzeption der berüchtigten
Gruppe 400asa. Gehörnte Schauspielerinnen weisen die männlichen
Zuschauer auf die Tribüne und unterweisen die weiblichen,
die ums Spielfeld sitzen, im Singen, Klatschen, Lachen. Jetzt
kann die Tragödie im Zürcher Theaterhaus Gessnerallee
beginnen - die Krise zwischen Mensch und Theatergott Dionysos,
Nichtigem und Erhabenem, transformiert in eine Zuschauerkrise
im Schauspiel ohne Spiel, dem die Bilder fehlen. Denn wir sind
im Dunklen. Selbst die Notausgangsleuchten sind ausgeschaltet.
Vor zwei Jahren wurde die renommierte Gruppe ausgezeichnet für
ihre Verhüllung "Medeää: 214 unverständliche
Bildbeschreibungen. Jetzt verfährt Samuel Schwarz umgekehrt
: nur Inhalt, keine Bilder. Acht Schwarzspieler unterrichten uns
über Dionysos' Mutter, die vom Blitz erschlagen wurde, als
sie ihren Beischläfer Zeus zu sehen begehrte, und über
Pentheus, der den Wein- und Theatergott nicht erkennen will. Aber
die dionysisch verzückten Bakchen, darunter Pentheus's Mutter,
will der ungläubige Voyeur sehen und wird eben darum von
ihnen zerrissen.
Nicht sich hingeben, bloss sehen -"als Zuschauer, ja, in
sicherer Entfernung" - das kommt in den "Bakchen",
in Bibel oder Thora ( Ex 19, 20-25 ) einem Todesurteil gleich.
Aber wir sind noch nicht gerettet, denn was wir hören,
ist ein Graus, von dem man sich entfernen will. Die Sprechweisen
durchziehen den Text mit Ramsch und Kitsch. Der Sound schliesst
Dionysisches mit Disco kurz, Schrittdröhnen sorgt für
billigen Geisterbahngrusel, und die jämmerliche akkustische
Mitmacherei der Theaterbesucherinnen macht die Peinlichkeit voll.
Nicht ganz. Zuweilen erhellen Videochaos oder Stroboskop die Szene,
eine elende Maskerade: Bakchen in spiessigen Corsagen, Dionysos
als Pop-Nazerener in Rosa. Nichtiger geht es nicht mehr. Pentheus
heisst "Pein". Die Inszenierung ist restlos, also "göttlich"
immunisiert mit Euripides' Stoff, mit Qual, Peinlichkeit, Aberwitz.
Wer sie ablehnt, sich distanziert, macht sich zum Pentheus, begeht
gewissermassen Wahrnehmungsselbstmord. Wer sich bis ins Detail
hingibt, kommt nicht darum herum, mit dem pseudogöttlichen
Schwundspiel zu rechten und so seine bessere, ja beste Vorstellung
vom Theater der "Bakchen" zu produzieren und zu rechtfertigen.
Das ist die List : Das Ideale in uns provozieren mit Wüstem,
das Erhabene mit Nichtigem, das heile Ganze mit Kaputtem, die
Vision mit Blindheit - die "Bakchen" mit dem Versprechen,
die "Bakchen" zu spielen. Mehr ist dieses Spiel mit
dem Publikum nicht. Es geht weiter. 400asa wird offiziell an der
Expo zum Nationalfeiertag eine Art Festspiel basteln. Ein Versprechen,
das nun wirklich die hanebüchensten eidgenössischen
Vorstellungen weckt.
GUENTHER FAESSLER
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