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DIE BAKCHEN - MUSIK UND THEATER - 12.06.2002

Kaputt genug fürs Heile.

Die Bakchen von 400asa in Zürich

Es ist die denkbar beste Inszenierung einer antiken Tragödie, die man je gesehen hat. Die "Bakchen" von Euripides, nachgedichtet von Raoul Schrott, in der Konzeption der berüchtigten Gruppe 400asa. Gehörnte Schauspielerinnen weisen die männlichen Zuschauer auf die Tribüne und unterweisen die weiblichen, die ums Spielfeld sitzen, im Singen, Klatschen, Lachen. Jetzt kann die Tragödie im Zürcher Theaterhaus Gessnerallee beginnen - die Krise zwischen Mensch und Theatergott Dionysos, Nichtigem und Erhabenem, transformiert in eine Zuschauerkrise im Schauspiel ohne Spiel, dem die Bilder fehlen. Denn wir sind im Dunklen. Selbst die Notausgangsleuchten sind ausgeschaltet.

Vor zwei Jahren wurde die renommierte Gruppe ausgezeichnet für ihre Verhüllung "Medeää: 214 unverständliche Bildbeschreibungen. Jetzt verfährt Samuel Schwarz umgekehrt : nur Inhalt, keine Bilder. Acht Schwarzspieler unterrichten uns über Dionysos' Mutter, die vom Blitz erschlagen wurde, als sie ihren Beischläfer Zeus zu sehen begehrte, und über Pentheus, der den Wein- und Theatergott nicht erkennen will. Aber die dionysisch verzückten Bakchen, darunter Pentheus's Mutter, will der ungläubige Voyeur sehen und wird eben darum von ihnen zerrissen.

Nicht sich hingeben, bloss sehen -"als Zuschauer, ja, in sicherer Entfernung" - das kommt in den "Bakchen", in Bibel oder Thora ( Ex 19, 20-25 ) einem Todesurteil gleich.

Aber wir sind noch nicht gerettet, denn was wir hören, ist ein Graus, von dem man sich entfernen will. Die Sprechweisen durchziehen den Text mit Ramsch und Kitsch. Der Sound schliesst Dionysisches mit Disco kurz, Schrittdröhnen sorgt für billigen Geisterbahngrusel, und die jämmerliche akkustische Mitmacherei der Theaterbesucherinnen macht die Peinlichkeit voll. Nicht ganz. Zuweilen erhellen Videochaos oder Stroboskop die Szene, eine elende Maskerade: Bakchen in spiessigen Corsagen, Dionysos als Pop-Nazerener in Rosa. Nichtiger geht es nicht mehr. Pentheus heisst "Pein". Die Inszenierung ist restlos, also "göttlich" immunisiert mit Euripides' Stoff, mit Qual, Peinlichkeit, Aberwitz. Wer sie ablehnt, sich distanziert, macht sich zum Pentheus, begeht gewissermassen Wahrnehmungsselbstmord. Wer sich bis ins Detail hingibt, kommt nicht darum herum, mit dem pseudogöttlichen Schwundspiel zu rechten und so seine bessere, ja beste Vorstellung vom Theater der "Bakchen" zu produzieren und zu rechtfertigen. Das ist die List : Das Ideale in uns provozieren mit Wüstem, das Erhabene mit Nichtigem, das heile Ganze mit Kaputtem, die Vision mit Blindheit - die "Bakchen" mit dem Versprechen, die "Bakchen" zu spielen. Mehr ist dieses Spiel mit dem Publikum nicht. Es geht weiter. 400asa wird offiziell an der Expo zum Nationalfeiertag eine Art Festspiel basteln. Ein Versprechen, das nun wirklich die hanebüchensten eidgenössischen Vorstellungen weckt.

GUENTHER FAESSLER


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