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Dithyrambos und Rambo-Techno
"Bakchen", gehört von der Schweizer Gruppe 400
ASA
Zum dritten Mal hat sie sich den "Bösen Frauen"
gewidmet, die Schweizer Theaterformation 400 ASA um den Autor
Lukas Bärfuss und den Regisseur Samuel Schwarz. Immer auf
der Suche nach Theater ohne Illusionen, hat die experimentierfreudige
Gruppe ihre "Bakchen"- Inszenierung, die am Mittwoch
im Theaterhaus Gessnerallee Premiere hatte, ohne Licht auf die
Bühne geworfen: grossenteils ein Fischen im Trüben.
"Medeää" war nicht zum Anschauen gewesen.
Und jetzt, bei den "Bakchen", sieht man nichts. Die
freie Schweizer Theaterformation 400 ASA, benannt nach der Lichtempfindlichkeit
von Fotofilmen, hat ihre Sensibilität bis zum Gehtnichtmehr
geschärft - und munkelt nun im Dunkeln. Munkelt von bösen
Frauen und wild gewordenen (Theater-)Produktionsmitteln, munkelt
von Mythos und Materialschlachtungen. Diesmal wurde im Wesentlichen
eins geschlachtet: das Licht. Der Spot, das Rampenlicht, der Farbeffekt.
Mal huscht eine Taschenlampe durch den Raum, mal blitzt sekundenkurz
das Stroboskop, mal zuckt ein Flash, ein Videoschnipsel von "Blair
Witch Project"-Qualität (Video: Robert Lehniger). Ansonsten
gilt: alle Macht dem Ohr. Und fürs Ohr lässt die Gruppe
um den Autor Lukas Bärfuss und den Regisseur Samuel Schwarz
Bacchanalien feiern: Ihre neue Produktion, die am Mittwoch im
Theaterhaus Gessnerallee Premiere hatte, setzt - erstmals in der
Schweiz - frei um, was der Dichter Raoul Schrott frei übersetzt
hat, als er Euripides' Tragödie "Bakchen" las (und
dass Schrotts Übertragungen genial sind, aber nicht unbedingt
kongenial, ist bekannt). Alle Macht also den peitschenden Rhythmen
von Dithyrambos und Rambo-Techno, dem gellenden "Ev-hoi!
Ev-hoi!", dem Kichern und Seufzen der Frauen, dem Keckern
und Brüllen der Männer.
Nach Medea ("Medeää - Böse Frauen II")
und Alexander ("Vier Frauen - Böse Frauen III")
steht diesmal ein antiker Gott im Kern des Geschehens: Dionysos,
der Berauschte und Berauschende, der Rachedurstige; der Theatergott.
400 ASA hat mit "Bakchen" das schwierigste, umstrittenste,
letzte Stück von Euripides ausgesucht; jenen rasenden Gottesdienst,
der sowohl als Religionskritik wie auch als Religionsumarmung
verstanden werden kann, der mit Schein und Sein spielt - spielt
er? - und, ganz modern, vor allem eins ist: offen. Denn Ungeheuer
sind sie darin alle: Mensch und Gott. König Pentheus, der
Dionysos verfolgt, seine Mutter Agaue, die im Wahn ihren eigenen
Sohn zerfleischt, und Dionysos, der sie dazu treibt. Trieb-Manie
und Ordnungs-Wut: beides schauerlich.
Mirko Thieles androgyner Dionysos sucht die Vaterstadt seiner
toten, gedemütigten Mutter, scheinbar harmlos, in rosa Négligé
und Pantoffeln heim (Kostüme: Rudolf Jost). Die Frauen Thebens
folgen ihm in Corsagen und Netzstrümpfen auf den Berg - wo
sie, wenn sie nicht gerade chorisch lispeln, stöhnen oder
flüstern, wenn sie nicht gerade Rinder reissen oder Männer
zerfleischen, die Stricknadeln klappern lassen. - Keine Freiheit,
nirgends für das schwache Geschlecht, kommentiert diese Regie.
Und: alles nur Projektion. Alles nur voyeuristische Phantasie
verblendeter - blinder - Männer, die, wie der Law-and-Order-König
Pentheus, der die Damen bestrafen will, in Baumkronen sitzen und
doch nichts sehen. So, wie die männlichen Zuschauer dieser
Premiere, die, von der Tribüne aus, im Dunkel hinunterstarrten
auf die Bühne; auf uns Frauen, die wir unten sassen und zusammen
mit den Mänaden (Karin Berry, Rebecca Klingenberg, Tilla
Rüegg und Wanda Vyslouzilova) schmatzen, singen und klatschen
sollten. Hörtheater interaktiv.
Er hat sich etwas einfallen lassen, der Regisseur Samuel Schwarz,
der in seinen Inszenierungen immer versucht, Theaterillusionen
aufzubrechen. Und doch weiss, dass nichts mehr Bilder in die Hirne
zaubert als eben die - Bilderlosigkeit. Die Bilder wachsen aus
Tönen. Da röhrt der rächende Gott, nach Schrotts
bibelfester Übersetzung, "Ich bin der ich bin".
Da wummern die Bässe, da poltert König Pentheus - ein
zweistimmiges, ein gespaltenes Geschöpf (Schwarz und Philipp
Stengele) - von der Tribüne, da setzt der Soldat mit hohlem
Gelächter ironische Akzente (Raphael Urweider), und die Mänaden,
allen voran Rebecca Klingenberg, zischen und säuseln. Das
alles funktioniert schon. Aber es könnte besser funktionieren,
wenn etwa die Sprechtechnik der Schauspieler besser wäre.
Wenn man einfach mal, ausnahmsweise, auf die ach so komischen
Schriftdeutsch radebrechenden Schweizer verzichtet hätte.
Wenn das musikalische Konzept (Urweider) dezenter wäre, ohne
Mitsingversli und Heavy Metal zum Beispiel. Wenn das politische
Résumé - Kommunismus, eine arme, gejagte Schimäre
- nicht so herumproletet würde. Er hat sich durchaus was
einfallen lassen, der Regisseur. Was für eine wirklich schöne
halbe Stunde Textbesäufnis und Rhythmusrock. Was für
ein paar Lacher und ein bisschen Reflexion. Aber nichts für
einen ganzen Theaterabend. Für den muss es leider, frei nach
Brecht, heissen: die im Dunkeln hört man nicht.
Alexandra Kedves
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