PRESSEARCHIV

"CH-ROCK" - BERNER ZEITUNG, 25.9.2004

Auf und ab im Schweizer Rock'n'Roll-Land

Auf der Suche nach dem Geheimnis des «CH-Rock» spielt sich die freie Theatergruppe 400asa als klassische Rockband die Finger wund. Die Quintessenz des Abends: Erwachsen werden muss auch ein Rockstar.

Judith Wyder

Mit einem minimalen Aufwand das Maximum an Effekten erreichen war schon immer die Qualität der freien Theatergruppe 400asa. Und darum erstaunt es nicht, dass die Formel «Reduce to the max» des englischen Klangtüftlers Brian Eno auch bei ihrem neusten Stück zur Anwendung kommt, einer Expedition ins düstere und fragile Herz des CH-Rocks.

Sitzen oder tanzen

Noch bevor die musikalische Reise wirklich losgehen kann, soll das Premieren-Publikum in der Roten Fabrik selber entscheiden, wie es den Abend vor der Bühne verbringen will. Wie an einem Rockkonzert stehend und später vielleicht wild tanzend? Auf Gummimatten im Zuschauerraum meditierend? Oder gar ein bisschen faul, aber wie im Theater üblich sitzend? Das Publikum entscheidet sich grösstenteils für die faule Variante, was bedeutet, dass die Theaterfreunde dazu verdonnert sind, die Sitzgelegenheiten selber ranzuschaffen und in Reih und Glied vor der Bühne aufzustellen. Doch diese Suppe haben sie sich selber eingebrockt.

Weniger um das eigene Wohl besorgt, sondern zu allen (Schand)-Taten bereit, scheint die Band «CH-Rock» zu sein. Ihr trüber Blick lässt vermuten, dass sie in der bewährten Minimal-Formation Schlagzeug, Bass, Gitarre, Gesang in Kürze in der linken Bühnenhälfte zum grossen Schlag ausholen wird. Doch bevor sich die Gruppe in die Abgründe des CH-Rocks begibt, verschiebt sich Rolf (Michael Sauter), der langhaarige Drummer mit dem auffallend grossen Kreuz um den Hals, in Richtung rechte Bühnenhälfte zum Kühlschrank. Als er diesen einen Spalt öffnet, beginnt ein Radiointerview mit Sänger Friedli aus den Boxen zu plärren; es könnte aber auch Polo-National sein, der da über Südstaatenrock und Louisiana philosophiert. Rolf kümmerts so oder so nicht, er ist Schlagzeuger und spricht wie die meisten Schlagzeuger eh nie.

Die Show, die sowohl das Dasein der Band «CH-Rock» auf und neben der Bühne schildert - das ständige Auf und Ab, das Zweifeln und Zwängen, den Seelenstrip par excellence -, beginnt brachial und kompromisslos. Gitarrist Studer (Frank Heierli) legt schon im ersten Drittel des Konzerts mit nacktem Oberkörper das obligate Testosteron-Solo an der Gitarre hin. Sänger Friedli (Samuel Schwarz), den die langen Haare irgendwie in den Boden drücken, kotzt sich konsequent die Seele aus dem Leib, wenn er über die «Huere Schwiiz» nachdenkt. Dass er bald in der Psychiatrischen Anstalt eine Zwangspause einlegen muss, ist die Konsequenz der totalen Verausgabung.

Mani Matter wie der Papst

Seinen Job hinter dem Mikrofon übernimmt die Punk-Sängerin Sand (Wanda Wylowa), die eigentlich wie ein Mann aussieht und auch so spricht. An ihr beisst sich Rocker-Bassist Fredi (Philipp Stengele) zuerst die Zähne aus, verflucht sie, bis die harte Frau den harten Jungen auf ihre Weise weich kocht.

Im Laufe der Karriere der «CH-Rock»-Band passiert so einiges. Das Bild von Mani Matter verbrennt Sänger Friedli öffentlich auf der Bühne - genauso wie einst die irische Sängerin Sinead O'Connor dasjenige des Papstes zerriss. Der 11. September wird kurzerhand mit dem 1. August verlinkt. Und «Killing an Arab» von The Cure verwandelt sich mit neuer musikalischer Begleitung in «Ech töte en Araber».

Von der kleinen Band, der einst der linke Bühnenrand genügte, mausert sich «CH-Rock» zum Anheizer auf der grossen Bühne. Dort bleibt die Gruppe vom Schlimmsten, was einer Band widerfahren kann, nicht verschont: der Wiedervereinigung. Friedli, «der Wilde», «die Saftwurzel», «der Fels in der Brandung», der schon früh den Teufel beim Autostoppen aufgegabelt hatte, kehrt zurück und teilt sich das Mikrofon fortan mit Sand. Die Sängerin ist nun eine sexy Blondine, deren Nerven ziemlich an ihr zehren. Ihre Songs handeln nur noch von ihr. «De Bulle id Frässe schloh» jaulte sie früher. Und heute: «Chumm hau mi ab».

«Das finstere, Wolken verhangene Land», die Schweizer Heimat, holt die Truppe wieder ein, die Enge vom linken Bühnenrand, der Anfang. Die Stücke sind die gleichen geblieben, die Hemden sind farbiger, der Sound leichter geworden.

400asa lassen das Publikum an ihren glanzvollen Auftritten und ihrem Scheitern teilnehmen. Sie stülpen das Innere nach aussen. Sie rocken und rollen, bis es weh tut. Sie zeigen auf, dass das Leben auf der Bühne nichts mit dem Alltag neben der Bühne zu tun hat. Die Quintessenz des Abends könnte lauten: Erwachsen werden muss auch ein Rockstar.

 


[zum Pressearchiv]