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"CH-ROCK" - DER BUND, 25.11.2004

Wer die Seele verkauft
Ein Theaterstück über den schweren Stand der Rockmusik im «Musicstar»-Zeitalter

Die freie Theatergruppe 400asa macht Musik. Das Stück «CH-Rock», eigentlich ein Konzert, beschreibt die Leiden einer Band auf dem Weg zum Erfolg. Ein ruppiger Konzertabend - Gesellschafts- und Kulturkritik inbegriffen.

MICHAEL SAHLI

Da können sich die Kritiker noch lange die Finger wund schreiben: Wenn Musiker sich farbige Hüte aufsetzen und sich beim Musizieren auf eine bescheidene Anzahl Akkorde und eindringliche Melodien beschränken, dann dürfen sie auf Erfolge hoffen. Wenn sie dann noch der Versuchung widerstehen, schwer Verständliches abzusondern und ungepflegt zu wirken, gelingt es möglicherweise gar, ein Publikum zu gewinnen, welches nicht nur aus persönlichen Bekannten, Kunstbeflissenen oder professionellen Rezipienten besteht. Und dann, vielleicht, wird aus der brotlosen Kunst ein Broterwerb. Sicher, es gibt Ausnahmen: Könner und begnadete Selbstdarsteller schaffen es auch so; irgendwann. Aber Talente sind dünn gesät. Simple Formeln wie diese treffen vor allem auf Bands zu, wie jene, die von der Theatergruppe 400asa ins Leben und auf die Bühne gerufen worden ist: Die «CH-Rockband» ist der Inbegriff jener eher mittelmässig motivierten Kapellen, wie sie landauf, landab in muffigen Übungskellern proben, dabei viel Bier trinken, mit dem Schicksal hadern und - ziemlich dreist - mit dem Erfolg liebäugeln.

Ein Sänger ist ein Schauspieler

400asa laden ein, dem «Geheimnis des CH-Rocks» auf die Spur zu kommen. Die Gruppe wählt dazu den direktest möglichen Weg: Sie bittet im Tojo der Reithalle zum Konzert. Der Sound ist laut, die Inszenierung beschränkt auf bescheidene Mittel und Effekte. Während das spärlich erschienene Publikum lieber in Sesseln oder auf Matratzen fläzt, vermischen derweil sich die Grenzen zwischen Musik und Theater. Wozu auch trennen was zusammengehört: Rockstar ist, wer gut schauspielert - und umgekehrt.

Die von Urs Bräm und dem Ensemble erarbeitete Geschichte beschreibt das Auseinanderbrechen einer urig ungestüm aufspielenden Rockband, die mit jedem «Söngli» immer mehr und mehr Dreck ins schnaubende Getriebe schaufelt - anfänglich fern jedes kommerziellen Gedankens. Laut, schrill und böse lugt der Sänger ins Publikum, dem er sich Abend für Abend mit Haut und Haar stellt. Es lebe der Rock 'n' Roll; der Punk - die Revolution! Wäre da nicht ein Rockmonster, welches dem Sänger im Rücken sitzt, und der unablässig schwafelnder Kritiker, der immer dann ertönt, wenn der Biervorrat angezapft wird, die Gruppe würde wohl ewig vor sich her dümpeln. Doch das an den Teufel erinnernde Monster fordert seinen Tribut: Seele gegen Erfolg.

Ende gut, alles schlecht

Der leidende Rockstar Friedli (Samuel Schwarz - sein kraftvolles Spiel zieht in Bann) zerbricht an den Gesetzen des Kommerzes. Die Band (Frank Heierli, Gitarre; Michael Sauter, Drums; Philipp Stengele, Bass - tolle Songs!!) bricht unter dem Einfluss einer neuen Sängerin (Wanda Wylowa - musikalisch bis in die Haarspitzen) an neue Ufer auf.

«CH-Rock» ist ein zweistündiges Klagelied über den Wertezerfall der Szene im Zeitalter von «Musicstar». Fazit: Ende gut - alles schlecht! Songs werden zum Produkt. Ein lümmelnder Haufen wird zur Band. Aus Punk wird Pop. Die störrischen Individualisten von einst sind nur noch der Schein ihrer selbst. 400asa bemängelt, dass dem Schweizer Rock, geboren in der heimischen Postkartenidylle, die Themen auszugehen drohen, dass nur noch ankommt was lau, statt böse ist und nimmt damit den Kritikern die Worte aus dem Mund. Die Erfolgreichsten werden aber auch weiterhin nicht die Besten sein.


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