Parodie der Parodie
«CH-Rock» von 400asa im Fabriktheater
Als wir hinfuhren am Abend, war's trocken; als wir gingen in der Nacht, fiel heftiger Regen. In jenen zwei Stunden, die wir am Donnerstagabend im Fabriktheater der Roten Fabrik zugebracht hatten, hatte sich die Wirklichkeit verändert. Dagegen evozierte «CH-Rock», ein Musiktheater (bzw. ein «Sensationeller Live-Act») der Theatergruppe 400asa eher eine Welt mythischer Gegenwärtigkeit. Die Zeit schien hier gefangen in einer Endlosschlaufe; und das Bühnenpersonal, ausgeschmückt mit Rocker-Insignien wie schönen langen Haaren und harten Muskeln, blieb kleben an fixen Rollen und Klischees.
«CH-Rock» - ein Stück von und mit Urs Bräm, Frank Heierli, Rudolf Jost, Michael Sauter, Samuel Schwarz, Philipp Stengele, Wanda Wylowa - kreuzt quasi zwei Mythologien: jene der Nation und jene des Rock'n'Roll. In diesem Zusammenhang erweist sich die rituelle Wiederkehr gleicher zwanghafter Reden, Gesten, Rhythmen, Klänge - «und no es Söngli, und no es Söngli» - eigentlich als würdiges Thema. Und ein bisschen originell ist auch die Idee, urschweizerische Klage über die Enge einmal nicht von müden Literaten, sondern von abgewrackten Punks und Rockern nachbeten zu lassen.
Wo der Blues aber die helvetische Seele befällt, drückt er sich zumeist auf Berndeutsch aus - das gilt auch für die CH-Rock-Band, die ihren Namen übrigens vom alten Wort «Ruck» ableitet: «Ruck» und «Rock» stehen für die Befriedigung der Lenden und die Befreiung der Gesellschaft. - «CH-Rock» zeigt nun beiläufig eine typisierte Bandgeschichte als Schlaufe (mit einigen Anspielungen an nationale und internationale Rock- Acts). Die Gründung erweist sich als ein Pakt mit dem Teufel. Kein Wunder, werden die Musiker, während die Songs immer virtuoser und härter tönen, von Streit und Unbill heimgesucht. Der Bassist stirbt, und der gruftihafte Metal-Sänger Friedli, der in einer psychiatrischen Anstalt landet, wird durch die schnöde Punkerin Sand ersetzt. Irgendwann klingt der Sound kommerzieller, amerikanischer; zwischen dunklen, speckigen Klamotten beginnen Farben zu leuchten, Glitter zu funkeln. Die Credibility sucht die Band zum Schluss an einem Reunion-Konzert zurückzugewinnen, an dem die Mitglieder wieder vereint alte Tage feiern, alte Titel trällern.
Auch für das Theaterpublikum heisst das leider, dass es bereits bekannte Songs nochmals über sich ergehen lassen muss. Das Stück mag so abgerundet werden; allein das Finale bietet wenig Genuss. «CH-Rock» krankt eben daran, dass Rock'n'Roll schon an sich ein Spiel mit übertriebenen Gesten und gepuschten Emotionen ist. Die theatralische Parodie kann ihn darin kaum überbieten. Die Akteure von «CH-Rock» kleiden ihre Verfremdungskünste deshalb in musikalisches und schauspielerisches Understatement. Mit hörspielartigen Einsprengseln und Video-Sequenzen witzig durchsetzt, wirkt die fahrige, lottrige Inszenierung anfangs noch wie ein Schülertheater - ein lustiges. Später jedoch beginnt das notorisch dilettantenhafte Einerlei Geist und Geduld zu ermüden.
Ueli Bernays
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