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"CH-ROCK" - WOZ, 30.9.2004

Auf dem grossen, roten Plattenteller

Sind Rockkonzerte das bessere Theater? Oder umgekehrt? "Der Mann, der Kurt Cobain erschoss" am Schauspielhaus Basel, "CH-Rock" von 400asa erkunden den Grenzbereich.

Von Tan Wälchli

Irgendwie liegt der Verdacht ja nahe, dass Rockkonzerte auch Theateraufführungen sind: Masken, künstliches Blut, ausgeklügelte Choregorafien und jede Menge Live-Action gibt es hier wie da. Aber handelt es ich dabei um mehr als eine oberflächliche Ähnlichkeit? Ja, sagen zwei neue Theaterstücke, die sich des Themas annehmen. Sowohl Matthias Günther als auch 400asa behaupten, dass der Rockstar zugleich eine Theaterfigur sei.

Tote Idole

Fragt sich nur: welche Theaterfigur? Günther orientiert sich in seinem neuen Stück, "Der Mann, der Kurt Cobain erschoss", am Modell "Hamlet". Damit folgt er, wie er im Programmheft betont, Cobain selbst. Dieser habe Shakespeares Prinzen nicht nur gerne zitiert, sondern sich auch direkt mit ihm verglichen. Also sehen wir nun das klassische Szenario: Hamlet-Sohn wird dargestellt durch zwei Radiomoderatoren (Sandro Tajouri und Daniel Nerlich), Hamlet-Vater, der sie im Geiste heimsucht, ist das Idol Cobain. Und je länger das dauert, desto mehr verwandeln sich die Söhne in den Vater. Wenn sie Cobains Selbstzweifel schildern, zehrt das an ihrem eigenen Fleisch; wenn sie seine Platten spielen, singen sie - auf Deutsch - lauthals mit. So schlägt sich die massenmediale Vervielfältigung, die der "ewig wiederkommende" Hamletsche Geist seit Shakespeare erfahren hat, in den Körpern immer neuer Söhne nieder.

Dieses minimale Setting bietet auf einer ebenos reduzierten Bühne - ein grosser, roter Plattenteller, auf dem die beiden Cobains/Hamlets sich ewig im Kreis drehen - viel Raum für Schauspieler-Theater. Tajouri und Nerlich nutzen ihn, indem sie sich als liebenswerte Clowns präsentieren. Das Publikum ist dankbar - denn die Textvorlage erweist sich unterdessen als ziemlich dürftig. Die kulturgeschichtlich längst evidente, "ewige Widerkunft" von Hamlet bringt es halt mit sich, dass uns alles schon vertraut vorkommt. Vor allem aber bleibt das Rätsel, weshalb solche Tragödien seit Jahrhunderten gespielt werden, ein weiteres Mal ungelöst: Weshalb wünschen sich aufgeweckte, junge Männer, nachdem sie die "Morschheit" im Staat denunziert haben, nichts sehnlicher als den Tod? Und weshalb werden sie genau in dem Moment, da sie an der Welt wie gewünscht scheitern, zu Idolen jener Gesellschaft, die sie aus tiefstem Herzen verachtet haben? Sollte an alledem etwa die geldgierige Kulturindustrie schuld sein?

Gescheiterte Revolutionäre

Anders akzentuiert präsentiert sich die Rockstar-Figur bei 400asa. Nicht "Hamlet", sondern "Faust" liefert hier das theatrale Deutungsmuster. Denn es ist der Teufelspakt, der den Rockmusiker zu dem macht, was er ist. Schon in den ersten Minuten, als diese Urszene des Rock'n'Roll nacherzählt wird, zeigt sich, dass bei 400asa Konzept und darstellerische Methode auch diesmal unterennbar verbunden sind: Zum einen wird der Teufelspakt, der dazu befähigt, Songs zu schreiben, wiederum in der Form eines solchen geschildert. Das ist die traditionelle Selbstreflexion des Rock'n'Roll, die schon das Vorgänger-Genre, der Rhythm'n'Blues, perfektioniert hatte. Zum anderen ist der Song jetzt ein "Söngli" und der Sänger heisst Friedli (Samuel Schwarz). So wird die theatrale Analyse der musikalischen Kunstform durch die Verfremdung ermöglicht, welche das Spezifikum des Schweizerischen bringt. Beides zusammen ergibt, dass 400asa tatsächlich als CH-Rock-Band auftritt. Kurz: Wir sehen ein zweistündiges, schlechtes Konzert - aber das ist hervorragende Theater-Unterhaltung.

Ebenso kunstvoll wie die Form ist der Plot gestaltet, der die Geschichte der Band erzählt. Wir erfahren, wie der Teufel seinen Tribut fordert, indem er den Bassisten im Urlaub vom Töffli unter den Zug fallen lässt, worauf Friedli in der Psychi landet. Unterdessen bietet sich ein neuer Sänger an, ein Punk, und entsprechend wird der Stil geändert. Nur an der Erfolgslosigkeit ändert sich nichts - bis der Punk sich als Luzifer persönlich in glamouröser Frauengestalt (Wanda Wylowa) entpuppt. Jetzt kommt auch Friedli, selbst zum Teufel mutiert, aus der Psychi frei und auf die Bühne zurück. Das Gesangsduo bringt den nächsten Stilwechsel und dieser endlich den lang ersehnten Erfolg: Weder Garagen-Heavy-Metal noch Keller-Punk, sondern Stadion-Glam-Rock a. k. a. seichte Unterhaltungsmusik from Las Vegas. Fine. Da Capo. Happy End.

Leibhaftige Teufel

Diese Rock-Dramaturgie mag zwar kitschiger sein als das tragische Ende von Kurt Cobain. Hier kommt der Erfolg auf die Lebenden, die dafür ihre Jugend-Ideale verramschen. Aber die überraschende Pointe von 400asa ist, dass damit der historische Ursprung des Rock'n'Roll eingeholt wird: Der Abend endet nämlich auf dem Varieté-Theaterd: Die Band verschwindet hinter einer Bühnen-Leinwand, und nur hie und da steckt der eine oder die andere noch den Kopf hervor. So gelangt man, wenn man vom Heavy-Metal der Achtziger über den Punk der Siebziger bis hinter die Beatles und Stones zurückgeht, zu einer anonymen Hintergrundmusik, dargeboten von Instrumentalisten, die alles spielten, was das Publikum wünschte. Und der grösste Unterschied liegt eben darin, dass solche Musikanten einst wie heute nicht mehr als subversive Faust-Charaktere, sondern als leibhaftige Teufel wahrgenommen wurden.

Umgekehrt lässt sich so - das ist der verblüffende Effekt des Abends - die Geschichte des kleinbürgerlichen Rock'n'Roll, wie wir sie seit vierzig Jahren kennen, als ein grosser Irrtum entlarven: Weisse Mittelklasse-Kinder, die mit schlechten "Faust"-Exegesen indoktriniert worden waren, glaubten plötzlich tatsächlich an den Teufel. Dabei ging vergessen, dass er nichts als eine Kunstfigur ist, die auf der Bühne (und manchmal auch im Leben) zu verkörpern seit langem als traurige Los gesellschaftlichen Aussenseitern zufällt. Mit dieser Pointe bringt "CH-Rock" die "Expeditionen"-Serie von 400asa zum stimmigen Ende: Strassenkrawalle ("Davos"), Spitzensport ("B.") und jetzt Rockmusik - es ist ein grossartiges Triptychon jener teuflischen Versuchungen, mittels derer unsere Gesellschaft ihre Jugendlichen systematisch zu gescheiterten Revolutionären erzieht.


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