WENN ES ZUM ÄUSSERSTEN KOMMT
Schweizer Rockmusik. Kann das überhaupt sein? Die Begriffsverwirrer und notorischen Hinterfrager von 400asa planen einen Theaterabend als Live-Konzert.
Von Dominik Dusek
«Rock 'n' Roll», sagt Samuel Schwarz und fährt mit seiner Hand in der Luft herum, «ist die grösste theatrale Erfindung des 20. Jahrhunderts.» Der Mitbegründer der freien Theatergruppe 400asa hat sich gerade ein wenig in die Erläuterung von deren neuem Stück hineingesteigert. Hat von Richard dem Dritten gesprochen, vom Teufel, von Dionysos, von der Sehnsucht nach den USA und vom Hofstetter Fredi. Da kann einem so ein monumentaler Satz schon mal herausrutschen. Unklar ist, ob Schwarz diese Feststellung bei nüchterner Betrachtung tatsächlich unterschreiben würde. Klar ist hingegen, dass seine verbalen Spaziergänge, das Assoziieren, das Herumschieben von Gedankenketten, das Dem-Irrsinn-halbwegs-freien-Lauf-Lassen elementar ist für die Arbeit von 400asa. «Wir bauen eine Geschichte, dann vergessen wir sie, geraten ins Spielen und schauen, ob sie schlussendlich noch durchscheint.»
ROCK IN VERSCHIEDENEN GRÖSSEN
In dieser neuen Geschichte geht es also um Rock. Oder, genauer gesagt, um «CH-Rock». Laut 400asa also um das «Stossen auf Unmöglichkeiten». Zwischen zwei Polen bewege sich die Rockmusik: Zwischen der Übergrösse, dem Weiten, Ausufernden und dem knallhart Urbanen, Ausschliessenden, Diskursiven. Anders gesagt, steht also auf der einen Seite das zwanzigminütige Gitarrensolo mit Feuerwerksdetonationen, auf der anderen unterkühlte Endzeittexte zu monotonen Synthesizern in einem illegalen Keller. Beides wollen 400asa mit ihrer neuen Produktion einfangen. Beziehungsweise das Scheitern daran, denn die Geschichte handelt von «CH-Rock».
Am Beginn steht noch die Scholle. Eben der Hofstetter Fredi, der Studer Reto und der Bärtschi Rolf, die gemeinsam losziehen, um dem Teufel in die Augen zu blicken. Dann wird ihnen anscheinend recht übel mitgespielt, eine Frau im Manneskostüm schleicht sich unter Vortäuschung rüder Umgangsformen in die Band, sogar die Psychiatrie greift ein, bis es schliesslich - wie sollte es anders sein - zum Äussersten kommt: zum Reunion-Konzert. Mehr ist dem Team nicht zu entlocken. Das Mehr spielt sich dann wohl auch auf anderen, nicht so leicht nacherzählbaren theatralen Ebenen ab. Formal wird der gesamte Theaterabend ein Rockkonzert sein. Alle Vorgänge werden in Liedern, in Musik (musikalische Leitung: Michael Sauter und Frank Heierli) und Texten geschildert, in (Bühnen-)Bildern und Videoprojektionen.
WER IST DER WAHRE TEUFEL?
Dem Schreibenden wird also das Leben tüchtig schwer gemacht. Andererseits auch interessant. Denn im Gespräch mit dem Ensemble flattern die Überlegungen, Theorien und unaufhaltsamen Hinterfragereien nur so durch den Raum. Es geht ja nicht nur um pragmatische Probleme wie jenes, wie gut 400asa als Liveband überhaupt sein wollen; ob Musik als Verfremdungselement gebraucht wird, wie es Bert Brecht verlangt hätte, oder ob es echt geil sein soll. Dahinter lauert noch viel Zermarternderes: Wer ist nun der wahre Teufel? Von sich selbst berauschte Rockstars, die sich in ihrer Eitelkeit verlieren oder abgebrühte Profis wie Metallica, die genau wissen, dass sie privat nicht krass sein müssen, sondern ruhig Kunst sammeln können, solange nur die Musik weiterhin von Gefahr kündet? Und wie funktioniert das genau mit der Anziehungskraft des Dionysos namens Rockmusik auf den Fredi, den Reto und die anderen? Warum will «auch der schnauzbärtige Schweizer mit Dionysos ins Bett»? Wie kann es sein, dass gerade die radikal kritische Pop-Analyse den extremsten Auswüchsen der Branche in die Hände spielt, wie Samuel Schwarz kichernd darlegt: «Jenes Ausgrenzen und Einengen, jenes Alles-erfassbar-Machen, das Musikmagazine wie "Spex betreiben, führt zur Überzeugung, dass alles Markt ist. Die Konsequenz davon ist "MusicStar ». Und haben am Schluss womöglich doch die Frauen Recht? Schauspielerin Wanda Wylowa etwa, die trocken vermerkt «Letztlich ist das doch sehr pubertär. Man will den Schmerz des Erwachsenwerdens vermeiden.»
Fest steht: Wenn 400asa nur die Hälfte dieser Fragen beantworten, dann entstünde tatsächlich ein «Sensationeller Live Act», gerade so, wie es der Untertitel des Stücks verspricht.
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