Im
Ernst des Lebens mit Spass und Spielwut
Wenn es weitergeht wie jetzt, könnte Bochums neuer Theater-Intendant
Hartmann sein Haus
wieder ins Erstklassige führen
von Stephan Keim
Bochum wieder auf dem Weg zur Spitze: Seit Antritt des neuen Intendanten
Mathias Hartmann sind die Zuschauerzahlen kräftig gestiegen
- es gibt inzwischen eine Reihe starker Neuinszenierungen. Und obendrein
gelang jetzt der Coup, Peter Stein in Berlin die Uraufführung
des neuen Botho-Strauss-Stückes wegzuschnappen.
Noch immer wird hier von den alten grossen Tagen gesprochen, als
Peter Zadek und Claus Peymann im Ruhrgebiet Theaterwunder vollbrachten.
Nachdem es beim Start der neuen Intendanz noch etwas quietschte,
läuft es gegenwärtig wie geschmiert. Dabei gibt es intern
einige Probleme; der Personalrat der Stadt lässt seine Muskeln
spielen, was Arbeitszeiten und Bierpreise in der auch vom Volk frequentierten
Kantine ( Zuschauerbindung ! ) angeht. Hartmann kontert mit der
gemeinhin bekannten, gewerkschaftsfeindlichen Tatsache, in einem
Theater dürfen nur Leute arbeiten, die für die Kunst "brennen".
Nach dem in leuchtend grauen Farbentief gründelnden Denker
Frank-Patrick Steckel, der zuweilen die Sinnlichkeit des Theaters
zu Gunsten von Didaktik beiseite schob, sowie dem chaotischen, zwischen
Genialität und Banalität, Pop und heiligem Theaterernst
schlingernden Leander Haussmann, dessen flammendes Herz als Hauszeichen
programmatisch Steckels Anti-Atomkraft-Logo ablöste und der
mit seinem Motto "Viel Spass!" gern und auch absichtlich
missverstanden wurde, nach diesen beiden Vorgängern Hartmanns
ist nun ein ehrgeiziger wie arbeisbesessener und vor allem undogmatischer
Intendant eingezogen, der weder auf "Spassfraktion" macht
noch auf "reine Aufklärung" pocht. Und auf ein Logo
verzichtet, es sei denn, man nimmt jene die Briefe dekorierenden
Ikarus-Flügel als solches.
Unbekanntes von Bekannten, so etwa charakterisiert sich sein Spielplan.
Nachdem Hartmann aus Kleists "Familie Schroffenstein"
nur eine oberflächliche Aufführung schuf, zeigte er jetzt
viel mehr Geschick mit einer Komödie von Friedrich Schiller
: "Der Parasit". Kurz nach 1789 zeigen Schiller und der
heute vergessene Autor des Originals Picards wackere, patriotische,
aufopferungsbereite Bürger, die dem Gemeinwohzl dienen wollen
und persönlichen Ruhm hintanstellen. Solche Idealisten sind
für Betrüger besonders anfällig. Da hat es der verschlagene
Selincour leicht, sich das Vertrauen des neuen Ministers Narbonne
zu erschleichen. Fast kriegt er den ersehnten Job als Gesandter
und obendrein die Tochter seines Chefs zur Braut, doch in letzter
Sekunde wird Selincour entlarvt. Und der Minister nennt die Moral
von der Gschicht. "Diesmal hat das Verdienst den Sieg behalten.
Nicht immer ist es so. Der Schein regiert die Welt, Gerechtigkeit
ist nur auf der Bühne."
Matthias Hartmann hört am Schluss des Stückes nicht auf.
"Oder so..", rufen die Schauspieler und zeigen ein anderes
Ende. Das Stück wird einige Minuten zurückgespult, die
Guten werden nicht belohnt und ein neuer Betrüger reisst die
Macht an sich. Doch auch mit dieser Pointe ist es nicht genug. Nochmals
springt die Aufführung zurück, jetzt sind die Guten plötzlich
gleichfalls durchtrieben, aber Selincourt ist schlauer als sie.
Mit diesem überraschenden Finale entkräftigt die Regie
den einzigen Einwand, der anfangs über der sprühenden,
spielwütigen Inszenierung schwebte, den Vorwurf, dass sie ein
kreuzbraves Stück zwar mit liebevollen Details, aber konservativ
nachbuchstabiert habe. Denn ein grosser Wurf ist "Der Parasit"
tatsächlich nicht, eher ein fader Aufguss des "Tartuffe".
Was Hartmann mit seinem wunderbaren Ensemble natürlich auch
zeigt, sind die Regeln des Schleimens, Buckelns, Kriechens. Der
im Original eindimensional positive Minister ist jetzt ein Meister
der Medien-Mediokrität. Felix Vörtler gibt einen Machtmenschen,
der die Politiker-Show perfekt beherrscht.
Star des Abends ist natürlich der Betrüger Selincourt,
eine Rolle, die von den Zwischentönen lebt, dem dreisten Kampf
eines nicht mal besonders intelligenten Hochstaplers, sein falsches
Spiel durchzuziehen. Michael Martens stellt die lächerlichen
Bluffs mit grotesker Ueberdeutlichkeit und entwickelt eine derart
unwiderstehlich spontane Impulsivität, dass man selbst nicht
mehr sicher ist, ob man diesem gewissenlosen Hasardeur nicht doch
auf den Leim gehen würde. Aufgepeppt mit einem ganzen Packen
Pointen machen die schillernde Ironie Hartmanns und die Lust seines
Ensembles aus der matten Vorlage eine funkelnde Komödie. Die
Jubelstürme des Publikums erinnern an selige Peymann-Zeiten.
Mit diesem intelligent unterhaltenden Abend hat der neue Chef die
an Rhythmusstörungen leidenden Bochumer Theaterherzen endlich
wieder zum Glühen gebracht.
Hartmann probiert zugleich die Oeffnung zur Ästhetik der
Spitzenkräfte der freien Szene. Mit Erfolg in den Kammerspielen
hatte "Die Reise von Klaus und Edith durch den Schacht zum
Mittelpunkt der Erde" Uraufführung, eine Art Schauermärchen
von Lukas Bärfuss in einer seltsam entrückten Sprache.
Regisseur Samuel Schwarz fand dafür dunkle Bilder zu brodelnd-barbaresker
Live-Musik. Verzaubernd. Und auch das ist ein Verdienst des starken
Ensembles, das immer fester zusammenwächst - Schauspiel. Bochum
könnte wieder ein zentrales deutsches Theater werden.
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