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DIE REISE VON KLAUS UND EDITH ... - Die Welt (Berlin) - 7.2.2001
Im Ernst des Lebens mit Spass und Spielwut

Wenn es weitergeht wie jetzt, könnte Bochums neuer Theater-Intendant Hartmann sein Haus
wieder ins Erstklassige führen

von Stephan Keim

Bochum wieder auf dem Weg zur Spitze: Seit Antritt des neuen Intendanten Mathias Hartmann sind die Zuschauerzahlen kräftig gestiegen - es gibt inzwischen eine Reihe starker Neuinszenierungen. Und obendrein gelang jetzt der Coup, Peter Stein in Berlin die Uraufführung des neuen Botho-Strauss-Stückes wegzuschnappen.

Noch immer wird hier von den alten grossen Tagen gesprochen, als Peter Zadek und Claus Peymann im Ruhrgebiet Theaterwunder vollbrachten. Nachdem es beim Start der neuen Intendanz noch etwas quietschte, läuft es gegenwärtig wie geschmiert. Dabei gibt es intern einige Probleme; der Personalrat der Stadt lässt seine Muskeln spielen, was Arbeitszeiten und Bierpreise in der auch vom Volk frequentierten Kantine ( Zuschauerbindung ! ) angeht. Hartmann kontert mit der gemeinhin bekannten, gewerkschaftsfeindlichen Tatsache, in einem Theater dürfen nur Leute arbeiten, die für die Kunst "brennen".

Nach dem in leuchtend grauen Farbentief gründelnden Denker Frank-Patrick Steckel, der zuweilen die Sinnlichkeit des Theaters zu Gunsten von Didaktik beiseite schob, sowie dem chaotischen, zwischen Genialität und Banalität, Pop und heiligem Theaterernst schlingernden Leander Haussmann, dessen flammendes Herz als Hauszeichen programmatisch Steckels Anti-Atomkraft-Logo ablöste und der mit seinem Motto "Viel Spass!" gern und auch absichtlich missverstanden wurde, nach diesen beiden Vorgängern Hartmanns ist nun ein ehrgeiziger wie arbeisbesessener und vor allem undogmatischer Intendant eingezogen, der weder auf "Spassfraktion" macht noch auf "reine Aufklärung" pocht. Und auf ein Logo verzichtet, es sei denn, man nimmt jene die Briefe dekorierenden Ikarus-Flügel als solches.

Unbekanntes von Bekannten, so etwa charakterisiert sich sein Spielplan. Nachdem Hartmann aus Kleists "Familie Schroffenstein" nur eine oberflächliche Aufführung schuf, zeigte er jetzt viel mehr Geschick mit einer Komödie von Friedrich Schiller : "Der Parasit". Kurz nach 1789 zeigen Schiller und der heute vergessene Autor des Originals Picards wackere, patriotische, aufopferungsbereite Bürger, die dem Gemeinwohzl dienen wollen und persönlichen Ruhm hintanstellen. Solche Idealisten sind für Betrüger besonders anfällig. Da hat es der verschlagene Selincour leicht, sich das Vertrauen des neuen Ministers Narbonne zu erschleichen. Fast kriegt er den ersehnten Job als Gesandter und obendrein die Tochter seines Chefs zur Braut, doch in letzter Sekunde wird Selincour entlarvt. Und der Minister nennt die Moral von der Gschicht. "Diesmal hat das Verdienst den Sieg behalten. Nicht immer ist es so. Der Schein regiert die Welt, Gerechtigkeit ist nur auf der Bühne."

Matthias Hartmann hört am Schluss des Stückes nicht auf. "Oder so..", rufen die Schauspieler und zeigen ein anderes Ende. Das Stück wird einige Minuten zurückgespult, die Guten werden nicht belohnt und ein neuer Betrüger reisst die Macht an sich. Doch auch mit dieser Pointe ist es nicht genug. Nochmals springt die Aufführung zurück, jetzt sind die Guten plötzlich gleichfalls durchtrieben, aber Selincourt ist schlauer als sie. Mit diesem überraschenden Finale entkräftigt die Regie den einzigen Einwand, der anfangs über der sprühenden, spielwütigen Inszenierung schwebte, den Vorwurf, dass sie ein kreuzbraves Stück zwar mit liebevollen Details, aber konservativ nachbuchstabiert habe. Denn ein grosser Wurf ist "Der Parasit" tatsächlich nicht, eher ein fader Aufguss des "Tartuffe". Was Hartmann mit seinem wunderbaren Ensemble natürlich auch zeigt, sind die Regeln des Schleimens, Buckelns, Kriechens. Der im Original eindimensional positive Minister ist jetzt ein Meister der Medien-Mediokrität. Felix Vörtler gibt einen Machtmenschen, der die Politiker-Show perfekt beherrscht.

Star des Abends ist natürlich der Betrüger Selincourt, eine Rolle, die von den Zwischentönen lebt, dem dreisten Kampf eines nicht mal besonders intelligenten Hochstaplers, sein falsches Spiel durchzuziehen. Michael Martens stellt die lächerlichen Bluffs mit grotesker Ueberdeutlichkeit und entwickelt eine derart unwiderstehlich spontane Impulsivität, dass man selbst nicht mehr sicher ist, ob man diesem gewissenlosen Hasardeur nicht doch auf den Leim gehen würde. Aufgepeppt mit einem ganzen Packen Pointen machen die schillernde Ironie Hartmanns und die Lust seines Ensembles aus der matten Vorlage eine funkelnde Komödie. Die Jubelstürme des Publikums erinnern an selige Peymann-Zeiten. Mit diesem intelligent unterhaltenden Abend hat der neue Chef die an Rhythmusstörungen leidenden Bochumer Theaterherzen endlich wieder zum Glühen gebracht.

Hartmann probiert zugleich die Oeffnung zur Ästhetik der Spitzenkräfte der freien Szene. Mit Erfolg in den Kammerspielen hatte "Die Reise von Klaus und Edith durch den Schacht zum Mittelpunkt der Erde" Uraufführung, eine Art Schauermärchen von Lukas Bärfuss in einer seltsam entrückten Sprache. Regisseur Samuel Schwarz fand dafür dunkle Bilder zu brodelnd-barbaresker Live-Musik. Verzaubernd. Und auch das ist ein Verdienst des starken Ensembles, das immer fester zusammenwächst - Schauspiel. Bochum könnte wieder ein zentrales deutsches Theater werden.


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