| Wer
sich zu träumen traut
Zwei seltsame Reise-Stücke: Eine Schauergeschichte in Bochum
und eine Coolness-Attacke in Düsseldorf
Von Stefan Keim
Edith und ihr Liebster klettern auf die Bühne. Kurze Sätze
fliegen hin und her, mulmige Andeutungen. Irgendetwas Schreckliches
ist passiert am Storchenweiher, loslassen soll sie ihn, aber sie
kann es nicht. Als er geht, tönt aus Ediths Kehle ein fest
sitzendes Unglückswinseln, ein schreckliches Geräusch,
das keine Hoffnung auf Besserung zulässt.
Der Vorhang geht auf: In einer dunklen, archaisch wirkenden Welt
aus dickem Holz gezimmert geistern Gestalten herum. Eine Hure
zieht sirenengleich ihre Freier mit der wundervoll-todtraurigen
Gluck-Arie "J'ai perdu mon Eurydice" an. In der Oper
kommt Amor, um Oprheus' Selbstmord zu verhindern, im Stück
ist es nur Ediths Bruder Klaus, der vor mühsam beherrschter
Wollust zitternd da steht und wieder fort ist, als die Hure vor
die U-Bahn springt. Aber sie verliert nur einen Arm, das verhasste
Leben behält sie. Für Untote gibt es keine Erlösung
im Schacht.
Die Reise von Klaus und Edith durch den Schacht zum Mittelpunkt
der Erde ist eine Schauergeschichte. Im Bühnenbild von Chantal
Wuhrmann könnte auch Barlachs "toter Tag" spielen,
hier ließen sich die Fantasien von Poe und Baudelaire zum
Bühnenleben erwecken. Auch hinter einer zarten Heldin wie
Edith kann sich eine Blume des Bösen verbergen, es ist ein
kurzer Weg zwischen Perfidie und Poesie. Der Autor Lukas Bärfuss
hat schwarzromantische Motive, eine seltsam altertümliche
Sprache mit moderner Direktheit kunstvoll-ironisch verschlungen.
Das Schauspielhaus Bochum arbeitet mit der Schweizer Theatergruppe
400 asa zusammen, deren Produktionen vom brutalen Brechen behutsam
aufgebauter Stimmungen leben. Hier darf man sich seiner Gefühle
niemals sicher sein, sonst fällt man in ganz tiefe Löcher.
Samuel Schwarz inszeniert in den Bochumer Kammerspielen ein intensives
Ineinander aus bizarr-barbaresker Live-Musik (von Thomas Bloch-Bonhoff
und Fabian Krüger), offen ausgestellten Theatermitteln und
innigem, absolut glaubwürdigem Spiel des Ensembles. Die Zuschauer
sehen, wie Scheinwerfer bewegt werden und die Musiker ihre Töne
erzeugen, hören, dass die Souffleuse aus dem Hintergrund
die Regieanweisung "Schweigen" ruft. In dieses Theater
kann man hinein schauen, Ursache und Wirkung wahrnehmen und wird
trotzdem verzaubert. Weil der Rhythmus stimmt, weil alles ehrlich
und nicht selbstgefällig wirkt. Die Erzeugung von Kunst wird
hier selbst zum Kunstwerk. Das ist schon länger der Anspruch
von 400 asa, in der Bochumer Uraufführung lösen sie
ihn ein. Die Zusammenarbeit von Stadttheater und freier Gruppe
führt hier zu einem beide Seiten auf- und anregenden Ergebnis.
Das Ensemble spielt dicht zusammen. Das problematisch nahe Verhältnis
der Geschwister Klaus und Edith zeigen Julie Bräuning und
Martin Horn in faszinierenden Facetten, sie eine schattenhaft-schlafwandlerische
Träumerin, die es zum Grab des getöteten Geliebten zieht,
er eine boshafte Bildungsbürger-Karikatur, berührend
und abstoßend in seiner Lebensunfähigkeit, verunsichert
rutscht er in Momente gruseligen Slapsticks, ein Loriot, dem man
das Sofa weggebombt hat. Edith nähert sich scheu und zaghaft
einem Obdachlosen, auch er ein Geist namens "Der Blaue"
und früher mal ihr Liebster. Fabian Krüger entwirft
einen unvergesslichen Charakter, gequetscht die Stimme, glühend
die Seele, aufrichtig auf Erlösung hoffend. Es ist das Porträt
eines Verlorenen, der ziellos durch die Schächte taumelt
und durch den Anblick einer traurigen Schönheit sofort wieder
an seine eigenen Träume erinnert wird. Das Passionsspiel
eines Penners, brüchig und berührend.
Der junge Werther liebte 1774 ungebrochen seine Lotte, voller
Schwärmerei und Pathos. Tim Staffel - Jahrgang 1965 und mit
seinem provokanten Roman Terrordrom bekannt geworden - erzählt
nun von einem heutigen Verwandten, von "Werther in New York":
Fünf Schatten steigen aus der Kinoleinwand. Werther, Lotte
und Albert heißen drei von ihnen, das tragische Trio aus
Goethes stürmend nach dem Liebestode drängendem Briefroman.
Die beiden anderen sind eher in der Welt des Flimmerns und Rauschens
zu Hause. Picard, bekannt als Captain des Raumschiffs Enterprise
in der zweiten Generation, und Zoe, die aus dem zynischen Gangsterfilm
Killing Zoe von Roger Avary entsprungen scheint. Doch im Kern
sind die fünf junge Leute der Gegenwart, Träger beladener
Namen, die in unterschiedlicher Intensität von ihren Vorbildern
Denk- und Handlungsmuster übernommen haben. Sie küssen
und sie schlagen sich seltsam hilf- und absichtslos. Schließlich
planen sie einen Bankraub. Nur Werther weiß, was oder vielmehr
wen er will: Lotte. Um sie von ihrem Verlobten Albert loszueisen
sagt Werther Goethes schöne Sätze auf. Schwer und fremd
liegen sie im Mund, keiner versteht den Phantasten.
Fünf Freunde erfinden sich ihre Welt, stets gratwandelnd
zwischen Spiel und Ernst. Auf der Bühne, die Christine Tritthart
entworfen hat, stehen drei große Glasvitrinen. Darin liegen
sämtliche Requisiten, Pistolen, Masken, Geld, ein Telefon.
Eine bleibt leer, sie wird am Schluss zu Werthers durchsichtigem
Sarg. Schon vorher darf er einmal probeliegen, und Lotte drapiert
sich auf dem Deckel, ganz nah und doch unerreichbar, ein Bild
voller Erotik und Traurigkeit. Mit vielen Lichtwechseln, Musikeinblendungen
und hochartifzieller Choregrafie nimmt Regisseur André
Turnheim der Aufführung jeden Realismus. Werther trägt
oft eine Videokamera bei sich und zoomt ganz nah an die Gesichter
seiner Mitspieler heran. Die Bilder werden auf die Leinwand an
der Rückseite der Bühne übertragen, manchmal gibt
es auch vorproduzierte Filmeinspielungen.
Das alles ist kunstvoll und konsequent durchgeführt, wirkt
aber auch steril. Einen direkten Weg zu den Charakteren öffnet
sie nicht, die an sich guten Schauspieler müssen eine solche
Vielzahl von Regieanweisungen ausführen, dass sie nur in
Augenblicken direkte, berührende Töne finden. Den Frauen
gelingt das besser als den Männern: Ingrid Kaltenegger ist
eine vernunftdominierte, ihre Attraktivität bewusst einsetzende
Lotte, Christiane Olivier spielt ein Verlierergirl voller Trotz
und Angst. Verkrampft entzieht sie sich der leidenschaftlichen
Grobheit Alberts, obwohl sie so eine Annäherung wahrscheinlich
ersehnt hat.
Tim Staffel schreibt bewusst Texte, die den Theatermachern nicht
zu viel vorgeben und verschiedene ästhetische Annäherungen
zulassen. Dem Forum Freies Theater ist in Zusammenarbeit mit dem
Trash Theater aus Köln eine avancierte aber auch etwas angestrengte
Arbeit gelungen, die formal durchdacht ist, aber darüber
das Spiel und die Gefühle aus dem Blick verliert. Er bleibt
fern, dieser Werther, für den New York eine Chiffre für
das Sterben ist, der zwar Worte findet für seine glühenden
Gedanken, aber nicht weiß, wie er sie füllen muss.
Werther in New York könnte ein Stück über junge
Leute sein, die eine Sehnsucht in sich fühlen, sich aber
nicht zu träumen trauen. Eine gute Aufführung müsste
richtig weh tun. Wie Die Reise von Klaus und Edith durch den Schacht
zum Mittelpunkt der Erde. Düsseldorf denkt und Bochum blutet.
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