PRESSEARCHIV

DIE REISE VON KLAUS UND EDITH ... - FRANKFURTER RUNDSCHAU -18.01.2001
Wer sich zu träumen traut

Zwei seltsame Reise-Stücke: Eine Schauergeschichte in Bochum und eine Coolness-Attacke in Düsseldorf

Von Stefan Keim

Edith und ihr Liebster klettern auf die Bühne. Kurze Sätze fliegen hin und her, mulmige Andeutungen. Irgendetwas Schreckliches ist passiert am Storchenweiher, loslassen soll sie ihn, aber sie kann es nicht. Als er geht, tönt aus Ediths Kehle ein fest sitzendes Unglückswinseln, ein schreckliches Geräusch, das keine Hoffnung auf Besserung zulässt.

Der Vorhang geht auf: In einer dunklen, archaisch wirkenden Welt aus dickem Holz gezimmert geistern Gestalten herum. Eine Hure zieht sirenengleich ihre Freier mit der wundervoll-todtraurigen Gluck-Arie "J'ai perdu mon Eurydice" an. In der Oper kommt Amor, um Oprheus' Selbstmord zu verhindern, im Stück ist es nur Ediths Bruder Klaus, der vor mühsam beherrschter Wollust zitternd da steht und wieder fort ist, als die Hure vor die U-Bahn springt. Aber sie verliert nur einen Arm, das verhasste Leben behält sie. Für Untote gibt es keine Erlösung im Schacht.

Die Reise von Klaus und Edith durch den Schacht zum Mittelpunkt der Erde ist eine Schauergeschichte. Im Bühnenbild von Chantal Wuhrmann könnte auch Barlachs "toter Tag" spielen, hier ließen sich die Fantasien von Poe und Baudelaire zum Bühnenleben erwecken. Auch hinter einer zarten Heldin wie Edith kann sich eine Blume des Bösen verbergen, es ist ein kurzer Weg zwischen Perfidie und Poesie. Der Autor Lukas Bärfuss hat schwarzromantische Motive, eine seltsam altertümliche Sprache mit moderner Direktheit kunstvoll-ironisch verschlungen. Das Schauspielhaus Bochum arbeitet mit der Schweizer Theatergruppe 400 asa zusammen, deren Produktionen vom brutalen Brechen behutsam aufgebauter Stimmungen leben. Hier darf man sich seiner Gefühle niemals sicher sein, sonst fällt man in ganz tiefe Löcher.

Samuel Schwarz inszeniert in den Bochumer Kammerspielen ein intensives Ineinander aus bizarr-barbaresker Live-Musik (von Thomas Bloch-Bonhoff und Fabian Krüger), offen ausgestellten Theatermitteln und innigem, absolut glaubwürdigem Spiel des Ensembles. Die Zuschauer sehen, wie Scheinwerfer bewegt werden und die Musiker ihre Töne erzeugen, hören, dass die Souffleuse aus dem Hintergrund die Regieanweisung "Schweigen" ruft. In dieses Theater kann man hinein schauen, Ursache und Wirkung wahrnehmen und wird trotzdem verzaubert. Weil der Rhythmus stimmt, weil alles ehrlich und nicht selbstgefällig wirkt. Die Erzeugung von Kunst wird hier selbst zum Kunstwerk. Das ist schon länger der Anspruch von 400 asa, in der Bochumer Uraufführung lösen sie ihn ein. Die Zusammenarbeit von Stadttheater und freier Gruppe führt hier zu einem beide Seiten auf- und anregenden Ergebnis.

Das Ensemble spielt dicht zusammen. Das problematisch nahe Verhältnis der Geschwister Klaus und Edith zeigen Julie Bräuning und Martin Horn in faszinierenden Facetten, sie eine schattenhaft-schlafwandlerische Träumerin, die es zum Grab des getöteten Geliebten zieht, er eine boshafte Bildungsbürger-Karikatur, berührend und abstoßend in seiner Lebensunfähigkeit, verunsichert rutscht er in Momente gruseligen Slapsticks, ein Loriot, dem man das Sofa weggebombt hat. Edith nähert sich scheu und zaghaft einem Obdachlosen, auch er ein Geist namens "Der Blaue" und früher mal ihr Liebster. Fabian Krüger entwirft einen unvergesslichen Charakter, gequetscht die Stimme, glühend die Seele, aufrichtig auf Erlösung hoffend. Es ist das Porträt eines Verlorenen, der ziellos durch die Schächte taumelt und durch den Anblick einer traurigen Schönheit sofort wieder an seine eigenen Träume erinnert wird. Das Passionsspiel eines Penners, brüchig und berührend.

Der junge Werther liebte 1774 ungebrochen seine Lotte, voller Schwärmerei und Pathos. Tim Staffel - Jahrgang 1965 und mit seinem provokanten Roman Terrordrom bekannt geworden - erzählt nun von einem heutigen Verwandten, von "Werther in New York": Fünf Schatten steigen aus der Kinoleinwand. Werther, Lotte und Albert heißen drei von ihnen, das tragische Trio aus Goethes stürmend nach dem Liebestode drängendem Briefroman. Die beiden anderen sind eher in der Welt des Flimmerns und Rauschens zu Hause. Picard, bekannt als Captain des Raumschiffs Enterprise in der zweiten Generation, und Zoe, die aus dem zynischen Gangsterfilm Killing Zoe von Roger Avary entsprungen scheint. Doch im Kern sind die fünf junge Leute der Gegenwart, Träger beladener Namen, die in unterschiedlicher Intensität von ihren Vorbildern Denk- und Handlungsmuster übernommen haben. Sie küssen und sie schlagen sich seltsam hilf- und absichtslos. Schließlich planen sie einen Bankraub. Nur Werther weiß, was oder vielmehr wen er will: Lotte. Um sie von ihrem Verlobten Albert loszueisen sagt Werther Goethes schöne Sätze auf. Schwer und fremd liegen sie im Mund, keiner versteht den Phantasten.

Fünf Freunde erfinden sich ihre Welt, stets gratwandelnd zwischen Spiel und Ernst. Auf der Bühne, die Christine Tritthart entworfen hat, stehen drei große Glasvitrinen. Darin liegen sämtliche Requisiten, Pistolen, Masken, Geld, ein Telefon. Eine bleibt leer, sie wird am Schluss zu Werthers durchsichtigem Sarg. Schon vorher darf er einmal probeliegen, und Lotte drapiert sich auf dem Deckel, ganz nah und doch unerreichbar, ein Bild voller Erotik und Traurigkeit. Mit vielen Lichtwechseln, Musikeinblendungen und hochartifzieller Choregrafie nimmt Regisseur André Turnheim der Aufführung jeden Realismus. Werther trägt oft eine Videokamera bei sich und zoomt ganz nah an die Gesichter seiner Mitspieler heran. Die Bilder werden auf die Leinwand an der Rückseite der Bühne übertragen, manchmal gibt es auch vorproduzierte Filmeinspielungen.

Das alles ist kunstvoll und konsequent durchgeführt, wirkt aber auch steril. Einen direkten Weg zu den Charakteren öffnet sie nicht, die an sich guten Schauspieler müssen eine solche Vielzahl von Regieanweisungen ausführen, dass sie nur in Augenblicken direkte, berührende Töne finden. Den Frauen gelingt das besser als den Männern: Ingrid Kaltenegger ist eine vernunftdominierte, ihre Attraktivität bewusst einsetzende Lotte, Christiane Olivier spielt ein Verlierergirl voller Trotz und Angst. Verkrampft entzieht sie sich der leidenschaftlichen Grobheit Alberts, obwohl sie so eine Annäherung wahrscheinlich ersehnt hat.

Tim Staffel schreibt bewusst Texte, die den Theatermachern nicht zu viel vorgeben und verschiedene ästhetische Annäherungen zulassen. Dem Forum Freies Theater ist in Zusammenarbeit mit dem Trash Theater aus Köln eine avancierte aber auch etwas angestrengte Arbeit gelungen, die formal durchdacht ist, aber darüber das Spiel und die Gefühle aus dem Blick verliert. Er bleibt fern, dieser Werther, für den New York eine Chiffre für das Sterben ist, der zwar Worte findet für seine glühenden Gedanken, aber nicht weiß, wie er sie füllen muss. Werther in New York könnte ein Stück über junge Leute sein, die eine Sehnsucht in sich fühlen, sich aber nicht zu träumen trauen. Eine gute Aufführung müsste richtig weh tun. Wie Die Reise von Klaus und Edith durch den Schacht zum Mittelpunkt der Erde. Düsseldorf denkt und Bochum blutet.


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