Die
Seelennöte der Lebensmüden
Schweizer Off-Theater in Bochum und Düsseldorf
Zwei neue Stücke am Bochumer und Düsseldorfer Schauspielhaus
kommen aus der Schweiz, doch eigentlich hätte man ihre Herkunft
anderswo, im nördlichen Europa, lokalisiert. Auch wenn sie
sich auf den ersten Blick nicht als das äussern, was ihnen
zugrunde liegt und was sie im Grunde auch selbst sind: Seelentheater
à la Ibsen und Strindberg. Das eine, Igor Bauersimas «No®way.
Today» in Düsseldorf, operiert mit auf Kinoleinwandformat
vergrösserten Videoaufnahmen der Schauspieler, so dass die
Bühnenmittel zum Allerwichtigsten werden und der Übergang
zum Film fliessend erscheint. Das andere, Lukas Bärfuss' «Die
Reise von Klaus und Edith durch den Schacht zum Mittelpunkt der
Erde» in Bochum, sät mit seiner kruden Erzählweise
und einer Mischung aus altertümelnder Märchen- und Kindersprache
absichtsvoll Verwirrung über das, was es womöglich meinen
könnte, und distanziert sich zugleich parodistisch davon. Beide
Aufführungen erzählen Liebes- und Hassgeschichten zwischen
Leben und Tod und, als brave Verbeugung vor dem ironiesüchtigen
Zeitgeist, zwischen Ernst und Unernst.
Äusserlich markanter als diese vielleicht zufälligen inhaltlichen
Ähnlichkeiten ist die Herkunft der Stücke von Theatermachern
aus der freien Szene: Das Drama von Lukas Bärfuss ist eine
Auftragsarbeit fürs Bochumer Schauspielhaus; auch Igor Bauersima
legte mit seinem Video-Theater-Clip eine Uraufführung vor.
Eine Schlankheits- und Verjüngungskur fürs staatstragende
Grosstheater mochten sich die Häuser an Rhein und Ruhr davon
versprochen, ein jüngeres Publikum im Auge gehabt haben; im
Fall von «No®way. Today» ging die Rechnung auf,
es wird schon seit November in Düsseldorf mit grossem Erfolg
gespielt. Tatsächlich fahren die vergleichsweise kleinen Produktionen
keine requisitenreich schweren Bühnengeschütze auf. Und
beide Inszenierungen bewegen sich formal auf modischen Wegen: Bauersima
durch den Einsatz von Videotechnik, Bärfuss durch die Sichtbarmachung
des theatralischen Akts selbst, in dem aufs Theater übertragenen
Sinne der Dogma-Filmer, die stolz auch im Programmheft erwähnt
werden. Weder das eine noch das andere wirkt neu oder perspektivisch
gewagt, viel eher trendgemäss mit traditionalistischen Anklängen.
Jegliche Ahnung der Off-Theater-Ursprünge - vorbei. Die Adaption
ans deutsche Stadttheater funktionierte, gemessen am Ergebnis jedenfalls,
offenbar reibungslos.
In Bochum unternehmen Autor Lukas Bärfuss und Regisseur Samuel
Schwarz unter Mitarbeit ihrer Truppe 400asa eine Reise, wie der
ominöse Stücktitel behauptet, «zum Mittelpunkt der
Erde». In Wirklichkeit aber, versteht man's recht, ist es
eine Fahrt auf der Psycho-Geisterbahn in den leise weinenden Wahnsinn.
Tote und Lebende bilden das Personal. Ein junger Mann, «der
Blaue» genannt, hat sich einst ertränkt, erscheint nun
als trunksüchtiger Wiedergänger und umwirbt erneut die
einstige Geliebte. Die aber ist inzwischen in Melancholie versunken
und in ein inzestuöses, masochistisches Verhältnis mit
ihrem Bruder verstrickt.
Eine «Gelbe» tritt in verschiedenen Rollen als Hure,
Sängerin und Nachbarin auf, ebenfalls eine Verlorene und Verletzte,
die sich in der extrem statischen Manier der Inszenierung an immer
wieder anderen Stellen im Pfahlbau des Bühnenbildes positioniert.
Eine «Rote», Ärztin und Polizistin, spricht wie
alle anderen kurze Sätze zwischen kalauernder Treuherzigkeit,
Dada und Dummheit: meist mit Blick ins Publikum, denn dass hier
Theater und nicht Leben gespielt wird, soll immer zu bemerken sein.
Die roten, blauen und gelben Farb-Figuren in Phantasiegewändern,
Fransenponchos oder mühlsteingrossen Kopfbedeckungen mit Fellzöpfen
verkörpern die Toten, die Klaus und Edith heimsuchen. Lebende
und Tote ziehen und zerren aneinander, bespiegeln sich gegenseitig
und lassen sich in immer wieder unterschiedlichem Licht erscheinen.
Unablässig werden die Rollen von Opfern und Tätern, Seelenmördern
und Objekten psycho-vampiresker Attacken vertauscht: Totentanz und
Gespenster, ein bisschen matt und ausgelaugt, hat Lukas Bärfuss
im Gepäck.
Auch Igor Bauersima (Text und Regie) beschreitet, wie gesagt, Ibsen-
und Strindberg-Land. Kein Zufall wohl, dass seine Figuren August
(wie Strindberg) und Julie (wie «Fräulein Julie»)
heissen und in Ibsens Norwegen den Absprung in den Tod wagen wollen.
Auch seine Menschen sprechen gelegentlich direkt zum Publikum: In
auffallender Weise lassen es sich beide, Bauersima und Bärfuss,
angelegen sein, Grenzlinien und Grenzverwischungen zwischen Schein
und Sein, Spiel und Leben zu setzen. Wenn Bauersima in «No®way.
Today» Julie und August zum Doppelselbstmord in die Eiswüste
schickt, entsteht daraus einerseits die erwartungsgemäss marode
Seelen-Schau, darüber hinaus und damit zusammenhängend
aber auch ein geradezu lehrbuchhaft durchbuchstabiertes Stück
Medienkritik: Die jugendlichen Selbstmörder, die sich übers
Internet kennengelernt haben, sind versessen darauf, ihre letzten
Minuten auf Video zu speichern. Sie proben Abschiedsgrüsse
an die Familie, pathetische Wirkungen und schöne Sätze:
Ich wurde gefilmt, also war ich. Nichts ist mehr echt, alles ist
«fake» - ein Lieblingswort des Stücks -; darunter
leiden August und Julie und hoffen, selbst schon unentrinnbar verstrickt
in die Leinwand- und Bildschirm-Wirklichkeiten, auf einen echten
Tod. Die Abgründe, die sie einander auf einer gefährlich
sich schrägenden Bühne vor einer rauschenden Leinwand
in Düsseldorf offenbaren, handeln weniger von zwischenmenschlich
Zerstörerischem als vielmehr von Veränderungen des Wirklichkeitsbewusstseins.
Ob die kleine Liebesgeschichte im Iglu-Zelt, die sich im Big-Brother-Stil
für den Zuschauer dokumentiert, tragfähig ist - wer weiss.
Die Seelennöte der Liebenden und auch der Lebensmüden
haben sich offenbar nicht verkleinert, aber doch verändert
seit Strindbergs und Ibsens Zeiten: Wo einst die Hölle war,
versteht man Bauersima recht, ist jetzt grau flimmernde Leere.
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