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DIE REISE VON KLAUS UND EDITH ... - SÜDDEUTSCHE ZEITUNG - 16.01.2001
Die Nacht der lesenden Toten

Samuel Schwarz inszeniert am Bochumer Schauspielhaus ein Trash-Märchen von Lukas Bärfuss

Wo sind wir gelandet? In einer verlassenen Lagerhalle? In einem schummrigen U-Bahnschacht? An einer dunklen Häuserecke? Oder auf einem modrigen Speicher? Die aus Paletten gezimmerte Holzkonstruktion, die Chantal Wuhrmann auf die Bühne der Bochumer Kammerspiele gebaut hat, ist ein Ort, der verschwimmt, sobald man ihn genauer fixieren will. Das Licht muss sich durch enge Ritzen zwängen – ein ewiger Verlierer gegen die Dunkelheit. Rechts und links stehen zwei offene kleine Türme. Eine Art niedriger Dachboden verbindet sie miteinander. Das von vielen Seiten her begehbare Gerüst ist eine zusammengepuzzelte Bühne auf der Bühne. Ein guter Ort für falsche Schwüre.

Der Liebste will es noch einmal aus Ediths Mund hören: So eine Liebe wie zwischen ihr und ihm wird es nie wieder geben. Schluchz. Dann verschwindet er aus dem Scheinwerferlicht ins Totenreich und nimmt sein Geheimnis mit. Auch wenn der Liebste später wieder als der Blaue an der Ecke lümmelt, wir werden es nicht erfahren, was am Storchenweiher geschah. Ein die Liebe sprengendes Drama? Gewiss. Doch die Spekulationen sind nicht durch Fakten belegbar. Nur die Hitzewellen einer dauerhaften Beunruhigung lassen sich aufspüren.

"Die Reise von Klaus und Edith durch den Schacht zum Mittelpunkt der Erde" des Schweizer Autors Lukas Bärfuss gibt sich als ein Melodram aus dem letzten Jahrhundert, in dem alle Geschichten sich im Nichts verlieren. Amor ist ein Amokschütze, der wahllos aus der Dachluke ballert. Seine Opfer geistern durch die Welt. Und wenn sie schon gestorben sind, kehren sie immer wieder. Es sind Schattengewächse der Melancholie, die jeder Romantik eine Fratze schneiden. "Mit mir is nicht lustig", klagt Edith (Julie Bräuning). Das mittelalterliches Burgfräulein mit rotem Haar, schwarzem langem Kleide und Feengesicht hat sich in ihrer Herzkammer voll Gram eingeschlossen. Nach dem mysteriösen Tod ihres Geliebten leidet sie unter der klebrigen Fürsorge ihres Bruder Klaus (Martin Horn). Der hagere Mann ist ein Spießer, der die Bildung des Herzens diktatorisch predigt, und keine Ausreden der Schwester für den Besuch einer literarischen Soiree duldet. Wenn Ediths Zeh schmerzt und der Abend voller Kunstwonnen gefährdet scheint, greift der Bruder eben schnell zur großen Schere und schneidet den entzündeten Nagel ab. Schreie, Blut und Knochenknacken. Grausam ist die Bruderliebe. Blut ist im Schuh.

Amor läuft Amok
In diesem Trash-Märchen wuseln die Gestalten ständig über die enge Bühne oder kauern in dunklen Ecken. Sie heißen "die Rote", "die Gelbe", "der Grüne", "die Wispernde". Der Blaue (Fabian Krüger) ist der coolste unter ihnen. Seine Stimme krächzt wie aus einem Gully. In einem fransigen Jeans-Umhang wirkt er wie eine Mischung aus Cowboy und Vampir. Unter seinem blauschwarzen Teufelshaar funkelt ein schmachtender Engelsblick. Der Blaue ist die geisterhafte Wiedergeburt des Liebsten und die zauberhafte Irritation des Spiels. Wo er steht, röchelt das Melodram, das in Lügen, Verrat und grenzenloser Unerfülltheit badet. Überall riecht es nach angebranntem Humor.

Die Reise, die Lukas Bärfuss und der Regisseur Samuel Schwarz von der Schweizer Theatergruppe "400ASA" in Bochum unternehmen, entpuppt sich jedoch als eine Irrfahrt, je länger der Abend dauert. Wir landen dort, wo eigentlich gar niemand hin will: in der Langeweile. Die Einfälle verblassen so schnell wie Glühwürmchen. Und die programmatische Gleichberechtigung der theatralischen Mittel, zu der sich "400ASA" ausdrücklich bekennt, wirkt eher wie das Klappern im Archiv, wo es doch eine Exkursion zu neuen Formenkombinationen sein sollte. Der Klavierspieler ragt mit dem Kopf aus dem Graben vor der Bühne, traurige Lieder werden gesungen, Szenenüberschriften und Regieanweisungen brechtisch-brav gesprochen; das Licht bekommt als Leuchtstoffröhre und Nachttischlampe eine eigene Rolle – alles wird getan, die Illusion zu brechen.

Das ist nicht ohne Reiz und Eigenheit. Doch was will ein Theater, das die Askese der Mittel feiert, aber nur dürftige Inhalte präsentiert? Die skandinavischen Dogma-Filmer, erklärte Vorbilder von "400ASA", haben mit ihrer Ästhetik der Reduktion spannende Geschichten erzählt. Das selbstgefällige Theater des Duos Bärfuss/Schwarz hat mit seiner Bescheidenheit nur wenig mitzuteilen. Wer ständig nur Theater spielt, um es kunstvoll in Frage zu stellen, verliert sich in Formalien. "Die Oper lügt", ermahnt Klaus die Gelbe (Martina Eitner-Acheampong), die als eine gefallene Königin der Nacht Glucks Arie "J"ai perdu mon Eurydice" singt. In Bochum hat an diesem Abend das Theater das Lügen verlernt.

CHRISTIAN PEISELER

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