Die
Nacht der lesenden Toten
Samuel Schwarz inszeniert am Bochumer Schauspielhaus ein Trash-Märchen
von Lukas Bärfuss
Wo sind wir gelandet? In einer verlassenen Lagerhalle? In einem
schummrigen U-Bahnschacht? An einer dunklen Häuserecke? Oder
auf einem modrigen Speicher? Die aus Paletten gezimmerte Holzkonstruktion,
die Chantal Wuhrmann auf die Bühne der Bochumer Kammerspiele
gebaut hat, ist ein Ort, der verschwimmt, sobald man ihn genauer
fixieren will. Das Licht muss sich durch enge Ritzen zwängen
ein ewiger Verlierer gegen die Dunkelheit. Rechts und links
stehen zwei offene kleine Türme. Eine Art niedriger Dachboden
verbindet sie miteinander. Das von vielen Seiten her begehbare Gerüst
ist eine zusammengepuzzelte Bühne auf der Bühne. Ein guter
Ort für falsche Schwüre.
Der Liebste will es noch einmal aus Ediths Mund hören: So eine
Liebe wie zwischen ihr und ihm wird es nie wieder geben. Schluchz.
Dann verschwindet er aus dem Scheinwerferlicht ins Totenreich und
nimmt sein Geheimnis mit. Auch wenn der Liebste später wieder
als der Blaue an der Ecke lümmelt, wir werden es nicht erfahren,
was am Storchenweiher geschah. Ein die Liebe sprengendes Drama?
Gewiss. Doch die Spekulationen sind nicht durch Fakten belegbar.
Nur die Hitzewellen einer dauerhaften Beunruhigung lassen sich aufspüren.
"Die Reise von Klaus und Edith durch den Schacht zum Mittelpunkt
der Erde" des Schweizer Autors Lukas Bärfuss gibt sich
als ein Melodram aus dem letzten Jahrhundert, in dem alle Geschichten
sich im Nichts verlieren. Amor ist ein Amokschütze, der wahllos
aus der Dachluke ballert. Seine Opfer geistern durch die Welt. Und
wenn sie schon gestorben sind, kehren sie immer wieder. Es sind
Schattengewächse der Melancholie, die jeder Romantik eine Fratze
schneiden. "Mit mir is nicht lustig", klagt Edith (Julie
Bräuning). Das mittelalterliches Burgfräulein mit rotem
Haar, schwarzem langem Kleide und Feengesicht hat sich in ihrer
Herzkammer voll Gram eingeschlossen. Nach dem mysteriösen Tod
ihres Geliebten leidet sie unter der klebrigen Fürsorge ihres
Bruder Klaus (Martin Horn). Der hagere Mann ist ein Spießer,
der die Bildung des Herzens diktatorisch predigt, und keine Ausreden
der Schwester für den Besuch einer literarischen Soiree duldet.
Wenn Ediths Zeh schmerzt und der Abend voller Kunstwonnen gefährdet
scheint, greift der Bruder eben schnell zur großen Schere
und schneidet den entzündeten Nagel ab. Schreie, Blut und Knochenknacken.
Grausam ist die Bruderliebe. Blut ist im Schuh.
Amor läuft Amok
In diesem Trash-Märchen wuseln die Gestalten ständig über
die enge Bühne oder kauern in dunklen Ecken. Sie heißen
"die Rote", "die Gelbe", "der Grüne",
"die Wispernde". Der Blaue (Fabian Krüger) ist der
coolste unter ihnen. Seine Stimme krächzt wie aus einem Gully.
In einem fransigen Jeans-Umhang wirkt er wie eine Mischung aus Cowboy
und Vampir. Unter seinem blauschwarzen Teufelshaar funkelt ein schmachtender
Engelsblick. Der Blaue ist die geisterhafte Wiedergeburt des Liebsten
und die zauberhafte Irritation des Spiels. Wo er steht, röchelt
das Melodram, das in Lügen, Verrat und grenzenloser Unerfülltheit
badet. Überall riecht es nach angebranntem Humor.
Die Reise, die Lukas Bärfuss und der Regisseur Samuel Schwarz
von der Schweizer Theatergruppe "400ASA" in Bochum unternehmen,
entpuppt sich jedoch als eine Irrfahrt, je länger der Abend
dauert. Wir landen dort, wo eigentlich gar niemand hin will: in
der Langeweile. Die Einfälle verblassen so schnell wie Glühwürmchen.
Und die programmatische Gleichberechtigung der theatralischen Mittel,
zu der sich "400ASA" ausdrücklich bekennt, wirkt
eher wie das Klappern im Archiv, wo es doch eine Exkursion zu neuen
Formenkombinationen sein sollte. Der Klavierspieler ragt mit dem
Kopf aus dem Graben vor der Bühne, traurige Lieder werden gesungen,
Szenenüberschriften und Regieanweisungen brechtisch-brav gesprochen;
das Licht bekommt als Leuchtstoffröhre und Nachttischlampe
eine eigene Rolle alles wird getan, die Illusion zu brechen.
Das ist nicht ohne Reiz und Eigenheit. Doch was will ein Theater,
das die Askese der Mittel feiert, aber nur dürftige Inhalte
präsentiert? Die skandinavischen Dogma-Filmer, erklärte
Vorbilder von "400ASA", haben mit ihrer Ästhetik
der Reduktion spannende Geschichten erzählt. Das selbstgefällige
Theater des Duos Bärfuss/Schwarz hat mit seiner Bescheidenheit
nur wenig mitzuteilen. Wer ständig nur Theater spielt, um es
kunstvoll in Frage zu stellen, verliert sich in Formalien. "Die
Oper lügt", ermahnt Klaus die Gelbe (Martina Eitner-Acheampong),
die als eine gefallene Königin der Nacht Glucks Arie "J"ai
perdu mon Eurydice" singt. In Bochum hat an diesem Abend das
Theater das Lügen verlernt.
CHRISTIAN PEISELER |
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