Eine
verrückte Kostbarkeit
Ein ironisches Melodram: "Die Reise von Klaus und Edith durch einen
Schacht zum Mittelpunkt der Erde", ein Stück des Zürchers Lukas
Bärfuss, wurde in Bochum uraufgeführt.
Was geschah am Storchenweiher? Nie werden wir es erfahren. Sicher
ist nur, dass Edith damals ihren Liebsten verlor, seitdem hat sie
die Schwermut. Ihr Bruder Klaus kümmert sich um sie. Sonst hat sie
niemanden. Edith ist lieb, aber in ihr waltet ein finsterer Wille.
Klaus ist brav, aber streng. Er schätzt das Kulturelle und nimmt
Edith mit zur literarischen Soiree. Da geht es um etwas Kritisches.
Aber die U-Bahn kommt nicht, weil sich am Bismarckplatz ein Hurenmädchen
vor den Zug geworfen hat. Sagt der Blaue, den sie am Bahnsteig treffen.
Hat Klaus damit zu tun?
Licht und Schatten
Alles sehr verwickelt, sehr im Dunkeln. Denn "Die Reise von Klaus
und Edith durch den Schacht zum Mittelpunkt der Erde" ist eine Reise
in die Licht-und-Schatten-Welt eines Stummfilm-Melodrams. Vielleicht
ist es auch eine Mädchenreise in den Tod oder die Reise eines verschwisterten
Liebespaars in ihrer Herzen schwarze Finsternis. Gewiss aber ist
es die neueste Tat von Lukas Bärfuss und Samuel Schwarz von der
Gruppe "400asa" aus Bern, mit der sie den Sprung über die Landesgrenzen
getan haben, nach Bochum ans Schauspielhaus. In der Schweiz sind
sie mit "Vier Frauen" und "Medeää" bekannt geworden, das auch aufs
letzte "Impulse"-Festival geladen war. Nun werden die beiden wohl
berühmt. Auf ihrer Reise in Richtung Mittelpunkt der Theaterwelt
ist Chantal Wuhrmann dabei, die hat ihnen ein wunderliches Bühnenbild
gebaut: Ein verlassenes Waldhaus mit drei Räumen auf hohlen Stützen,
einen Höhlenkasten und düsteren Lattenbau, durch dessen Ritzen der
Wind expressionistischer Alpträume geht. In den Ecken lungern fahrige
Gestalten, die die Spieler mit Taschenlampen und tragbaren Leuchten
bescheinen. Immer ist es beinah ganz finster. Aus der Grube flattert
dann und wann Musik.
Weiche Figuren
Der Blaue (Fabian Krüger) liebt Edith (Julie Bräuning), aber lebt
der Blaue überhaupt? Zumindest ist er manchmal auch jemand anderes.
-ppig wie von Madame Butterfly ist das Kleid der Gelben, die mal
die Nachbarin, mal die Hure vom U-Bahnhof ist. Es geht ein Mann
um, der die Frauen zum Selbstmord treibt. Klaus (Martin Horn) ist
viel zu schüchtern, um sich mit der Gelben einzulassen, aber Edith
ist eifersüchtig und schwärzt Klaus als den Unhold an. Klaus kommt
ins Gefängnis. Nun kann Edith zum Grab ihres Liebsten nach Auershofen
fahren. Es ist eine komische, anrührend-nichtige Geschichte, die
Bärfuss da erfunden hat, mit ganz weichen Figuren, die wie bei Horv«th
in schlichten Sätzen und einfachen, schief-schönen Bildern reden.
Dank Schwarz und Wuhrmann wird eine verrückte Kostbarkeit daraus,
die zwischen psychologischem und Trash-Theater changiert und mit
ironischer Treue ein abgelebtes Genre nachzeichnet, das Melodram.
Das ist so alt, dass schon mal ein Stück fehlen kann, denn Edith
ist plötzlich tot und sitzt mit ihrem Liebsten in Klaus' Zelle,
wo der Bruder einen Brief vorliest, den Bericht ihrer Beerdigung.
Schon geht das Licht an - "Fin de la bobine", steht als Letztes
im Textbuch, "Ende der Spule". Aber gewiss liegt in Bärfuss' Dunkelkammer
der Rest.
Von Ulrich Deuter |
|