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DIE REISE VON KLAUS UND EDITH ... - TAGESANZEIGER -15.01.2001
Eine verrückte Kostbarkeit

Ein ironisches Melodram: "Die Reise von Klaus und Edith durch einen Schacht zum Mittelpunkt der Erde", ein Stück des Zürchers Lukas Bärfuss, wurde in Bochum uraufgeführt.

Was geschah am Storchenweiher? Nie werden wir es erfahren. Sicher ist nur, dass Edith damals ihren Liebsten verlor, seitdem hat sie die Schwermut. Ihr Bruder Klaus kümmert sich um sie. Sonst hat sie niemanden. Edith ist lieb, aber in ihr waltet ein finsterer Wille. Klaus ist brav, aber streng. Er schätzt das Kulturelle und nimmt Edith mit zur literarischen Soiree. Da geht es um etwas Kritisches. Aber die U-Bahn kommt nicht, weil sich am Bismarckplatz ein Hurenmädchen vor den Zug geworfen hat. Sagt der Blaue, den sie am Bahnsteig treffen. Hat Klaus damit zu tun?

Licht und Schatten

Alles sehr verwickelt, sehr im Dunkeln. Denn "Die Reise von Klaus und Edith durch den Schacht zum Mittelpunkt der Erde" ist eine Reise in die Licht-und-Schatten-Welt eines Stummfilm-Melodrams. Vielleicht ist es auch eine Mädchenreise in den Tod oder die Reise eines verschwisterten Liebespaars in ihrer Herzen schwarze Finsternis. Gewiss aber ist es die neueste Tat von Lukas Bärfuss und Samuel Schwarz von der Gruppe "400asa" aus Bern, mit der sie den Sprung über die Landesgrenzen getan haben, nach Bochum ans Schauspielhaus. In der Schweiz sind sie mit "Vier Frauen" und "Medeää" bekannt geworden, das auch aufs letzte "Impulse"-Festival geladen war. Nun werden die beiden wohl berühmt. Auf ihrer Reise in Richtung Mittelpunkt der Theaterwelt ist Chantal Wuhrmann dabei, die hat ihnen ein wunderliches Bühnenbild gebaut: Ein verlassenes Waldhaus mit drei Räumen auf hohlen Stützen, einen Höhlenkasten und düsteren Lattenbau, durch dessen Ritzen der Wind expressionistischer Alpträume geht. In den Ecken lungern fahrige Gestalten, die die Spieler mit Taschenlampen und tragbaren Leuchten bescheinen. Immer ist es beinah ganz finster. Aus der Grube flattert dann und wann Musik.

Weiche Figuren

Der Blaue (Fabian Krüger) liebt Edith (Julie Bräuning), aber lebt der Blaue überhaupt? Zumindest ist er manchmal auch jemand anderes. -ppig wie von Madame Butterfly ist das Kleid der Gelben, die mal die Nachbarin, mal die Hure vom U-Bahnhof ist. Es geht ein Mann um, der die Frauen zum Selbstmord treibt. Klaus (Martin Horn) ist viel zu schüchtern, um sich mit der Gelben einzulassen, aber Edith ist eifersüchtig und schwärzt Klaus als den Unhold an. Klaus kommt ins Gefängnis. Nun kann Edith zum Grab ihres Liebsten nach Auershofen fahren. Es ist eine komische, anrührend-nichtige Geschichte, die Bärfuss da erfunden hat, mit ganz weichen Figuren, die wie bei Horv«th in schlichten Sätzen und einfachen, schief-schönen Bildern reden. Dank Schwarz und Wuhrmann wird eine verrückte Kostbarkeit daraus, die zwischen psychologischem und Trash-Theater changiert und mit ironischer Treue ein abgelebtes Genre nachzeichnet, das Melodram. Das ist so alt, dass schon mal ein Stück fehlen kann, denn Edith ist plötzlich tot und sitzt mit ihrem Liebsten in Klaus' Zelle, wo der Bruder einen Brief vorliest, den Bericht ihrer Beerdigung. Schon geht das Licht an - "Fin de la bobine", steht als Letztes im Textbuch, "Ende der Spule". Aber gewiss liegt in Bärfuss' Dunkelkammer der Rest.

Von Ulrich Deuter

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