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MISS SARA SAMPSON - AARGAUER ZEITUNG - 3.12.2002

Ein Monument des Rätselhaften

Am Theater Basel liest Samuel Schwarz «Sara Sampson» radikal anders

Elisabeth Feller

Ungnädige Zeitgenossen behaupten, dass stets dann das Wort «schwierig» fällt, wenn «die Kritik» nicht mehr weiter weiss. Na und, muss man jetzt entgegenhalten, denn es gibt nichts, womit sich Samuel Schwarz" Inszenierung des Lessing-Klassikers «Miss Sara Sampson» trefflicher umschreiben liesse. Sie ist, daran ist nicht zu rütteln, schwierig. Sie ist es so sehr, dass sie direkt an Stefan Bachmanns ebenfalls als äusserst schwierig geltenden «Sturm» anknüpft. Das ehrt sie; ehrt zugleich die Basler Dramaturgie, die unermüdlich (auch) jene «roten Fäden» spinnt, die das Publikum erst nach Jahren zur Kenntnis nimmt.

Schwierig? Ist wahrlich ein unzulängliches Wort für eine Aufführung, die vieles ist: texttreu und textbrechend; zart und brutal; dienend und angreifend; kopierend und erschaffend; anregend und erschöpfend. Kurz: Wer dem mittlerweile bejahrten Begriff «Regietheater» auf die Spur kommen will, muss sich diese dreistündige Inszenierung «antun». Wers tut, wird schon bald merken, dass hier der Weg das Ziel ist. Denn nichts ist hier fertig in dieser; alles wird infrage gestellt; verbleibt als Steinbruch, was Lessing als Leidenschaft in Form gegossen hat. Nicht der stete Fluss, sondern das Mäandern ist freilich des Regieteams (Bühne: Chantal Wuhrmann/Andy Hohl; Kostüme: Esther Schmid; Musik: Frank Heierli; Dramaturgie: Matthias Günther) liebste Betätigung.

Konkret: Es schöpft aus einer Fülle von Gesehenem und Gehörtem, vermischt und vermengt es und zieht dar-aus, was es zwingend als Essenz einem heutigen Publikum unter die Nase reiben will. Das klingt nach Parfümherstellung und die ist bekanntlich kompliziert. Längst nicht immer riecht am Ende gut, was gerade dank vieler einander widerstrebenden Stoffen als betörendes Bouquet aufscheinen soll. So zerfällt auch diese Aufführung in viele Duftrichtungen, wiewohl eine pudrige «Kopfnote» allzeit auszumachen ist. Das ist wörtlich zu verstehen, denn Schwarz belässt das bürgerliche Trauerspiel um ein liebendes Mädchen (Sara), einen liebes- und beziehungsunfähigen Dandy (Mellefont), eine rachsüchtige Ex-Geliebte (Marwood) sowie einen versteinerten Vater im Lessing-Zeitalter, will heissen im «pudrigen», deutlicher: erotisch schwülen Ambiente eines englischen Gasthofes mit Karotapeten. Stirnen frei lassende, hochgetürmte Perücken sowie maskenhaft geschminkte Gesichter und blutrote Lippen erinnern an Fellinis «Casanova»-Dekadenz und Kubricks «Barry Lyndon»-Ästhetik.

Da werden wir also unverhofft in einen Film katapultiert, wie es ihn nicht nur bei den Erwähnten gab: stecken in einer Lovestory mit loderndem Kaminfeuer (dem Video sei Dank); überzeichnender Gestik, grimassierender Mimik; dräuender, fein austarierter Soundkulisse sowie überakzentuierter Sprachbetonung. Schwarz" Absicht ist klar: Er will Lessings Text und die ihm eigene Sentimentalität aufbrechen, indem er ihn verfremdet - etwa durch Rollentausch, wobei Iris Erdmann Saras Vater und Martin Horn (brillant) die Marwood spielt - und überführt in eine Künstlichkeit, wie sie sich anziehender und abstossender kaum nachhaltiger dem Publikum mitteilen kann.

Dass der «Link» zu einer in Liebesdingen ungleich kühleren Gegenwart angestrebt wird, liegt auf der Hand. Bloss: Er gelingt bei weitem nicht immer. Wiewohl gerade Katja Jungs Sara den Bogen schlägt von mädchenhaftem Zauber bis zur todessüchtigen Emanze. Gleichzeitig will diese Sara aber auch die Instrumentalisierung einer Schauspielerin durch «ihren» Regisseur verbalisieren: Jung «fällt» da aus ihrer Rolle, karikiert mit rollendem «R» Fritz Kortner und damit die Erfahrungen einer Schauspielerin mit diesem tyrannischen Regiewunder. Einleuchtend: Schwarz stellt damit sich, den Autor und das Drama als Humanitas fördernd radikal infrage. In diesem Moment ist Schwarz nahe bei Lessing und dennoch weit von ihm entfernt: Weil er den Strom seiner Ideen permanent über die Ufer treten lässt. Klarheit? Gibts nicht, doch als Monument des Rätselhaften und Unvollendeten hat die Inszenierung fraglos ihre Meriten.


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