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Ein Monument des Rätselhaften
Am Theater Basel liest Samuel Schwarz «Sara
Sampson» radikal anders
Elisabeth Feller
Ungnädige Zeitgenossen behaupten, dass stets dann das Wort
«schwierig» fällt, wenn «die Kritik»
nicht mehr weiter weiss. Na und, muss man jetzt entgegenhalten,
denn es gibt nichts, womit sich Samuel Schwarz" Inszenierung
des Lessing-Klassikers «Miss Sara Sampson» trefflicher
umschreiben liesse. Sie ist, daran ist nicht zu rütteln,
schwierig. Sie ist es so sehr, dass sie direkt an Stefan Bachmanns
ebenfalls als äusserst schwierig geltenden «Sturm»
anknüpft. Das ehrt sie; ehrt zugleich die Basler Dramaturgie,
die unermüdlich (auch) jene «roten Fäden»
spinnt, die das Publikum erst nach Jahren zur Kenntnis nimmt.
Schwierig? Ist wahrlich ein unzulängliches Wort für
eine Aufführung, die vieles ist: texttreu und textbrechend;
zart und brutal; dienend und angreifend; kopierend und erschaffend;
anregend und erschöpfend. Kurz: Wer dem mittlerweile bejahrten
Begriff «Regietheater» auf die Spur kommen will, muss
sich diese dreistündige Inszenierung «antun».
Wers tut, wird schon bald merken, dass hier der Weg das Ziel ist.
Denn nichts ist hier fertig in dieser; alles wird infrage gestellt;
verbleibt als Steinbruch, was Lessing als Leidenschaft in Form
gegossen hat. Nicht der stete Fluss, sondern das Mäandern
ist freilich des Regieteams (Bühne: Chantal Wuhrmann/Andy
Hohl; Kostüme: Esther Schmid; Musik: Frank Heierli; Dramaturgie:
Matthias Günther) liebste Betätigung.
Konkret: Es schöpft aus einer Fülle von Gesehenem
und Gehörtem, vermischt und vermengt es und zieht dar-aus,
was es zwingend als Essenz einem heutigen Publikum unter die Nase
reiben will. Das klingt nach Parfümherstellung und die ist
bekanntlich kompliziert. Längst nicht immer riecht am Ende
gut, was gerade dank vieler einander widerstrebenden Stoffen als
betörendes Bouquet aufscheinen soll. So zerfällt auch
diese Aufführung in viele Duftrichtungen, wiewohl eine pudrige
«Kopfnote» allzeit auszumachen ist. Das ist wörtlich
zu verstehen, denn Schwarz belässt das bürgerliche Trauerspiel
um ein liebendes Mädchen (Sara), einen liebes- und beziehungsunfähigen
Dandy (Mellefont), eine rachsüchtige Ex-Geliebte (Marwood)
sowie einen versteinerten Vater im Lessing-Zeitalter, will heissen
im «pudrigen», deutlicher: erotisch schwülen
Ambiente eines englischen Gasthofes mit Karotapeten. Stirnen frei
lassende, hochgetürmte Perücken sowie maskenhaft geschminkte
Gesichter und blutrote Lippen erinnern an Fellinis «Casanova»-Dekadenz
und Kubricks «Barry Lyndon»-Ästhetik.
Da werden wir also unverhofft in einen Film katapultiert, wie
es ihn nicht nur bei den Erwähnten gab: stecken in einer
Lovestory mit loderndem Kaminfeuer (dem Video sei Dank); überzeichnender
Gestik, grimassierender Mimik; dräuender, fein austarierter
Soundkulisse sowie überakzentuierter Sprachbetonung. Schwarz"
Absicht ist klar: Er will Lessings Text und die ihm eigene Sentimentalität
aufbrechen, indem er ihn verfremdet - etwa durch Rollentausch,
wobei Iris Erdmann Saras Vater und Martin Horn (brillant) die
Marwood spielt - und überführt in eine Künstlichkeit,
wie sie sich anziehender und abstossender kaum nachhaltiger dem
Publikum mitteilen kann.
Dass der «Link» zu einer in Liebesdingen ungleich
kühleren Gegenwart angestrebt wird, liegt auf der Hand. Bloss:
Er gelingt bei weitem nicht immer. Wiewohl gerade Katja Jungs
Sara den Bogen schlägt von mädchenhaftem Zauber bis
zur todessüchtigen Emanze. Gleichzeitig will diese Sara aber
auch die Instrumentalisierung einer Schauspielerin durch «ihren»
Regisseur verbalisieren: Jung «fällt» da aus
ihrer Rolle, karikiert mit rollendem «R» Fritz Kortner
und damit die Erfahrungen einer Schauspielerin mit diesem tyrannischen
Regiewunder. Einleuchtend: Schwarz stellt damit sich, den Autor
und das Drama als Humanitas fördernd radikal infrage. In
diesem Moment ist Schwarz nahe bei Lessing und dennoch weit von
ihm entfernt: Weil er den Strom seiner Ideen permanent über
die Ufer treten lässt. Klarheit? Gibts nicht, doch als Monument
des Rätselhaften und Unvollendeten hat die Inszenierung fraglos
ihre Meriten.
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