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Versuchte Küsse, verlorene Zärtlichkeit
Samuel Schwarz' Inszenierung von Lessings "Miss Sara Sampson"
im Schauspiel Basel stellt Gefühlsruinen auf die Bühne"Die
Zuschauer haben 3 1/2 Stunde zugehört, stille gesessen wie
Statuen und geweint", berichtet im Sommer 1755 ein Zeitgenosse
von einer der ersten Aufführungen des Stücks. Wegen
seiner überdrehten Deklamationen und der allzu simplen Story
von Verführung, Täuschung und doppelter Gewalttat steht
"Miss Sara Sampson" heute im Schatten ihrer virtuoseren,
jüngeren Schwestern Emilia und Minna. Doch der junge Regisseur
Samuel Schwarz hat für seine Basler Lessing-Inszenierung
gerade die darin verhandelte Unsicherheit der Liebeserfahrung
bei ihrer glühendsten Bestätigung zum Thema gemacht.
Er schmilzt die zwei Gasthöfe zu einem überwiegend
finsteren Schauplatz zusammen, in dem Ratten und Lakaien herrschen.
Er zitiert in Kostümen und gezirpten Spinett-Akkorden eine
morsche Rokoko-Privatgesellschaft, die nicht mehr weiß,
was sie auf dieser Welt noch anderes tun soll als sich zu belauern
und zu klagen. Er irritiert sein Publikum, indem er die Marwood
durch einen Schauspieler, Vater Samp-son durch eine Schauspielerin
darstellen lässt. Und die wenigen Dienerfiguren, multipliziert
zu einer Schar livrierter, glatzköpfiger Lemuren, sind die
eigentlichen Herren dieser Inszenierung. Sie schmeicheln, kichern
und äffen ihre Herren nach. Sie drücken sich in Saras
Puppenstuben-Bett herum, stieben auf wie ein Fliegenschwarm und
lassen sich beharrlich neu auf den fauligen Überresten der
geheuchelten oder wahren, doch immer nur deklamierten Liebe nieder.
Denn was hier so frisch zu lodern vorgibt wie das gebeamte Kaminfeuer
oder was in Wirklichkeit nur ranzige Gefühlsreste sind, können
nicht einmal die Personen selbst mehr entscheiden.
Machtvoll tritt die Marwood (Martin Horn), halb Gulliver, halb
Domina in Schnürstiefeln auf (Martin Horn), einen Kopf größer
als ihr Ex-Geliebter, den sie aufs glückliche Familienta-bleau
mit Tochter Arabella (Meret Hottinger) zurückzuzwingen hofft.
Doch dieser Mellefont (Markus Merz) wird entkräftet von seinen
Albträumen und den Ansprüchen sowohl seiner jungen Geliebten
als auch seiner Verflossenen: ein innerlich und äußerlich
Belagerter.
Als sei dies alles noch nicht Bild und Sprache genug, erklimmt
die Basler Inszenierung auch noch die Ebene des Diskurses. Sie
belastet sich mit einer feuilletonistischen Interpretation des
Zürcher Germanisten Peter von Matt, sie lässt Miss Sara
(Katja Jung) sinnlos über ihre Probenarbeit räsonnieren,
und überall sind die gelben Reclam-Textbändchen präsent:
als Fächer, Wurfgeschosse und, seitenweise angezündet,
als qualmender Fidibus zu einem der wolkigsten Monologe.
Was für Sara und Mellefont nach Lessing zum tödlichen
Verhängnis werden soll, erklären die Diener zum Fest,
schenken dem Premierenpublikum freimütig Sekt aus unter schwer
verdaulichem Gedankengebrodel. Ein geduldig praktisches Bühnenbild,
(Chantal Wuhrmann, Andy Hohl) nimmt all diese Stürme gelassen
in seine britisch karierten Pappwände auf.
Und in dieser ganzen schließlich wegrutschenden Ideenwelt,
diesem Wegkugeln, Herumschmeißen, Am-Papier-Würgen,
diesen versuchten Küssen zwischen verlorener Zärtlichkeit
und drohender Gewalt, bleibt diese Inszenierung ein Triumph der
Sprache über die Handlung. Regisseur Samuel Schwarz, der
für seine Inszenierung Anleihen bei dem überdeutlichen
Sprechstil in Roger Cormans Filmen machte, gibt besonders in der
erstarrten Figur des Sir William Sampson (großartig: Iris
Erdmann) und im Auftreten der Marwood der Lessingschen Sprache
eine unglaubliche Wucht.
Peter Winterling
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