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Der Mensch zeigt seine Fratzen, das Tier hebt seine
Tatzen
Gespenstisch: Samuel Schwarz exhumiert Lessings
"Miss Sara Sampson" im Schauspielhaus Basel
Von Christine Richard
Der Schlaf der Vernunft gebiert Ungeheuer.
Einer ist schon tot, bevor das Theater beginnt. Der Bär.
Als Jagdtrophäe an der Wand hängt er, und er hängt
dort nicht umsonst, sondern uns zum Zeichen: Der Bär ist
erledigt; die Zeit wilder Triebe und Treibjagden ist vorbei; der
Mensch ist voll durchkultiviert. Die Zähmung der Bestie ist
gelungen doch ihr Bild schaut uns noch an. Steif und starr.
Künstlich und traurig. Gruslig und grausam. Der Bär
hebt seine Tatzen, der Mensch zeigt seine Fratzen.
Was tot ist, ist noch lange nicht vorbei. Es lebt weiter im Schauerdrama,
im Film-Melodram; es kann nicht mehr natürlich sein, es muss
sich selber künstlich gross machen durch Über-Zeichnung
durch die expressionistische Geste und Groteske. Genau
so inszeniert der junge Samuel Schwarz das Tugendprogramm des
alten Gotthold Ephraim Lessing. Verblasst, aber nicht vorbei.
Die Sampsons, die Mellefonts und Marwoods sind lange gestorben,
aber sie kehren wieder, als Untote, als Überzeichnete, als
Ungeheuer und heute kehren in ihnen die von Lessing damals
verdrängten Triebe mit Macht zurück. Diese doppelte
Wiederkehr, diese zweifache Bewegung, macht den toten Dramen-Text
in Basel so lebendig. Das bürgerliche Trauerspiel als Monster-Tragödie
der Sinne. Es ist abstossend und ungeheuer anziehend. Es ist unsere
eigene, bürgerliche Triebgeschichte.
Die Story für sich genommen ist Kolportage. Der flatterhafte
Mellefont hat die kleine Miss Sara Sampson entführt; seit
neun Wochen hocken sie in einem verrotteten Wirtshaus, aber er
will sie noch nicht heiraten. Sara weint mit schlechtem Gewissen
ihrem Vater hinterher; Mellefont weint, weil Sara weint; der Vater
weint, weil Sara weg ist. Alle sind im Grunde herzensgut und könnten
sich versöhnen. Nur die raffinierte Lady Marwood weint nicht,
sie will Mellefont wieder haben, den Vater ihrer Tochter Arabella.
Doch weder ihr Bitten noch ihr Rasen, weder Bestechung noch Erpressung
verfangen bei Mellefont. Da vergiftet Lady Marwood ihre Rivalin.
Doch Sara stirbt nicht, bevor sie nicht allen verziehen hat; Mellefont
bringt sich um; Saras Vater verkraftet den Tod der beiden erstaunlich
leicht und wendet sich neuen Aufgaben zu, der Sorge um Arabella.
Ende gut, alle gut, doch die Liebenden sind tot. Ein selbstloses,
aber grausames Triebprogramm des Verzichts und Verzeihens
in hitzigen, in wortstarken Dialogen diskutiert von Lessing.
Gefährliche Liebschaften
Wenn die Toten des 18. Jahrhunderts zu Basel erwachen, dann in
einem Gespenster-Wirtshaus. Die Guckkasten-Bühne (Chantal
Wuhrmann, Andy Hohl) mit ihrem grau-weissen Karo-Muster wirkt
zuerst wie ein Burberry-Mantel, grundsolide, konventionell, unverwüstlich
wie ein Klassiker. Doch der Schein trügt. Die Wände
beweglich. Hinter der Tür die Lauscher. Das
Feuer im Kamin eine kalte Projektion, eine «Einbildung»,
würde Lessing sagen. Das Licht (Rainer Küng) mit seinen
Stimmungswechseln ein raffiniertes Spiel vom Verschatten
und Enthüllen. Die Leidenschaften verglüht. Die
Akkorde von der E-Gitarre (Frank Heierli) dumpf und dunkel.
Die Grundstimmung künstlich durchrationalisiert. Die
Liebe pervertiert zu «Liaisons dangereuses».
Lessing als seis ein Stück von Choderlos de Laclos,
Heiner Müller, Pasolini oder Genet.
Skandalgeile Glatzköpfe
In der dunkelsten Ecke aber lauert dicht gedrängt eine Meute
von Schwätzern, Schleimern, Schmeichlern und Schmarotzern.
Glatzköpfe sind das in steifer Höflingsmontur. So erotisch
ausgehungert sind sie, dass sie alle Körper betasten, betatschen
müssen und am liebsten die herrische Marwood. So geil sind
sie nach Skandalen, dass sie sich hündisch am Boden winden,
winselnd nach den Niederlagen anderer. So gierig sind sie nach
jedem Satz in Lessings Diskutierdrama, dass man auch im Zuschauerraum
besser zuhört, jeder Wort-Waffe, jedem Stich ins Herz. Und
so brutal sind diese Glatzen, dass sie Miss Sara Sampson gegen
Ende rüde erschlagen werden im Auftrag von Marwood. Im empfindsam
überzogenen Tugendprogramm Lessings schafft sich, Dialektik
der Aufklärung, ein seltsamer Sadomasochismus Bahn.
In diesem Totenhaus führt Samuel Schwarz keine Lebewesen
gegeneinander, sondern Liebesweisen. Auf der einen Seite steht
Miss Sara Sampson: Katja Jung, noch nie hat man sie so vorzüglich
in Basel erlebt, spielt die Naive, spielt eine puppige Operetten-Fee
mit blonden Löckchen und rrrrollendem «R»-Laut,
eine Marika Rökk des Rokoko; eine Frau, die immer mehr spielt,
dass sie nur spielt, die aus der Rolle fällt, bis sie nur
noch Schauspielerin ist und von einer Kortner-Probe berichtet.
Lessings unschuldige Kunst-Figur Sara entpuppt sich als Verstellungskünstlerin
und diese als Schauspielerin Katja Jung zeigt das Ineinandergleiten
der Rollen sehr gekonnt und mit feinster Trennschärfe
vorwärts und zurück.
Auf der anderen Seite steht Marwood. Samuel Schwarz hat die Rolle
der Rivalin mit einem Mann besetzt; Martin Horn, Kunstfigur wie
Sara, entwirft sehr fein und spitz das erotische Gegenprogramm
zur Unschuld. Er spielt mit den Geschlechterrollen, er treibt
es sadomasochistisch mit seiner Figur, mal von oben herab mit
schwerem Lidschlag lüstern blickend, mal demütig von
unten hinaufschauend, die gespielte Selbsterniedrigung, die gemimte
Unterwerfung, unendlich langsam, gnadenlos selbstbewusst, siegesgewiss
und wirkungssicher.
Verbotene Lüste
So ein Monster, bei dem die Vernunft schläft, kann nur Ungeheuer
gebären: Marwoods Tochter Arabella ist ohne Beine, ist amputierte
Verschiebemasse zwischen den getrennten Eltern unten ein
Krüppelkind ohne Beine, oben eine Lolita mit Inzest-Gelüsten,
die ihren Vater beim Kusse schier erstickt (Meret Hottinger).
Saras Vater (Iris Erdmann) ist steif und kalt wie der Tod; Arabellas
Vaterliebe ist heiss wie die Sünde; so kompensiert eins das
andere im Zeitalter übertriebener Empfindsamkeit, aus dem
wir alle noch kommen. Zwischen Sara und Marwood, zwischen
beiden Liebesprogrammen hin- und hergerissen ist Mellefont, ein
«kleiner Flattergeist voller Begierden». Markus Merz
spielt das «gute Närrchen», das in alle Fallen
tappt, mal wollüstig, mal lustig, komisch, kokett. Er ist
eher einer von Saras Sorte und der Marwood völlig unterlegen.
So einer hilft nicht, wenn Sara im kalten Feuer von Marwoods Marter-Worten
zu glühen beginnt. So einer ist weg, wenn Sara um die Ecke
gebracht wird. Vorne trinken die Herren, im hintersten Winkel
wird Sara erschlagen, quälend langsam, denn höhnisch
kichert sie immer wieder auf. Lessings «Miss Sara Sampson»
ist einfach nicht tot zu bekommen; unsere Leichen im Keller der
Theatergeschichte leben noch; das «Bataillon d"amour»
marschiert zu einem Fest der Gewalt, zu verbotenen Lüsten.
Licht an für die Tango-Kugel, Schampus für alle und
ein Prosit über Leichen hinweg
Mit Sara stirbt auch die Inszenierung und zwar einige
Szenen zu früh. Sekundärliteratur, etwa von Peter von
Matt, kann ihr nicht auf die Beine helfen, auch nicht die Primärliteratur.
Der Schluss, aus dem gelben Reclam-Heftchen ausdruckslos vorgelesen,
bleibt Papier. Samuel Schwarz will uns bedeuten: Lessings grosses
Verzeihen und Vergeben können wir uns abschminken, es ist
unglaubhaft wie Gottvater «Ende des bürgerlichen
Trauerspiels». Das ist vernünftig gedacht, aber nicht
sinnlich gemacht. So wird diese sich über knapp drei Stunden
spannende, überaus bildstarke und formbewusste Inszenierung
ganz am Ende doch noch zum Opfer der Aufklärung.
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