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Was man mit Papier alles machen kann
Lessings «Miss Sara Sampson» am Theater
Basel
Die Hauptrolle an diesem seltsamen Abend spielt das kleine unschuldig-gelbe
Reclamheftchen. In dieser handlichen Form wird Lessings Text auf
der Basler Schauspielhausbühne nach allen Regeln der Kunst
malträtiert, mal durch den Raum geschmissen, in Stücke
zerrissen, zerknüllt, mal zerkaut und wieder erbrochen, mal
zum Joint gedreht - alles stimmige Bilder, zumindest für
die Verzweiflung, die den Regisseur Samuel Schwarz bei der Inszenierung
dieses Stoffes befallen haben muss. Zugegeben, Lessing macht es
uns Heutigen mit seiner Entführungsstory von anno 1755 mit
all ihren Verwicklungen aus reiner und weniger reiner Liebe samt
ihrem dauerhaften Tränenstrom durch fünf wortgewaltige
Akte nicht ganz leicht. Und der im Programmheft zitierte Ludwig
Marcuse hat wohl nicht Unrecht, wenn er konstatiert: «Wir
haben nicht mehr Tragödien auf der Bühne, weil sie bereits
in den Boulevardblättern ausgeplaudert werden.» Dabei
hatte der Glückliche noch gar keine Ahnung von den täglichen
Talkshows auf allen Kanälen, in denen heute Menschen ununterbrochen
ihr Innerstes nach aussen kehren. Wie also ran an den hochgefühligen
Seelenspeck, den der 26-jährige Lessing in seiner «Miss
Sara Sampson» ausbreitet?
Samuel Schwarz behandelt den Stoff wie eine Strafaufgabe und
entscheidet sich für die Farce. Das wirkt über weite
Strecken wie eine späte Rache für peinigende Lessing-Schulstunden.
Die Protagonisten Mellefont (Markus Merz) und Sara Sampson (Katja
Jung) agieren betont geziert und rrrollen das RRR, dass einem
ganz grrrauslich wirrrd. Weil man dem Text nicht traut, wird er
mit Zitaten aus der Sekundärliteratur, etwa von Peter von
Matt, gebrochen, und nach der Pause erzählt die Sara-Darstellerin,
Fritz-Kortner-Proben parodierend, wie sie erst langsam dank dem
überragenden Regisseur in ihre etwas seltsame Rolle gefunden
habe. Die Faltbühne (Chantal Wuhrmann / Andy Hohl) mit dem
Filmfeuer im Cheminée und dem ausgestopften Bären
darüber evoziert altenglische Gespensterstreifen. Und zu
einer Art kollektivem Hauptakteur schwingt sich je länger,
je mehr der hübsch anzusehende Chor der Bediensteten mit
seinen Glatzköpfen (Kostüme: Esther Schmid) auf. Am
Schluss scheint er ganz die Macht übernommen zu haben. Sara
entleibt sich nicht wie bei Lessing selber, sondern wird in einer
widerlich zerdehnten Schlägerszene vom Diener-Rambo Norton
(Philipp Stengele) regelrecht exekutiert. Jetzt muss Champagner
her, und wer mag, darf auch im Parkett mitsaufen. Der alte Diener
Waitwell (Martin Hug) verkündet «die Schlacht als Fest»,
und so schreitet man wohlgelaunt auch zur Exekution des 5. Aktes:
Mellefonts kleine Tochter Arabella (Meret Hottinger) darf ihn
uns vorlispeln, aus Reclams kleinem gelben Bändchen natürlich.
Zum Glück gibt's Programmhefte. Dort erklärt der Dramaturg
Matthias Günther, dass die Diener für den Pöbel
stehen: «Es sind düstere Gestalten, die in diesem vorrevolutionären
Stück schon eine zukünftige, ungezügelte Formierung
des Proletariats erahnen lassen.» Soll niemand sagen, man
habe uns nicht gewarnt! - Aus dem Sumpf der beliebigen Hilflosigkeiten
ragen zwei Figuren heraus, die etwas von der Abgründigkeit
des Stücks erahnen lassen. Beide sind sie geschlechterverkehrt
besetzt: Iris Erdmann als Saras Vater, Sir William Sampson, und
Martin Horn als Mellefonts alte Geliebte Marwood. Das kommt ohne
jede Tuntenhaftigkeit aus, meidet jede Lächerlichkeit und
entwickelt gerade in der präzisen Sparsamkeit eine ungeahnte
Schärfe und Gefährlichkeit. Marwood ist nicht eine betörende
Femme fatale, sondern ein Machiavelli der Liebe und Triebe. -
Nach drei langen Stunden bleibt es allerdings das grösste
Rätsel, was die Mannschaft bewogen haben könnte, dieses
Stück auf den Spielplan zu setzen. In der Leerformel-Prosa
des Programmheftes tönt das so: «Die Modernität
liegt bei Lessing im Gedanken, den es zu überprüfen
und mit dem heutigen Wissen zu füllen gilt.» Also los!
Alfred Schlienger
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