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Domina unter Dienern
Im Theater Basel forciert Samuel Schwarz den Klassenkampf
in Lessings tränenreicher «Miss Sara Sampson».
Ein Bürger-Bashing nicht ohne Komik.
Von Tobi Müller
Bürgertochter brennt mit adligem Lebemann durch. Vater
reist ihr nach. Verflossene des Lebemanns vergiftet Tochter, Lebemann
bringt sich um. Vater vergibt. Gotthold Ephraim Lessings «Miss
Sara Sampson» variiert einen simplen Stoff, der per SMS
zu übermitteln wäre. Doch die wort- und fintenreiche
Kolportage in Prosa weist über das simple Rührstück
hinaus. Zu viel erfährt man darin über das noch wacklige
bürgerliche Selbstverständnis. Und Lessings avancierte
Soap lässt sich als Urtext des deutschen bürgerlichen
Trauerspiels - 1755 war es das erste seiner Art - wunderbar «gegen
den Strich bürsten», wie man im Theater so sagt. Der
Vater ist dann kalt, nicht warm und gütig, die Tochter leidet
an fortgeschrittener Hysterie, das Leben als eine einzige Heuchelei.
Der Regisseur Samuel Schwarz gibt im Theater den Bürgerschreck
nach rechts wie links. Oft scharf und didaktisch gedacht, bewusst
haarscharf am Dilettantismus vorbei in der Ausführung, um
Kunstgewerbe zu vermeiden. Im Theater Basel, wo Schwarz schon
«Meienbergs Tod» von Lukas Bärfuss inszeniert
hat, eilen ihm mindestens zwei Dinge wieder zu Hilfe: Ein (tja,
bürgerlicher) Theaterapparat mit aussergewöhnlichen
Schauspielern, dem nötigen Kleingeld für schöne
Bühnen - und ein Stück wie gemacht für das Kitzeln
der Konvention. Denn bloss «gut gemacht» lässt
sich «Miss Sara Sampson» beim besten Willen nicht
mehr zeigen.
Wenn in Basel nun der alte Sir William und sein anfangs betont
greiser Diener Waitwell den Provinzgasthof auf der Suche nach
der nicht ganz so tugendhaften Tochter Miss Sara betreten, ist
der Bürger bereits lebendig begraben. Englisches Karo in
Grau geht die Wände hoch, ein ausgestopfter Bär wacht
über die graue Szenerie, und in der dunklen Ecke rottet sich
eine Horde kahlköpfiger, kichernder Homunculi zusammen (Bühne:
Chantal Wuhrmann, Andy Hohl). Es ist der Chor der Bediensteten,
der den Gang des Bürgers in seine eigene Unterwelt tatkräftig
unterstützen wird. Im übergrossen Kamin lodert schon
das Feuer auf Video.
Iris Erdmanns gegenbesetzter Sir William fragt unterkühlt
nach einem Zimmer wie ein Gerichtsmediziner nach einer Leiche.
Nichts von den heissen Tränen des Textes. Und Martin Hugs
Waitwell fährt hastig dazwischen, das Timing ist verwackelt,
man versteht sich schlecht. Noch etwas irritiert: Es wird geschnarrt,
das R rollt scharf. Das Unheil dräut hörbar. Auch wenn
Frank Heierli mollige Akkorde per Elektrobass in die Szenen tupft,
die er in Dur auf dem Spinett kontrastiert.
Kaum sind die Wände zum benachbarten Hotelzimmer verschoben,
kriecht ein Mensch im Rattenkostüm über die Bühne.
Miss Sara (Katja Jung) wedelt sich die faule Luft mit dem Reclam-Lessing
von der gezuckerten Visage. Später wirft sie mit einem ganzen
Stapel dieser gelben Heftchen nach dem Lover Mellefont. Schulstoff
lässt sich eben vielfach verwenden. Und Markus Merz muss
früh das Würstchen geben, umzingelt von zwei hungrigen
Frauen. Sara sinnt der Magen nach rascher Heirat, seiner Ex Marwood
nach Rache. Immerhin: Mellefont wartet auf einen Erbschaftsbescheid,
der ihn wenigstens als anständigen Chlöpfer durchs Leben
wursteln liesse.
Das böse Proletariat spricht von Matt
Doch so einer Marwood wie Martin Horns Domina gehts weniger um
die Wurst als um deren Bratvorgang. Kaum fällt ihr Name,
taucht sie auf und schart die heruntergekommenen Livrierten um
sich (Kostüme: Esther Schmid). So souverän Horn den
Mellefont erst rumkriegt und später die Miss in einem Kreuzverhör
vor ihre Füsse zwingt, so sehr sperrt sich diese gekonnte
Karikatur - und eine Karikatur bleibt eine Domina zwangsweise
- gegen den Text. Kurz vor ihrem letzten Schlag soll diese Herrin
ein «getretener Wurm» sein? Nie und nimmer.
Aber figürliche Stringenz steht nicht im Zentrum dieses
manchmal plumpen, dann wieder vielschichtigen und lustigen Abends.
Sara fällt nach der Pause aus der Rolle und berichtet als
Fritz-Kortner-Schauspielerin von den Proben mit dem Text, den
sie sich zusehends wieder anverwandelt. Der Chor mutiert zum bösen
Proletariat, das ausgerechnet den Literaturwissenschaftler Peter
von Matt über das göttliche wie väterliche Gesetz
und über die Schlacht als Fest zitiert.
Im fünften Akt landet Schwarz bei seiner Theaterskepsis.
Mellefonts und Marwoods uneheliche Tochter Arabella (Meret Hottinger)
lispelt als verunstalteter Clown den Reclamtext, während
Marwood und der revoltierende Diener Waitwell im Stuhl zuschauen.
Sara wurde längst vom Proletariat totgeschlagen (nicht von
Marwood vergiftet wie bei Lessing), Hampelmann Mellefont versuchte
sich mit dem Stock zu erstechen. Alles Theater. Die Diener herrschen
jetzt. Sie tun dies noch gewalttätiger als der Bürger.
«Ende des bürgerlichen Trauerspiels» steht bei
Lessing. Hier, und nur hier, wurde der Dichter beim Wort genommen.
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