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MISS SARA SAMPSON - TAGESANZEIGER - 3.12.2002

Domina unter Dienern

Im Theater Basel forciert Samuel Schwarz den Klassenkampf in Lessings tränenreicher «Miss Sara Sampson». Ein Bürger-Bashing nicht ohne Komik.

Von Tobi Müller

Bürgertochter brennt mit adligem Lebemann durch. Vater reist ihr nach. Verflossene des Lebemanns vergiftet Tochter, Lebemann bringt sich um. Vater vergibt. Gotthold Ephraim Lessings «Miss Sara Sampson» variiert einen simplen Stoff, der per SMS zu übermitteln wäre. Doch die wort- und fintenreiche Kolportage in Prosa weist über das simple Rührstück hinaus. Zu viel erfährt man darin über das noch wacklige bürgerliche Selbstverständnis. Und Lessings avancierte Soap lässt sich als Urtext des deutschen bürgerlichen Trauerspiels - 1755 war es das erste seiner Art - wunderbar «gegen den Strich bürsten», wie man im Theater so sagt. Der Vater ist dann kalt, nicht warm und gütig, die Tochter leidet an fortgeschrittener Hysterie, das Leben als eine einzige Heuchelei.

Der Regisseur Samuel Schwarz gibt im Theater den Bürgerschreck nach rechts wie links. Oft scharf und didaktisch gedacht, bewusst haarscharf am Dilettantismus vorbei in der Ausführung, um Kunstgewerbe zu vermeiden. Im Theater Basel, wo Schwarz schon «Meienbergs Tod» von Lukas Bärfuss inszeniert hat, eilen ihm mindestens zwei Dinge wieder zu Hilfe: Ein (tja, bürgerlicher) Theaterapparat mit aussergewöhnlichen Schauspielern, dem nötigen Kleingeld für schöne Bühnen - und ein Stück wie gemacht für das Kitzeln der Konvention. Denn bloss «gut gemacht» lässt sich «Miss Sara Sampson» beim besten Willen nicht mehr zeigen.

Wenn in Basel nun der alte Sir William und sein anfangs betont greiser Diener Waitwell den Provinzgasthof auf der Suche nach der nicht ganz so tugendhaften Tochter Miss Sara betreten, ist der Bürger bereits lebendig begraben. Englisches Karo in Grau geht die Wände hoch, ein ausgestopfter Bär wacht über die graue Szenerie, und in der dunklen Ecke rottet sich eine Horde kahlköpfiger, kichernder Homunculi zusammen (Bühne: Chantal Wuhrmann, Andy Hohl). Es ist der Chor der Bediensteten, der den Gang des Bürgers in seine eigene Unterwelt tatkräftig unterstützen wird. Im übergrossen Kamin lodert schon das Feuer auf Video.

Iris Erdmanns gegenbesetzter Sir William fragt unterkühlt nach einem Zimmer wie ein Gerichtsmediziner nach einer Leiche. Nichts von den heissen Tränen des Textes. Und Martin Hugs Waitwell fährt hastig dazwischen, das Timing ist verwackelt, man versteht sich schlecht. Noch etwas irritiert: Es wird geschnarrt, das R rollt scharf. Das Unheil dräut hörbar. Auch wenn Frank Heierli mollige Akkorde per Elektrobass in die Szenen tupft, die er in Dur auf dem Spinett kontrastiert.

Kaum sind die Wände zum benachbarten Hotelzimmer verschoben, kriecht ein Mensch im Rattenkostüm über die Bühne. Miss Sara (Katja Jung) wedelt sich die faule Luft mit dem Reclam-Lessing von der gezuckerten Visage. Später wirft sie mit einem ganzen Stapel dieser gelben Heftchen nach dem Lover Mellefont. Schulstoff lässt sich eben vielfach verwenden. Und Markus Merz muss früh das Würstchen geben, umzingelt von zwei hungrigen Frauen. Sara sinnt der Magen nach rascher Heirat, seiner Ex Marwood nach Rache. Immerhin: Mellefont wartet auf einen Erbschaftsbescheid, der ihn wenigstens als anständigen Chlöpfer durchs Leben wursteln liesse.

Das böse Proletariat spricht von Matt

Doch so einer Marwood wie Martin Horns Domina gehts weniger um die Wurst als um deren Bratvorgang. Kaum fällt ihr Name, taucht sie auf und schart die heruntergekommenen Livrierten um sich (Kostüme: Esther Schmid). So souverän Horn den Mellefont erst rumkriegt und später die Miss in einem Kreuzverhör vor ihre Füsse zwingt, so sehr sperrt sich diese gekonnte Karikatur - und eine Karikatur bleibt eine Domina zwangsweise - gegen den Text. Kurz vor ihrem letzten Schlag soll diese Herrin ein «getretener Wurm» sein? Nie und nimmer.

Aber figürliche Stringenz steht nicht im Zentrum dieses manchmal plumpen, dann wieder vielschichtigen und lustigen Abends. Sara fällt nach der Pause aus der Rolle und berichtet als Fritz-Kortner-Schauspielerin von den Proben mit dem Text, den sie sich zusehends wieder anverwandelt. Der Chor mutiert zum bösen Proletariat, das ausgerechnet den Literaturwissenschaftler Peter von Matt über das göttliche wie väterliche Gesetz und über die Schlacht als Fest zitiert.

Im fünften Akt landet Schwarz bei seiner Theaterskepsis. Mellefonts und Marwoods uneheliche Tochter Arabella (Meret Hottinger) lispelt als verunstalteter Clown den Reclamtext, während Marwood und der revoltierende Diener Waitwell im Stuhl zuschauen. Sara wurde längst vom Proletariat totgeschlagen (nicht von Marwood vergiftet wie bei Lessing), Hampelmann Mellefont versuchte sich mit dem Stock zu erstechen. Alles Theater. Die Diener herrschen jetzt. Sie tun dies noch gewalttätiger als der Bürger. «Ende des bürgerlichen Trauerspiels» steht bei Lessing. Hier, und nur hier, wurde der Dichter beim Wort genommen.


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