Ödipus
im Zeichenwald
Eine Diplom-Inszenierung der Schauspielakademie Zürich
"Euch fehlt, was euch zu Menschen machen würde. Euch fehlt
die Politik, das Engagement!" - In einem Prolog über Sinn
und Ziel seiner Bearbeitung von Sophokles' "König Ödiopus
" greift Autor Lukas Bärfuss jenen Vorwurf auf, welchen
die Jugend der neunziger Jahrewohl
am häufigsten zu hören bekommt. Der Regiestudent Samuel
Schwarz hat seine Diplom-Inszenierungfür die Schauspielakademie
Zürich in die Fussgängerunterführung am Escher-Wyss-Platz
(bekannt für Megaraves mit Kultcharakter) verlegt und bezieht
sich damitin seinem "Ödipus"auf eben diese Jugendkultur,
die häufig als Ich-bezogen und unpolitsch kritisiert wird.
Doch nicht zu deren Verteidigung treten Schwarz und sein Gruppe
an; sie forschen ganz allgemein nach den Folgen einer (politischen)
Haltung, die sich der scheinbaren Unabänderlichkeit eines Systems
fügt. Ein anspruchsvoller Ansatz also, ein Mass an kritischem,
politischem Bewusstsein, wie man es von Nachwuchskünstlerinnen
und -künstlern immer wieder fordert.
Lukas Bärfuss hat in seiner Bearbeitung die Sophokles-Vorlage
durch provokativ moderne Formulierungen (in Text und Sprechgesang)
ergänzt, auf der Ebene der Inszenierung ist die Chronologie
der Wahrheitsfindung im Sinne einer Ironisierung aufgebrochen -
entscheidende Szenen werden vorweggenommen und Vergangenes durch
Rückblenden vergegenwärtigt. Die Überfülle an
Assoziationen, welche die Gruppe bei der Auseinandersetzung mit
dem Thema ganz offensichtlich überrolllt hat, kann die Aufführung
allerdings kaum bändigen. Dass der Zusammenstoss von Antike
und Heute ein komischer sein muss, leuchtet ein. In den besten Momenten
der Inszenierung blitzen Monty-Pythonsche Qualitäten auf. Das
Spiel um Macht, Gehorsamund Eigennutz ist männlich, das deuten
die Eishockey-Monturen von Ödipus (Daniel Mangisch) und Kreon
(Samuel Streiff) an. Der Hinweis im Programmheft, dass die FArben
des EHC-Chur (wie auch
weitere Anspielungen auf das Bündnerland) auch als Anspielung
für die Uraufführung von Brechts Neufassung der "Antigone"
von Sophokles 1948 in Chur stehen soll, bringt allerdings mehr Verwirrung
als Erhellung. Es werden viele Zeichen gesetzt an diesem Abend in
den Katakomben des Escher-Wyss-Platzes, zu viele. Die heitere Leichtigkeit
ihrer Handhabung verwischt über lange Strecken jeden klaren
Eindruck.
Erst ganz am Ende lichtet sich der Zeichenwald wieder: Wenn der
geblendete im weissen Windelhöschen die Betonwände entlang
torkelt, jämmerliche Phrasen plappernd, die ihm in seiner Lage
angemessen scheinen, dann fühlt er sich als Opfer eines Systems,
das er selbst nie in Frage gestellt hat.
[Gerda Wurzenberger] |
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