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ÖDIPUS - NEUE ZüRCHER ZEITUNG - 1.9.1998
Ödipus im Zeichenwald
Eine Diplom-Inszenierung der Schauspielakademie Zürich

"Euch fehlt, was euch zu Menschen machen würde. Euch fehlt die Politik, das Engagement!" - In einem Prolog über Sinn und Ziel seiner Bearbeitung von Sophokles' "König Ödiopus " greift Autor Lukas Bärfuss jenen Vorwurf auf, welchen die Jugend der neunziger Jahrewohl
am häufigsten zu hören bekommt. Der Regiestudent Samuel Schwarz hat seine Diplom-Inszenierungfür die Schauspielakademie Zürich in die Fussgängerunterführung am Escher-Wyss-Platz (bekannt für Megaraves mit Kultcharakter) verlegt und bezieht sich damitin seinem "Ödipus"auf eben diese Jugendkultur, die häufig als Ich-bezogen und unpolitsch kritisiert wird. Doch nicht zu deren Verteidigung treten Schwarz und sein Gruppe an; sie forschen ganz allgemein nach den Folgen einer (politischen) Haltung, die sich der scheinbaren Unabänderlichkeit eines Systems fügt. Ein anspruchsvoller Ansatz also, ein Mass an kritischem, politischem Bewusstsein, wie man es von Nachwuchskünstlerinnen und -künstlern immer wieder fordert.

Lukas Bärfuss hat in seiner Bearbeitung die Sophokles-Vorlage durch provokativ moderne Formulierungen (in Text und Sprechgesang) ergänzt, auf der Ebene der Inszenierung ist die Chronologie der Wahrheitsfindung im Sinne einer Ironisierung aufgebrochen - entscheidende Szenen werden vorweggenommen und Vergangenes durch Rückblenden vergegenwärtigt. Die Überfülle an Assoziationen, welche die Gruppe bei der Auseinandersetzung mit dem Thema ganz offensichtlich überrolllt hat, kann die Aufführung allerdings kaum bändigen. Dass der Zusammenstoss von Antike und Heute ein komischer sein muss, leuchtet ein. In den besten Momenten der Inszenierung blitzen Monty-Pythonsche Qualitäten auf. Das Spiel um Macht, Gehorsamund Eigennutz ist männlich, das deuten die Eishockey-Monturen von Ödipus (Daniel Mangisch) und Kreon (Samuel Streiff) an. Der Hinweis im Programmheft, dass die FArben des EHC-Chur (wie auch
weitere Anspielungen auf das Bündnerland) auch als Anspielung für die Uraufführung von Brechts Neufassung der "Antigone" von Sophokles 1948 in Chur stehen soll, bringt allerdings mehr Verwirrung als Erhellung. Es werden viele Zeichen gesetzt an diesem Abend in den Katakomben des Escher-Wyss-Platzes, zu viele. Die heitere Leichtigkeit ihrer Handhabung verwischt über lange Strecken jeden klaren Eindruck.

Erst ganz am Ende lichtet sich der Zeichenwald wieder: Wenn der geblendete im weissen Windelhöschen die Betonwände entlang torkelt, jämmerliche Phrasen plappernd, die ihm in seiner Lage angemessen scheinen, dann fühlt er sich als Opfer eines Systems, das er selbst nie in Frage gestellt hat.

[Gerda Wurzenberger]

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