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Im Gestrüpp der Abhängigkeiten
Der Berner Lukas Bärfuss, der bisher vor allem als Theaterautor
hervorgetreten ist («Meienbergs Tod») und der zusammen
mit seinem künstlerischen Mitstreiter Samuel Schwarz die
1.-August-Feier an der Expo.02 inszeniert, legt mit «Die
toten Männer» einen Prosatext von bohrender Eindringlichkeit
vor.
CHARLES CORNU
Ein Mann trachtet danach, sich aus dem Leben zu schleichen. Nicht
durch Suizid, so absolut meint er es nicht, und es fehlten ihm
dafür auch die Kraft und die Entschiedenheit der Gefühle.
Was er vielmehr möchte, ist Distanz zu den Menschen um ihn
herum, weg von ihrer warmen, riechenden, schwitzenden Körperlichkeit
und noch weiter weg von ihren Ansprüchen, ihrer Unausweichlichkeit;
dabei denkt er nicht zuletzt an seine eigene Frau. Und frei möchte
er überhaupt sein von allen Bindungen, Verpflichtungen, Abhängigkeiten,
in erster Linie von solchen emotionaler Art. Sogar losgelöst
von den Erinnerungen will er sich fühlen; Erinnerungen sind
ihm, nebst Körpernähe und Liebesbezeugungen, das Allerfürchterlichste.
Der «Sinn der Liebe»
Lukas Bärfuss, 1971 in Thun geboren und dort aufgewachsen,
jetzt in Zürich lebend, ist bisher vor allem als Theaterautor
hervorgetreten sein «Meienbergs Tod» gab seinerzeit
einiges zu reden , und als Mitautor der Bühnenproduktion,
die am 1. August in der Expo aufgeführt wird, sorgt er schon
seit Wochen für Unruhe. Jetzt legt er erstmals mit «Die
toten Männer» eine grössere Erzählung, eine
Novelle, wie es im Untertitel ausdrücklich heisst, vor. Es
ist ein Stück Prosa von bohrender Konsequenz, von quälender
Eindringlichkeit und beklemmender Kälte, dabei überlegt
komponiert, zielsicher einen hintersinnigen Schluss anstrebend,
der nicht eigentlich überraschend ist, in der absurden Logik
aber dennoch frappiert. Sprachlich ist das kleine Buch immer hautnah
und genau bei den Abläufen, den inneren Konflikten und den
lähmend widersprüchlichen Empfindungsturbulenzen. Von
eigentlichen Ereignissen nämlich, von Geschehnissen kann
kaum die Rede sein; wo im Text von Bärfuss Dramatik sich
einstellt, ist es allenfalls die dramatische Geste der Abwehr,
des Widerstands, des Sichversteckens. Wo aber bliebe da die «unerhörte
Begebenheit», die (gemäss Goethe) zum Charakter der
Novelle gehört? Sie tritt in der Tat doch noch ein, nah am
Ende, das Gesamtbild des von der Umgebung angewiderten, lethargischen
Menschenfeindes zwar nicht verändernd, aber es doch um einen
besonderen Akzent bereichernd.
Bärfuss lässt den Mann mit der Menschenphobie seine
Geschichte selber erzählen. Sie hebt an mit einem trügerischen
Neuanfang. Der Mann, ein erfolgreicher Buchhändler, hat sich
jüngst von seiner Frau und seiner Tochter getrennt; er lebt
jetzt seinem Begehren gemäss in einer Neubauwohnung, in der
vor ihm noch niemand gehaust, mit Möbeln, die zuvor noch
keiner benutzt hat. Eine Veranstaltung in der Buchhandlung führt
die drei jedoch wieder zusammen, unausweichlich, wobei der Mann
eine minimale Annäherung der Tochter sogar zulässt.
Man wird sich einig, das heisst: der Mann bringt die nötige
Abwehrkraft nicht auf, sein Einverständnis zu verweigern
man scheint sich also einig zu sein, nochmals einige Tage im eigenen
Ferienhaus im Süden zu verbringen. Zum Glück für
den Mann stirbt ein Freund, vielmehr ein vorgeblicher Freund;
er wird diesem, sagt er, die letzte Ehre nicht verweigern dürfen,
was ihm ermöglicht, Frau und Tochter erst später in
die Ferien nachzufolgen.
Eine Schlüsselszene im Buch: Der Mann steht am Bett des
Toten, eine Zimmerfliege verschwindet im Nasenloch der Leiche.
Tage später wird ihm der «Sinn der Liebe» aufgehen:
«...am Ende ist die Liebe vielleicht nur dazu da, damit
man jemanden hat, der einem dereinst das Ungeziefer vom toten
Leib verscheucht.»
Zuletzt die Resignation
Also lebt denn der Mann auf seine trübselige Weise weiter;
er arrangiert sich im Tessin einigermassen mit Frau und Tochter
und sogar mit dem Freund der Tochter, der ebenfalls im Ferienhaus
aufgetaucht ist. Essen tut der Mann allerdings kaum mehr, am liebsten
möchte er sich offensichtlich gleich einer Magersüchtigen
mit einem allmählichen Verhungern aus der Anmassung des Lebens
verabschieden. Die «unerhörte Begebenheit» aber
bleibt, wie gesagt, denn doch nicht aus; sie soll indessen hier
als vom Autor überlegt organisierte Steigerung im Einzelnen
nicht erörtert werden. Jedenfalls: Bei der einen Leiche und
Beerdigung bleibt es nicht; der Mann wird überraschend aus
seiner abschirmenden Passivität gerissen, er überlässt
sich einmal fast willenlos einer unerklärlichen und letztlich
ungeklärten gefahrvollen Aktion und danach sogar einer wieder
erwachten, momentan geradezu unmässigen Essgier. Am Ende
hat ihn das Leben, dem er ausweichen zu können meinte, wieder
gepackt und damit auch seine Frau. «Was auch immer geschehen
mag, ich habe mir vorgenommen, mich von nun an in die Ordnung
der Dinge zu fügen.» Resignation als der andere Weg
aus der Lebendigkeit.
«Die toten Männer» sind, alles in allem, ein
deprimierendes, manchmal aber auch sarkastisch belustigendes Buch.
Die erzählerische Dramaturgie ist aber auf eine Weise angelegt,
dass man sich allem Trübsinn zum Trotz einnehmen lässt
von diesem lebensfeindlichen Typen und unentwegt mit angeregter
Aufmerksamkeit beobachtet, wie Bärfuss diesen kunstvoll im
Kreise gehen lässt.
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