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Lukas Bärfuss: Die toten Männer - Der Bund, 20.7.2002

Im Gestrüpp der Abhängigkeiten

Der Berner Lukas Bärfuss, der bisher vor allem als Theaterautor hervorgetreten ist («Meienbergs Tod») und der zusammen mit seinem künstlerischen Mitstreiter Samuel Schwarz die 1.-August-Feier an der Expo.02 inszeniert, legt mit «Die toten Männer» einen Prosatext von bohrender Eindringlichkeit vor.

CHARLES CORNU

Ein Mann trachtet danach, sich aus dem Leben zu schleichen. Nicht durch Suizid, so absolut meint er es nicht, und es fehlten ihm dafür auch die Kraft und die Entschiedenheit der Gefühle. Was er vielmehr möchte, ist Distanz zu den Menschen um ihn herum, weg von ihrer warmen, riechenden, schwitzenden Körperlichkeit und noch weiter weg von ihren Ansprüchen, ihrer Unausweichlichkeit; dabei denkt er nicht zuletzt an seine eigene Frau. Und frei möchte er überhaupt sein von allen Bindungen, Verpflichtungen, Abhängigkeiten, in erster Linie von solchen emotionaler Art. Sogar losgelöst von den Erinnerungen will er sich fühlen; Erinnerungen sind ihm, nebst Körpernähe und Liebesbezeugungen, das Allerfürchterlichste.

Der «Sinn der Liebe»
Lukas Bärfuss, 1971 in Thun geboren und dort aufgewachsen, jetzt in Zürich lebend, ist bisher vor allem als Theaterautor hervorgetreten sein «Meienbergs Tod» gab seinerzeit einiges zu reden , und als Mitautor der Bühnenproduktion, die am 1. August in der Expo aufgeführt wird, sorgt er schon seit Wochen für Unruhe. Jetzt legt er erstmals mit «Die toten Männer» eine grössere Erzählung, eine Novelle, wie es im Untertitel ausdrücklich heisst, vor. Es ist ein Stück Prosa von bohrender Konsequenz, von quälender Eindringlichkeit und beklemmender Kälte, dabei überlegt komponiert, zielsicher einen hintersinnigen Schluss anstrebend, der nicht eigentlich überraschend ist, in der absurden Logik aber dennoch frappiert. Sprachlich ist das kleine Buch immer hautnah und genau bei den Abläufen, den inneren Konflikten und den lähmend widersprüchlichen Empfindungsturbulenzen. Von eigentlichen Ereignissen nämlich, von Geschehnissen kann kaum die Rede sein; wo im Text von Bärfuss Dramatik sich einstellt, ist es allenfalls die dramatische Geste der Abwehr, des Widerstands, des Sichversteckens. Wo aber bliebe da die «unerhörte Begebenheit», die (gemäss Goethe) zum Charakter der Novelle gehört? Sie tritt in der Tat doch noch ein, nah am Ende, das Gesamtbild des von der Umgebung angewiderten, lethargischen Menschenfeindes zwar nicht verändernd, aber es doch um einen besonderen Akzent bereichernd.

Bärfuss lässt den Mann mit der Menschenphobie seine Geschichte selber erzählen. Sie hebt an mit einem trügerischen Neuanfang. Der Mann, ein erfolgreicher Buchhändler, hat sich jüngst von seiner Frau und seiner Tochter getrennt; er lebt jetzt seinem Begehren gemäss in einer Neubauwohnung, in der vor ihm noch niemand gehaust, mit Möbeln, die zuvor noch keiner benutzt hat. Eine Veranstaltung in der Buchhandlung führt die drei jedoch wieder zusammen, unausweichlich, wobei der Mann eine minimale Annäherung der Tochter sogar zulässt. Man wird sich einig, das heisst: der Mann bringt die nötige Abwehrkraft nicht auf, sein Einverständnis zu verweigern man scheint sich also einig zu sein, nochmals einige Tage im eigenen Ferienhaus im Süden zu verbringen. Zum Glück für den Mann stirbt ein Freund, vielmehr ein vorgeblicher Freund; er wird diesem, sagt er, die letzte Ehre nicht verweigern dürfen, was ihm ermöglicht, Frau und Tochter erst später in die Ferien nachzufolgen.

Eine Schlüsselszene im Buch: Der Mann steht am Bett des Toten, eine Zimmerfliege verschwindet im Nasenloch der Leiche. Tage später wird ihm der «Sinn der Liebe» aufgehen: «...am Ende ist die Liebe vielleicht nur dazu da, damit man jemanden hat, der einem dereinst das Ungeziefer vom toten Leib verscheucht.»

Zuletzt die Resignation
Also lebt denn der Mann auf seine trübselige Weise weiter; er arrangiert sich im Tessin einigermassen mit Frau und Tochter und sogar mit dem Freund der Tochter, der ebenfalls im Ferienhaus aufgetaucht ist. Essen tut der Mann allerdings kaum mehr, am liebsten möchte er sich offensichtlich gleich einer Magersüchtigen mit einem allmählichen Verhungern aus der Anmassung des Lebens verabschieden. Die «unerhörte Begebenheit» aber bleibt, wie gesagt, denn doch nicht aus; sie soll indessen hier als vom Autor überlegt organisierte Steigerung im Einzelnen nicht erörtert werden. Jedenfalls: Bei der einen Leiche und Beerdigung bleibt es nicht; der Mann wird überraschend aus seiner abschirmenden Passivität gerissen, er überlässt sich einmal fast willenlos einer unerklärlichen und letztlich ungeklärten gefahrvollen Aktion und danach sogar einer wieder erwachten, momentan geradezu unmässigen Essgier. Am Ende hat ihn das Leben, dem er ausweichen zu können meinte, wieder gepackt und damit auch seine Frau. «Was auch immer geschehen mag, ich habe mir vorgenommen, mich von nun an in die Ordnung der Dinge zu fügen.» Resignation als der andere Weg aus der Lebendigkeit.

«Die toten Männer» sind, alles in allem, ein deprimierendes, manchmal aber auch sarkastisch belustigendes Buch. Die erzählerische Dramaturgie ist aber auf eine Weise angelegt, dass man sich allem Trübsinn zum Trotz einnehmen lässt von diesem lebensfeindlichen Typen und unentwegt mit angeregter Aufmerksamkeit beobachtet, wie Bärfuss diesen kunstvoll im Kreise gehen lässt.


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