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Raphael Urweider: Das Gegenteil von Fleisch - NZZ, 16.9.2003

«danke trage lieber schwarz»
Raphael Urweiders Gedichte «Das Gegenteil von Fleisch»

Auf «halbtrauer» lag der Akzent vor drei Jahren, als Raphael Urweiders Lyrik-Début «Lichter in Menlo Park» erschien. Das verriet freilich eher einen Hang zum Spielerischen und Verspielten, und kaum deutete dies eine Neigung ins Verschattete oder Verdunkelte an. Gar schien dieser verminderten Trauer ein wenig Ironie beigemischt zu sein. Denn mit Leichtigkeit und Eleganz hatte Urweider manches aus den Naturwissenschaften, doch auch aus dem Alltagsleben seiner lyrischen Sprache anverwandelt. Weder ein Erkenntnisinteresse noch ein pädagogischer Furor schienen ihm dabei die Feder zu führen.

Begabt mit einer sinnlichen, betörenden Sprache, breitete er sein enzyklopädisches Wissen aus: Nur selten sollte zwischen den Zeilen ein Blick haltlos in dunklere Zonen fallen; und nur gelegentlich hörte man im Echoraum der Verse einen dumpfen, irritierenden Nachhall. «Noch im traum», so las man etwa, «windet der trauerflorist neblichte kränze», und erhielt also eine Vorstellung von unglücklichen Beschwernissen. Aufs Ganze gesehen aber bestimmte eine lichte Tonlage diese Gedichte, und sichtlich erfreuten sie sich an ihrer eigenen Unbekümmertheit: «halbtrauer» eben, mit grossem Ernst zwar, mehr noch aber voll Heiterkeit.

Ein Menetekel
Und nun legt Raphael Urweider seinen zweiten Gedichtband vor: «Das Gegenteil von Fleisch». Schon mit dem etwas rätselhaften Titel steigt eine Ahnung von Bedrückung und morbidem Beiklang. Auch die ersten Verse geben bereits deutliche Winke, dass die Landschaft sich verdüstert hat und die Sprache schärfer, kantiger und insgesamt bedrohlicher geworden ist. Von «ersten rissen im hautwarmen herbst» ist die Rede. Noch ist das Menetekel nicht zu entziffern, noch wird es gemildert vom Stabreim, aber selbst das Sprachspiel beschwört nur noch die Erinnerung an ein unbeschwerteres Sprechen, verloren sind Leichtigkeit und Unschuld. Und dennoch schreckt man auf, wenn im zweiten Gedicht dieses Bandes ein zunächst ganz harmloses Bild von einer zweiten Assoziation überwältigt wird: «und nebel steht wie / eine herde untrennbarer / schafe die schlafen // oder eher tot sind».

Wie dieser erste Gedichtzyklus stehen auch die fünf anderen - manche deutlicher, einige verhaltener - im Zeichen des Todes. Ein ergreifendes Epitaph (zwölf kunstvoll ineinander verschränkte Zwölfzeiler) ist dem Andenken des vor knapp drei Jahren verstorbenen Dichters H. C. Artmann gewidmet, dem Urweiders Lyrik vieles verdankt. In einer Suite mit acht Liedern beklagt die tote Eurydike ihr Schicksal: «hier wird nichts entstehen nichts vergeht / im tod ist alles stillstand». Doch unvermittelt gerät die Klage zur Anklage. Nicht um ihretwillen und nicht der Liebe willen sei Orpheus zu ihr ins Reich der Toten herabgestiegen, auch nicht, um sie zurück und unter die Lebenden zu holen. Erfüllt von Bitterkeit über den frühen Tod und über das ungleiche Mass an Gunst, das ihm, dem Sänger, von den Göttern erwiesen worden sei, unterstellt sie ihm ein anderes Motiv: «im verlust enthalten war wohl: deine kunst».

Auf der Schwelle zwischen dem Tod und dem Leben entstehen diese Gedichte: Wo der eine verstummt, hebt die Rede des anderen an. Die tote Eurydike singt in ihren Klageliedern von Orpheus, der über dem Verlust der Liebe auch die Stimme verloren hat. In seinem Epitaph auf Artmann trauert der Autor um den verstorbenen Freund und Dichter: «danke trage lieber schwarz / trage grau trage farben / der trauer blau und blau / wünschle dir aber helles». Da dichtet die Tote also anstelle des verstummten Orpheus, und hier stimmt der Überlebende ein Requiem an auf den toten Dichter. Da eine Anrufung der Lebenden, hier der Nachruf auf die Toten. Von der Wiedergeburt der Dichtung aus der Erfahrung des Todes und des Verlustes spricht Urweider in diesen Gedichten. In einem poetologischen Sinn zunächst: Jedes Gedicht muss sich über das Vorangegangene hinwegsetzen, muss sich von diesem zwar anregen lassen und sich doch zu eigenem Sprechen befreien. Jedoch ist dies nur das eine. Ein anderes ist die eminent existenzielle Erfahrung, die diesen Gedichten zugrunde zu liegen scheint.

«Steine» ist der längste und beeindruckendste von Urweiders Gedichtzyklen überschrieben. Er beginnt, als wollte er eine Phänomenologie des Gesteins entwerfen: «Steine werden aus dem meer gewaschen, / dem meer, von wo die schwalben kommen». Das lässt sich ganz harmlos an, doch schon im dritten und vierten Vers gerät das Gedicht in die verschatteten Zonen: «die schwalben, die dunkelgrau, fast schwarz / in schwärmen gegen die sonne stehen». Zeichen werden gegen den Himmel geschrieben, dunkel heben sie sich ab vom lichten Hintergrund und stehen als Warnung über einer Landschaft, die leicht als Idylle erscheinen könnte. «Steine, ungeschliffene, nicht polierte, / zeigen ihre farben erst durch wasser.» Unbeirrt fährt derweil das Gedicht mit seinen Erkundungen fort, während zugleich von täglichen Gängen die Rede ist: «in richtung spital oder vom spital zurück», so heisst es, ganz lapidar: «ein abstecher sozusagen, / vorbei an grossflächigen fenstern verschiedener therapiestationen».

Der «hirnstein»
Noch immer denkt man sich nicht viel dabei, kann sich nicht viel denken dabei, doch abermals schiebt sich ein bedrückendes Zeichen ins Blickfeld: «abschreckende vogelsilhouetten» kleben wie «schatten riesenhafter greifvögel» an den Fenstern. Und noch einmal versucht das Gedicht, zu seinem Thema zurückzukehren: «Was von steinen übrig bleibt, ist sand.» Und wieder flackern bedrohliche Bilder dazwischen. Nun sind es die abgerissenen Flügel einer Möwe, die an der Küste im Sand liegen: «wie gestrandete drachen, / wie fast lebendig». Dann aber bricht der Bann:

das gemutmasste geschwür, den tumor als stein sehen, als hirnstein, als hindernis zwischen windungen, ein durchaus mechanisches problem, lösbar durch den beschuss mit strahlen, ausscheidbar durch kopfschütteln, wie wasser im ohr, wie sand.

Diesem «hirnstein» galten alle Erkundungen; er sollte unschädlich gemacht werden durch das Aufzählen aller Steine, er sollte Stein werden neben anderen Steinen, harmlos und wie alles andere unterworfen dem Naturgesetz von Werden und Vergehen. «Sich an erdgeschichte halten», lautet also die Losung und die Absicht: «wohlig unbedeutender werden angesichts millennien». Und noch etwas gibt sich das Gedicht zur Aufgabe: «Sich an steine klammern. / An ihnen festhalten. / Auf steinen beharren.» Das ist keine Geologie mehr, da will keiner mehr mit Angelesenem imponieren, verloren freilich ist auch die Leichtigkeit und dahin die Heiterkeit: Die Steine sind das «Gegenteil von Fleisch», gewiss, aber sie sind auch die «sehenswürdigkeiten einer abgereisten landkarte, / als wären sie die erinnerungen, / die einem nicht genommen werden». Sie sind mächtige Einwände gegen den Tod, Widerlager des Lebens und gewichtige Argumente gegen das Sterben.

Raphael Urweider hat als Orpheus begonnen. Er war ein entzückender Sänger. Nun ist seinen Gedichten die Erfahrung der Eurydike zugewachsen. In ihnen geht es nun immer ums Ganze: des Lebens, der Dichtung. Noch immer schreibt er hinreissende Verse; seine Gedichte aber berichten nun aus den innersten, aus den gefährdetsten Zonen der Existenz.

Roman Bucheli

Raphael Urweider: Das Gegenteil von Fleisch. Gedichte. Dumont-Verlag, Köln 2003.


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