PRESSEARCHIV



VOLKSTRIBUNAL - Der Bund - 7.10.2002

Theaterjustiz

REITSCHULE / Mit einem «Volkstribunal» gegen Premier Berlusconi, Stellvertreter Fini und Ex-Innenminister Scajola ging die Ausstellung zum G-8-Gipfel in Genua 2001 zu Ende.

Für die gerichtsmässsige Umrahmung der echten Zeugenaussagen von Opfern polizeilicher Misshandlungen war die Theatertruppe asa400 besorgt, der breiteren Öffentlichkeit durch das «Affentheater» an der Expo bekannt. An der Verurteilung wegen «Anstiftung zur vorsätzlichen Tötung» (der Demonstrant Carlo Giuliani war erschossen worden) und wegen einer langen Reihe weiterer Anklagepunkte bestand von vornherein kein Zweifel. Immerhin gabs Pflichtverteidiger, die mit ihren Ruhe-und-Ordnung-Parolen allerdings eher darauf aus waren, Buhrufe auszulösen, die auch auf Tonband bereitlagen.

Mit szenischen Einlagen suchte asa400 Hintergründe der Konfrontation von Genua zu belichten. Auf der einen Seite standen demnach Utopiegläubige, auf der andern Repräsentanten einer Staatsmacht, die in die Hände faschistischer Verschwörer gefallen ist. Paolo Fusi, Enfant terrible des Tessiner Journalismus, erhielt auf der Bühne Gelegenheit, seine Skandalenthüllungen zu globalisieren. Da führt eine direkte Linie nach Genua von Geldern der Nazis und Faschisten über deren angebliche Treuhänder Otto Beisheim, deutscher Grösstkaufmann, und Licio Gelli, italienischer Geheimlogengründer. Die totalitäre Unterwanderung der Demokratie, die dessen P2 plante, soll nun Berlusconi gelungen sein. Auch eine Schweizer Spur fehlt nicht: zum Tessiner Financier Tito Tettamanti, der jetzt als Hauptaktionär der «Weltwoche» an der Entpolitisierung des Volks durch die Medien mitwirke.  


[zum Stück]    [zum Pressearchiv]