Schulklasse
auf dem Höllentrip
Samuel Schwarz und Lukas Bärfuss von 400 Asa schicken nach
der Apokalypse einen Schulhof auf Irrfahrt im All. Originell.
Autor: Von Anja Lauper
Haben Sie "Event Horizon" gesehen? Das ist jenes ziemlich
abgedrehte B-Movie eines zweitklassigen Hollywood-Regisseurs, wo
die Besatzung einer Raum-Patrouille auf ein verlassenes Schiff stösst,
das sich als die gute alte Hölle entpuppt. Samuel Schwarz und
Lukas Bärfuss von der jungen Gruppe 400 Asa kennen erklärtermassen
keine Berührungsängste mit dem Film oder der Trash-Kultur.
Der fantastische Plot des Kult-Streifens gibt den Rahmen ab für
das Stück "Siebzehn Uhr siebzehn", das Bärfuss
geschrieben und Schwarz zusammen mit Studierenden des dritten Jahrgangs
der Theater Hochschule Zürich erarbeitet hat.
Ein Stück über den Weltuntergang zum Millennium sollte
es werden, das Jugendliche anzusprechen vermag. Die Uraufführung
im Schauspiel Akademie Theater zeigt, dass 400 Asa ihre Aufgabe
gründlich gelöst haben. Während die Zuschauer ihre
Plätze suchen, macht sich DJ Frank Heierli im Space-Outfit
am Mischpult zu schaffen. Gut sichtbar in einem ausgelassenen Fenster
der Wand, welche die Bühne zur linken Seite abschliesst, legt
Heierli einen atmosphärischen Soundteppich zwischen Jungle
und jazzigem Bossa aus. Die Performance versetzt nicht einfach in
Klub-Stimmung, sie ist wie fast alles an "Siebzehn Uhr siebzehn"
Programm.
Ein Dogma fürs Theater
Aufsehen erregten Schwarz und Bärfuss mit ihrem "Bekenntnis
99", in dem sich 400 Asa nach dem Vorbild des dogmatischen
dänischen Kinos zur Beschränkung der künstlerischen
Mittel auf der Bühne bekannte. Regel sieben lautet: "Die
Produktion der Musik muss sichtbar sein", und so schwebt der
DJ samt Mischpult über unseren Köpfen. Auf der grau gelackten
Bühne, die wie eine kalte Insel im Raum steht, geht alsbald
buchstäblich die Post ab. Zwei Styroporsteine und zwei zerzauste
Gummibäume machen das ganze Bühnenbild (Bühne: Chantal
Wuhrmann). Nachdem sich die 13 Studierenden der Theater Hochschule
mit ihren Rollen der Reihe nach vorgestellt haben, befinden wir
uns auf einem eigenartigen Schulhof.
Eine ganze Klasse lümmelt auf dem Pausenplatz, von dem es kein
Entrinnen gibt. Wer gehen will, prallt gegen imaginäre Scheiben.
Denn der Schulhof ist eigentlich ein Raumschiff, in dem nach der
Apokalypse die einzig überlebende Schulklasse auf QWZ87 zurast.
Allmählich stellt sich heraus, dass Fredu (Michael von Burg),
der Ausgeschlossene, die Klasse auf den Höllentrip geschickt
hat. Per Handy lässt er "die Auserwählten" wissen,
dass er nur durch Geschichten freundlich zu stimmen sei, in denen
er die Hauptrolle spiele. Und so beginnen sich Esther (Vivianne
Mösli), Gustaf (Christoph Römer), Daniel (Daniel Jesch)
und Helene (Sibilla Semadeni) zu erinnern. In Sketches werden verschiedene
Schlüsselszenen im Leben der Jugendlichen porträtiert.
Eli (Manuel Bürgin) hasst seine Mutter, die den arbeitslosen
Vater wegen eines gut situierten Verehrers im Stich liess. Helene
knutscht mit Gustaf, der sich dauernd mit Eduard prügelt.
Es zeigt sich, dass Schwarz und Bärfuss spielerisch mit ihrem
selbst auferlegten Dogma umzugehen wissen. Die Studierenden der
Theater Hochschule arbeiten souverän mit den Mitteln der Pantomime
und der Akrobatik. Eine ironische Geräuschkulisse wird Element
der Handlung, so wenn Fredu als Godzilla über den Schulhof
stampft. Weisse Leibchen und pelzige Polarhosen (Kostüme: Rudolph
Jost) markieren den imaginären Wechsel vom Pausenplatz zum
Raumschiff. Die Lichtgestaltung (Petra Waldisperger) schafft Räume
und ermöglicht mit dem harten Wechsel von Licht und Dunkel
die Adaption der filmischen Schnitttechnik für die Bühne.
Kommt die Weltuntergangs-Kiste auch mit ziemlich viel ideologischem
Überbau daher, so überzeugt die Produktion doch durch
die Originalität und die Spiellust, mit der Schwarz/Bärfuss
und die Studierenden der Theater Hochschule Zürich den Höllentrip
in Szene setzen. |
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