PRESSEARCHIV

VIER FRAUEN - BASLER ZEITUNG - 27.05.2000
«400 ASA» oder das Modell Makedonien

Von Joachim Johannsen
«auawirleben» - das Zeitgenössische Theatertreffen in Bern ist eröffnet worden

Es gibt unvergessliche Szenen in dieser Aufführung. Vier Frauen traktieren vier Instrumente: Triangel, zwei Schlaghölzer, Tambourin mit und ohne Schellen. Vier Schweizer Lehrerinnen traktieren sich und uns mit einem keuschen Indianertanz, der eigentlich einen neuen Schüler begrüssen soll. Der Zwölfjährige ist aber mit anderem beschäftigt. Später wird er mit einem Pornoheft onanieren und den Samen der dritten Lehrerin ans Pult schmieren. Sie wird dann ihre Finger ins Ejakulat tunken («es war dünnflüssig») und diese triebhaft in den eigenen Mund stecken. So ist das Leben.

«auawirleben!» heisst das kleine aber feine «Zeitgenössische Theatertreffen», das zur Zeit in Bern in Stadttheater und Dampfzentrale, in Schlachthaus und Reithalle stattfindet. Eröffnet wurde mit der Uraufführung von «Vier Frauen. Ein Singspiel» von Lukas Bärfuss im Schlachthaus. Der Autor und sein Regie-Beifahrer Samuel Schwarz sind angetreten, um heilige Kühe zu schlachten. Ihre Truppe heisst «400 ASA», sie will uns Zuschauer also wie einen Farbfilm auf eine relativ hohe Empfindlichkeit verpflichten. Sie selber nimmt das zum Anlass, relativ grob mit uns umzuspringen. Vor den Genuss ihres Stückes haben diese jungen Theatergötter allerdings die anspruchsvolle Lektüre ihres Manifestes «Bekenntnis 99 / Appendix 2000» gesetzt. Wie ihre Kino-Kollegen in Dänemark wollen sie mit wenig Geld auskommen und sich überhaupt in Askese üben. Dafür schmeissen sie in ihrem Manifest mit Ausrufungszeichen nur so um sich! Vor lauter Beteuerungs-Euphorie merken sie gar nicht, dass sie reihenweise offene Türen einlaufen. Sie wollen Distanz zum Theater! Donnerwetter. Sie wollen ihre Scheinwerfer nicht verstecken - das tut man schon seit 70 Jahren nicht mehr. Sie wollen, dass alle Schauspieler immer auf der Bühne sind - das hat Peter Stein im Zürcher «Tasso» (1971, im Geburtsjahr des Duos Bärfuss/Schwarz) bereits vorgeführt. Sie wollen die Unsitte der abendfüllenden Stücke abschaffen. Diesen Trend gibt es seit den achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts, kaum ein Stück, das heute noch länger als 70 oder 90 Minuten dauert.

Hier wird uns also die Kunst gelehrt, wie man auf fahrende Züge aufspringt. Altbekannte Geschichten serviert uns auch das Stück «Vier Frauen. Ein Singspiel» - zum Beispiel Klischees: Lehrer (hier alle weiblichen Geschlechts) sind Leute, die immer schlechter Laune sind, weil sie gerade aus den Ferien kommen und nun nichts Gescheiteres zu tun wissen, als die nächsten Ferien zu planen. Sie treffen im Lehrerzimmer, das aussieht wie ein Klassenzimmer, auf einen ausländischen Knaben, der stiehlt und andere schmutzige Dinge treibt und mit seiner Tarnkappe auch noch aussehen muss wie ein Terrorist oder Bankräuber. So ist der Makedonier eben.

Zu einem grossen Gedicht auf die Sozialdemokratie wird der arme Junge dann von dem Lehrerinnenkollektiv niedergemetzelt. Aber Vorsicht, man wird hier von der Theatertruppe aufs Glatteis geführt. Was daherkommt wie eine Etüde zum Fremdenhass, ist doch eigentlich nur ein Fait divers (kriminelle Lehrer meucheln kriminellen Schüler), aus dem man keine Botschaft ableiten kann.

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