PRESSEARCHIV

VIER FRAUEN - DER BUND - 27.05.2000
Lehrerinnen als Projektionsfläche

AUA / Mit der Uraufführung von «Vier Frauen. Ein Singspiel» der Gruppe 400 ASA ist die 17. Ausgabe des Theaterfestivals Aua eröffnet worden. Doch was der 29-jährige Berner Autor Lukas Bärfuss und der gleichaltrige Regisseur Samuel Schwarz auf die Bühne bringen, ist eine spätpubertäre Abrechnung mit der eigenen Schulzeit, harmlos und ohne Zündstoff.

SANDRA LEIS

«Was im dänischen Kino funktioniert, funktioniert auch im deutschsprachigen Theater! Es lebe die Beschränkung der künstlerischen Mittel! Es lebe die Askese!», heisst es forsch im «Bekenntnis 99» der Zürcher Gruppe 400 ASA. Und vor allem: «Der Text wird gelesen, nie gespielt. Es gibt keine Figuren mehr. Der Chor ist der einzige Charakter.»

Diese Maximen haben die beiden 29-jährigen gebürtigen Berner Lukas Bärfuss und Samuel Schwarz letztes Jahr in «Italienische Nacht» von Ödön von Horváth erfolgreich umgesetzt. Ihren Forderungen sind sie auch in ihrer jüngsten Produktion treu geblieben und setzen noch einen weiteren Anspruch um: Es müssen neue Stücke geschrieben werden - Lukas Bärfuss, zurzeit einer der gefragtesten jungen Schweizer Dramatiker, hat «Vier Frauen. Ein Singspiel» verfasst. Jetzt ist das Stück zur Eröffnung der 18. Ausgabe des Berner Theaterfestivals Auawirleben uraufgeführt worden.

Der mazedonische Bub

Doch in der Dürftigkeit des Textes liegt ein nicht kleiner Teil der Krux: «Vier Frauen. Ein Singspiel» ist nicht viel mehr als eine spätpubertäre Abrechnung mit der eigenen Schulzeit. Man wird den Eindruck nicht los, dass sich Lukas Bärfuss und der Regisseur Samuel Schwarz an die gemeinsame Schulzeit erinnern und diese hier dokumentieren. Die vier Lehrerinnen (Julia Glaus, Meret Hottinger, Catriona Guggenbühl und Ragna Guderian) sind Projektionsflächen für allerlei Klischees: Die erste Lehrerin ist seit Ewigkeiten an der Schule, die zweite vertritt eine, die ein Sabbatical macht, und wohnt, weil es billiger ist, bei der Mutter. Die dritte ist Christin, und die vierte verteilt zum Schluss lange Messer, um den frühreifen mazedonischen Buben (Maria Tatjana Alexandrowna) niederzustechen. Er, der als sprachloser Geist anwesend ist und in den Köpfen der Lehrerinnen Unheil anrichtet, ist die Hauptperson des Stücks. Vom Volksschulamt brieflich angekündigt und nie mehr entsorgt, führt seine Präsenz schliesslich zum Desaster. Das klingt eigentlich nicht uninteressant, ist es aber. Denn es bleibt letztlich schleierhaft, was die Lehrerinnen zum Mord treibt. Mit heutiger Integrationspädagogik hat das Stück rein gar nichts zu tun; deshalb fehlt ihm der aktuelle politische Zündstoff. Daran können auch die harmlosen, aufgesetzt wirkenden Fragen an die Sozialdemokratie nichts mehr ändern. Und wenn der 15-jährige Mazedonier bei den Lehrerinnen verklemmte sexuelle Phantasien auslöst, so weiss frau einmal mehr, wie sich man(n) gemeinhin weibliche Sexualität vorstellt. Die Requisiten - Hölzer, Schellen, Triangel, Tamburin und ein Hellraumprojektor - charakterisieren mit einfachen präzisen Mitteln den Ort der Handlung, das Lehrerinnenzimmer in der Schule am Hang. Das ist schön, wären da nur nicht die vier Schauspielerinnen, die ganz im Sinne des Dogmas die Rollenverteilung zu Beginn auslosen, dann allerdings ihre Texte nicht sattelfest vortragen. Da wäre es einem doch lieber, jede würde sich auf ihren Part konzentrieren und diesen perfektionieren. Vielleicht bliebe dann auch noch ein bisschen Zeit, am suggestiven Chor zu feilen und diesen vor allem synchron zu sprechen.

Das leise Stöhnen

Strenge Dogma-Regeln sind das eine, doch für gutes Theater braucht es mehr: eine gute Textvorlage und Schauspielerinnen und Schauspieler, die mehr zu bieten haben als gehobenes Schultheater. Ansonsten schielen die Zuschauerinnen und Zuschauer während der knapp einstündigen Aufführung gelangweilt auf die Uhr oder beginnen gar leise zu stöhnen.

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