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VIER FRAUEN - BERNER ZEITUNG - 27.05.2000
Auawirleben 2000

Vier Lehrerinnen und der Fremde

Bestechende theatrale Form zum Auftakt des Theaterfestivals auawirleben im Schlachthaus Theater: Die Theatergruppe 400asa aus Zürich zeigt die Uraufführung «Vier Frauen. Ein Singspiel.»

*Noëmi Gradwohl

An fein säuberlich aufgeräumten Pulten korrigieren vier Lehrerinnen Hefte in der «Schule am Hang». Durchs Fenster dringt das Lachen spielender Kinder. Doch die Idylle wird unsanft gestört, als das Volksschulamt der Schule einen Mazedonier mit dem Namen Alexander zuteilt. Der Vierzehnjährige ist frühreif und «schwitzt schon wie ein Mann», wie die Lehrerinnen gleich bemerken. Sie haben die Aufgabe, den Kriegsgeschädigten bestmöglich zu integrieren. Voller Eifer gehen sie ans Werk und heissen den exotischen Neuling zu Tambourin- und Triangelklängen mit jambischen Lobpreisungen willkommen.

Das bedrohlich Fremde

Während fünfzig Minuten -der Länge einer Schulstunde -erteilt uns die Gruppe 400asa eine Lektion: über das bedrohlich Fremde, welches die Ordnung gefährdet und zuletzt auch umstürzt. Einer pädagogisch weiblichen Ordnung, geschrieben und inszeniert von Männern. Der Autor Lukas Bärfuss entwirft das Bild einer pädagogischen Anstalt, in der Nächstenliebe, Disziplin und Fürsorge immer auch mit unterschwelliger aggressiver Sexualität gekoppelt sind: Die erste Lehrerin wurde früh vergewaltigt und klammert sich an ihren Ordnungswahn. Die zweite erkauft sich sexuelle Abenteuer und die dritte ersetzt ihre Sexualität durch Frömmigkeit. Zum Schluss die vierte: Sie verkörpert die schweizerische Sozialdemokratie, die den Integrationskampf des Mazedoniers blutig entscheidet.

Heikler Stoff

Bärfuss begibt sich teilweise auf ausgetretene Pfade. Die Lehrerinnen als verklemmte Sexbesessene zu zeichnen, nährt ein Klischee. Die Schule als Gleichnis für eine Gesellschaft, bei der Schönrednerei alles und Tat fast nichts ausmacht, erzählt Bärfuss nicht als erster. Brisanz bekommt das Stück am Schluss mit der Frage, ob die Sozialdemokratie als Bewegung überholt sei.

Gelungene Umsetzung

An der Premiere von «Vier Frauen. Ein Singspiel.» besticht die theatrale Umsetzung. Der Gruppe 400asa gelingt es, die Konflikte der Lehrerinnen klar sichtbar zu machen: Regisseur Samuel Schwarz benutzt für die meist chorisch angelegten Szenen rhythmische und fast tänzerische Elemente. So singen die Lehrerinnen beispielsweise harmonisch, während der Mazedonier gackert wie ein Huhn. Das versetzt die Lehrerinnen in spastische Zuckungen und verdeutlicht, wie das Fremde von ihnen Besitz ergreift. Julia Glaus, Ragna Guderian, Meret Hottinger und Catriona Guggenbühl gelingt es, den Lehrerinnen Profil zu geben. Bestens funktioniert auch die Verfremdung: Der Mazedonier bekommt etwas Exemplarisches, weil er von einer Frau (Nanny Burri) gespielt wird. *


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