Lehrerinnen-Verschwörung
400 ASA mit «Vier Frauen»
Im Schulhaus «Am Hang» kommt das schweizerische Bildungssystem ins
Rutschen. Ein mazedonischer Lümmel namens Alexander zieht den
Lehrerinnen den Heimatboden unter den Füssen weg, den die
sozialdemokratisch geprägte Integrationspädagogik zu befestigen
unterlassen hat. Sexuelle Frustrationen tun das Übrige: Ein
hasserfülltes, lebensfeindliches Klima nährt eine Verschwörung gegen
das unzähmbare Fremde, ein ritueller Mord tilgt die Selbstbeschmutzung
der Lehrerinnen durch das dreckige Sperma des als Lustknabe
missbrauchten Mazedoniers.
Mit «Vier Frauen. Ein Singspiel» bietet die Gruppe 400 ASA ein
Nachspiel zu ihrem Doppelauftritt am Theaterspektakel - sinnigerweise
in schulischem Umfeld. Das im Mai in Bern uraufgeführte Stück ist wie
«Medeää» Teil der Projektreihe «Böse Frauen» und damit als Gelegenheit
für Schauspielerinnen gedacht, den Eros des Bösen im Theater
auszukosten. Julia Glaus, Ragna Guderian, Catriona Guggenbühl und
Meret Hottinger schaffen denn auch eine aggressive Atmosphäre. Für ein
lustvolles Ausagieren böser Triebe ist das Konzept von Lukas Bärfuss
(Text), Samuel Schwarz (Regie) und Chantal Wuhrmann (Bühnenbild) aber
zu rigid: Gemäss ihrem mittlerweile berühmten «Bekenntnis 99» haben
sie sich auch hier dem chorischen Prinzip verschrieben. Dieses ist
einerseits Quelle eindrücklicher szenischer Wirkungen: zum Beispiel in
einem wiederholten Pultballett zu immer brüchiger werdenden
Walzerklängen, in gespenstischen kleinen Gesangsnummern, in den
ironischen bis obszönen Huldigungen an Alexander (den Grossen);
andererseits ist es auch Grundlage scharfer politischer Aussagen und
Anklagen: Das Schulhaus-Malaise wird nicht anhand von individuellem
Schicksal behandelt, sondern auf ein Kollektiv ausgeweitet, das
stellvertretend für alle Schulhäuser am Hang, für alle Zürichberge der
Schweiz und somit für die Schweiz als Ganzes ist. Der in billigen
Heftchen lesende, dümmlich grinsende Alexander in der Maske eines
«Chaoten» (Nanny Burri) spukt über die Bühne wie der Inbegriff des
sich jeder Erziehung verweigernden Jugendlichen, aber auch wie die
Projektionsfläche der gesammelten ausländerfeindlichen Klischees. -
400 ASA ist weit von simplem linkem Agitprop entfernt und macht, im
Spannungsfeld von spätpubertärer Rotzigkeit und unverbrauchter
Experimentierlust, reiches und karges, direktes und komplexes Theater.
Tobias Hoffmann
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