PRESSEARCHIV

VIER FRAUEN - NEUE ZüRCHER ZEITUNG - 11.09.2000
Lehrerinnen-Verschwörung
400 ASA mit «Vier Frauen»

Im Schulhaus «Am Hang» kommt das schweizerische Bildungssystem ins Rutschen. Ein mazedonischer Lümmel namens Alexander zieht den Lehrerinnen den Heimatboden unter den Füssen weg, den die sozialdemokratisch geprägte Integrationspädagogik zu befestigen unterlassen hat. Sexuelle Frustrationen tun das Übrige: Ein hasserfülltes, lebensfeindliches Klima nährt eine Verschwörung gegen das unzähmbare Fremde, ein ritueller Mord tilgt die Selbstbeschmutzung der Lehrerinnen durch das dreckige Sperma des als Lustknabe missbrauchten Mazedoniers.

Mit «Vier Frauen. Ein Singspiel» bietet die Gruppe 400 ASA ein Nachspiel zu ihrem Doppelauftritt am Theaterspektakel - sinnigerweise in schulischem Umfeld. Das im Mai in Bern uraufgeführte Stück ist wie «Medeää» Teil der Projektreihe «Böse Frauen» und damit als Gelegenheit für Schauspielerinnen gedacht, den Eros des Bösen im Theater auszukosten. Julia Glaus, Ragna Guderian, Catriona Guggenbühl und Meret Hottinger schaffen denn auch eine aggressive Atmosphäre. Für ein lustvolles Ausagieren böser Triebe ist das Konzept von Lukas Bärfuss (Text), Samuel Schwarz (Regie) und Chantal Wuhrmann (Bühnenbild) aber zu rigid: Gemäss ihrem mittlerweile berühmten «Bekenntnis 99» haben sie sich auch hier dem chorischen Prinzip verschrieben. Dieses ist einerseits Quelle eindrücklicher szenischer Wirkungen: zum Beispiel in einem wiederholten Pultballett zu immer brüchiger werdenden Walzerklängen, in gespenstischen kleinen Gesangsnummern, in den ironischen bis obszönen Huldigungen an Alexander (den Grossen); andererseits ist es auch Grundlage scharfer politischer Aussagen und Anklagen: Das Schulhaus-Malaise wird nicht anhand von individuellem Schicksal behandelt, sondern auf ein Kollektiv ausgeweitet, das stellvertretend für alle Schulhäuser am Hang, für alle Zürichberge der Schweiz und somit für die Schweiz als Ganzes ist. Der in billigen Heftchen lesende, dümmlich grinsende Alexander in der Maske eines «Chaoten» (Nanny Burri) spukt über die Bühne wie der Inbegriff des sich jeder Erziehung verweigernden Jugendlichen, aber auch wie die Projektionsfläche der gesammelten ausländerfeindlichen Klischees. - 400 ASA ist weit von simplem linkem Agitprop entfernt und macht, im Spannungsfeld von spätpubertärer Rotzigkeit und unverbrauchter Experimentierlust, reiches und karges, direktes und komplexes Theater.

Tobias Hoffmann


[zum Pressearchiv]