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Voraus-Proteste gegen «Tell»
Leibacher, Atta, Tell? Zwei Wochen vor der Premiere provoziert
das Theater St. Gallen mit der Premierenankündigung
In 14 Tagen hat «Wilhelm Tell» in St. Gallen Premiere.
Bereits jetzt gibt es Aufregung – Regisseur Samuel Schwarz
will Parallelen zum Zuger Attentäter Leibacher ziehen.
«Fritz Leibacher, der Amokläufer von Zug, und Mohammed
Atta, an die wir in diesen Tagen zwangsläufig erinnert werden,
haben mehr mit uns und Wilhelm Tell gemeinsam, als uns lieb ist.»
Mit diesem ersten Satz auf der gestern verschickten Premiereneinladung
zu Schillers «Wilhelm Tell» hat Samuel Schwarz offensichtlich
ins Schwarze getroffen. Politiker reagierten mit Unverständnis,
berichtete gestern «20 Minuten» und zitiert den SVP-Nationalrat
Toni Brunner («unerhört») oder den Zuger Ständerat
Rolf Schweiger: «Leibacher in die Nähe von Tell zu
rücken, bedeutet einen Stich in die Herzen der Angehörigen
der Opfer.»
Bis heute ein Trauma
In der Innerschweiz gab es gestern ebenfalls heftige Reaktionen
auf die Ankündigung des Theaters. Leibacher war am 28. September
2001 mit mehreren Schusswaffen in den Zuger Kantonsratssaal eingedrungen
und hatte 14 Personen getötet. Besonders in Zug seien die
Wunden auch fünf Jahre nach der Tat noch nicht verheilt;
allein schon das Wort «Amokläufer» (statt «Attentäter»)
sei tabu, berichten Zentralschweizer Medien.
Regisseur Samuel Schwarz erklärt auf Anfrage (vgl. das untenstehende
Interview), wo er Parallelen zwischen der Figur Tell, dem Attentäter
Leibacher oder heutigen Terroristen sieht. Schillers Stück
bezeichnet Schwarz als «reaktionär und propagandistisch»,
indem es einen fragwürdigen Heldenmythos aufbaue mit plakativem
Gut-Böse-Schema.
Der Streit um «Tell» ist alt
Das «Unbehagen am Tell» ist, wie das Buch «Tells
Theater» 2005 aufzeigte, keineswegs neu, sondern prägend
für die Nachkriegszeit. Otto Marchi bilanzierte 1971 in seiner
«Schweizer Geschichte für Ketzer», Tell sei «eine
Art heroischer Kleiderbügel, an dem sich die verschiedensten
parteipolitischen und wirtschaftlichen Interessenmäntelchen
je nach Bedarf aufhängen lassen». 1991, zur 700-Jahr-Feier
der Eidgenossenschaft, provozierte Frank Castorf in Basel mit
einer wüsten Tell-Collage. Und in Deutschland wurde Schillers
«Tell» für Machtkämpfe im Kalten Krieg zwischen
BRD und DDR instrumentalisiert.
Peter Surber
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