PRESSEARCHIV

WILHELM TELL - ST. GALLER TAGBLATT, 16.9.2006

Voraus-Proteste gegen «Tell»
Leibacher, Atta, Tell? Zwei Wochen vor der Premiere provoziert das Theater St. Gallen mit der Premierenankündigung

In 14 Tagen hat «Wilhelm Tell» in St. Gallen Premiere. Bereits jetzt gibt es Aufregung – Regisseur Samuel Schwarz will Parallelen zum Zuger Attentäter Leibacher ziehen.

«Fritz Leibacher, der Amokläufer von Zug, und Mohammed Atta, an die wir in diesen Tagen zwangsläufig erinnert werden, haben mehr mit uns und Wilhelm Tell gemeinsam, als uns lieb ist.»

Mit diesem ersten Satz auf der gestern verschickten Premiereneinladung zu Schillers «Wilhelm Tell» hat Samuel Schwarz offensichtlich ins Schwarze getroffen. Politiker reagierten mit Unverständnis, berichtete gestern «20 Minuten» und zitiert den SVP-Nationalrat Toni Brunner («unerhört») oder den Zuger Ständerat Rolf Schweiger: «Leibacher in die Nähe von Tell zu rücken, bedeutet einen Stich in die Herzen der Angehörigen der Opfer.»

Bis heute ein Trauma
In der Innerschweiz gab es gestern ebenfalls heftige Reaktionen auf die Ankündigung des Theaters. Leibacher war am 28. September 2001 mit mehreren Schusswaffen in den Zuger Kantonsratssaal eingedrungen und hatte 14 Personen getötet. Besonders in Zug seien die Wunden auch fünf Jahre nach der Tat noch nicht verheilt; allein schon das Wort «Amokläufer» (statt «Attentäter») sei tabu, berichten Zentralschweizer Medien.

Regisseur Samuel Schwarz erklärt auf Anfrage (vgl. das untenstehende Interview), wo er Parallelen zwischen der Figur Tell, dem Attentäter Leibacher oder heutigen Terroristen sieht. Schillers Stück bezeichnet Schwarz als «reaktionär und propagandistisch», indem es einen fragwürdigen Heldenmythos aufbaue mit plakativem Gut-Böse-Schema.

Der Streit um «Tell» ist alt
Das «Unbehagen am Tell» ist, wie das Buch «Tells Theater» 2005 aufzeigte, keineswegs neu, sondern prägend für die Nachkriegszeit. Otto Marchi bilanzierte 1971 in seiner «Schweizer Geschichte für Ketzer», Tell sei «eine Art heroischer Kleiderbügel, an dem sich die verschiedensten parteipolitischen und wirtschaftlichen Interessenmäntelchen je nach Bedarf aufhängen lassen». 1991, zur 700-Jahr-Feier der Eidgenossenschaft, provozierte Frank Castorf in Basel mit einer wüsten Tell-Collage. Und in Deutschland wurde Schillers «Tell» für Machtkämpfe im Kalten Krieg zwischen BRD und DDR instrumentalisiert.

Peter Surber


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