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«Wider den Schützenmythos»
Regisseur Samuel Schwarz zu «Wilhelm Tell» und dem
Fall Leibacher
Der Name Leibacher provoziert in der Innerschweiz offensichtlich
extrem. War Ihnen das bewusst, haben Sie damit gerechnet?
Samuel Schwarz: Ich bin eher erstaunt darüber, wie wenig
verarbeitet der Fall offensichtlich noch immer ist, wie wenig
tiefgründig man sich bisher damit beschäftigt hat –
das gilt nicht für die Angehörigen der Opfer, aber für
die breite Öffentlichkeit.
Wie sehen Sie denn den Zusammenhang zu «Tell»?
Schwarz: Vorweg ist zu sagen: Für mich ist Tell keine positive
Figur. Er begründet einen problematischen Heldenmythos, einen
Schützenmythos, der bis heute in der Schweiz weiterwirkt,
ganz aktuell bis in die Diskussion um die Waffengesetzgebung hinein.
Auch der Fall Leibacher ist Teil dieses Schützenmythos. Schillers
«Tell» ist ein Propagandawerk zur Helden-Konstruktion.
Inwiefern?
Schwarz: Propagandistisch ist die Textstruktur. Die ersten drei
Akte bestehen fast nur aus Gesprächen von Leuten, die das
abwesende Böse beschwören, die es herbeireden, bis es
schliesslich da ist. Diese Propagandastruktur lässt sich
etwa in den «Tell»-Hörspielen aus den 30er-Jahren
am genauesten nachhören. Kein Zufall, dass in der Nazizeit
«Tell» das meistgespielte Stück war, bis Hitler
es 1941 verboten hat – das wurde beim letztjährigen
«Tell»-Jubiläum aber ausgeklammert. Die Beschwörung
des abwesenden Bösen, bis es eintritt: Das ist eine paranoide
Grundstruktur. Solche paranoiden Reflexe gibt es heute überall
– wenn der «Blick» etwa auf die Schweizer Uni-Dozenten
und ihre Verschwörungstheorien zu 9/11 aufspringt. Dahinter
steckt eine Art Sehnsucht nach dem Grossen Bösen –
das passiert bei Schiller genauso, da baut sich ein Propagandadruck
auf Tell auf, ebenso auf die Leser.
Was stört Sie am Helden?
Schwarz: Was ich hinterfrage, ist der Heldenmythos per se. Das
geht bis zu Nietzsche und seinem Übermenschen – eine
Parallele, die nicht ich erfunden habe, sondern die vielfach,
etwa von Meinrad Inglin, beschrieben worden ist. Der einsame Übermensch,
der sich aus der Welt heraushält, Nietzsches Zarathustra,
der schliesslich von den Bergen herabsteigt und zur Tat schreitet,
weil er dazu berufen worden sei: Das ist ein notorisches Erklärungsmuster
von Terroristen, nach dem Motto «Ich wollte ja in Ruhe leben,
aber Ihr lasst mich nicht». Ganz ähnlich findet man
das bei Tell, und wieder die Parallele zu Leibacher: Dieser hat
sich gleichfalls hochstilisiert zu einem Rächer, der zur
Waffe greifen müsse.
Leibachers Opfer werden sich durch solche
Parallelismen vermutlich angegriffen fühlen.
Schwarz: Darum geht es uns auf keinen Fall. Aber es geht um die
Demontage einer bis heute wirksamen gesellschaftlichen Propaganda.
Diese Propaganda zeichnet ein Idealbild vom einsamen Mann und
seinem zornigen Nonkonformismus.
Immerhin gilt der Nonkonformismus des Tell
– wenn es ihn denn gab – einem Freiheitsideal . .
.
Schwarz: . . .wobei für die Schweizer Geschichte ein Mann
wie Napoleon sehr viel prägender war. Er hat uns mehr als
Tell zu dem gemacht, was wir sind.
Ist es denn zulässig, eine Mordtat wie
jene Leibachers mit einem politischen Attentat wie dem Gesslermord
parallel zu setzen?
Schwarz: Ein privates Unterdrücktheitsgefühl, wie es
Leibacher hatte, kommt nicht von nichts, das wird geprägt.
Es entspricht einer in der Schweiz gern gepflegten Haltung: dem
Zorn gegen oben. Und dieser ist typisch für ein Männlichkeitsideal,
das immer noch den einsamen Jäger kultiviert. Das ist ein
rückständiges gesellschaftliches Modell, mit dem Teile
der Gesellschaft – die Frauen – abgespalten werden,
aber auch lebenszugewandte, emphatische Aspekte in jedem Einzelnen.
Ein solcher Mensch kann dann in eine paranoide Schlaufe geraten,
wie dies bei Leibacher der Fall war. Ich will damit Leibacher
auf keinen Fall zum «Opfer» machen, er war verantwortlich
für seine Tat. Aber es wird in unserer Gesellschaft wenig
zur Vermeidung solch paranoiden Verhaltens unternommen. Schillers
Tell, der grosse einsame Rächer, bietet die Möglichkeit,
das aufzuzeigen.
Damit werden Sie viele Leute vor den Kopf
stossen.
Schwarz: Das ist nicht unsere Absicht. Wir versuchen im Gegenteil,
differenziert und von verschiedenen Seiten her diese Thematik
zu beleuchten. Nicht voyeuristisch wie die Boulevardmedien oder
das Fernsehen mit seinen Einfühlfilmen zum Fall Leibacher:
Das lehnen wir dezidiert ab. Da wird die Tragödie ausgeschlachtet
von Leuten, die sich selber heraushalten. Von unserer Arbeit kann
ich hingegen sagen, dass wir uns selber in dem Komplex mitdenken.
Sich herauszuhalten und zu sagen, ein Leibacher hat mit mir nichts
zu tun: Das ist komplett falsch. Die jetzigen Reaktionen zeigen
aber, dass gewisse Leute offensichtlich nicht dazu bereit sind,
sich Fragen nach den Ursachen zu stellen.
Wie wollen Sie all diese Themen auf die Bühne
bringen?
Schwarz: «Tell» ist jedenfalls eine gute Vorlage dafür.
Wenn man etwa mit Shakespeare-Stücken und deren hoch komplexer
Haltung gegenüber dem Bösen vergleicht, findet man bei
Schiller fast nur schwarz-weiss gezeichnete Bilder. Die Vereinnahmung
des «Tell» bei den Nazis, aber auch später in
der DDR macht deutlich, wie sehr dieses Stück als Propaganda-Machwerk
funktioniert.
Interview: Peter Surber
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