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WILHELM TELL - INTERVIEW ST.GALLER TAGBLATT, 16.9.2006

«Wider den Schützenmythos»
Regisseur Samuel Schwarz zu «Wilhelm Tell» und dem Fall Leibacher


Der Name Leibacher provoziert in der Innerschweiz offensichtlich extrem. War Ihnen das bewusst, haben Sie damit gerechnet?

Samuel Schwarz: Ich bin eher erstaunt darüber, wie wenig verarbeitet der Fall offensichtlich noch immer ist, wie wenig tiefgründig man sich bisher damit beschäftigt hat – das gilt nicht für die Angehörigen der Opfer, aber für die breite Öffentlichkeit.

Wie sehen Sie denn den Zusammenhang zu «Tell»?

Schwarz: Vorweg ist zu sagen: Für mich ist Tell keine positive Figur. Er begründet einen problematischen Heldenmythos, einen Schützenmythos, der bis heute in der Schweiz weiterwirkt, ganz aktuell bis in die Diskussion um die Waffengesetzgebung hinein. Auch der Fall Leibacher ist Teil dieses Schützenmythos. Schillers «Tell» ist ein Propagandawerk zur Helden-Konstruktion.

Inwiefern?

Schwarz: Propagandistisch ist die Textstruktur. Die ersten drei Akte bestehen fast nur aus Gesprächen von Leuten, die das abwesende Böse beschwören, die es herbeireden, bis es schliesslich da ist. Diese Propagandastruktur lässt sich etwa in den «Tell»-Hörspielen aus den 30er-Jahren am genauesten nachhören. Kein Zufall, dass in der Nazizeit «Tell» das meistgespielte Stück war, bis Hitler es 1941 verboten hat – das wurde beim letztjährigen «Tell»-Jubiläum aber ausgeklammert. Die Beschwörung des abwesenden Bösen, bis es eintritt: Das ist eine paranoide Grundstruktur. Solche paranoiden Reflexe gibt es heute überall – wenn der «Blick» etwa auf die Schweizer Uni-Dozenten und ihre Verschwörungstheorien zu 9/11 aufspringt. Dahinter steckt eine Art Sehnsucht nach dem Grossen Bösen – das passiert bei Schiller genauso, da baut sich ein Propagandadruck auf Tell auf, ebenso auf die Leser.

Was stört Sie am Helden?

Schwarz: Was ich hinterfrage, ist der Heldenmythos per se. Das geht bis zu Nietzsche und seinem Übermenschen – eine Parallele, die nicht ich erfunden habe, sondern die vielfach, etwa von Meinrad Inglin, beschrieben worden ist. Der einsame Übermensch, der sich aus der Welt heraushält, Nietzsches Zarathustra, der schliesslich von den Bergen herabsteigt und zur Tat schreitet, weil er dazu berufen worden sei: Das ist ein notorisches Erklärungsmuster von Terroristen, nach dem Motto «Ich wollte ja in Ruhe leben, aber Ihr lasst mich nicht». Ganz ähnlich findet man das bei Tell, und wieder die Parallele zu Leibacher: Dieser hat sich gleichfalls hochstilisiert zu einem Rächer, der zur Waffe greifen müsse.

Leibachers Opfer werden sich durch solche Parallelismen vermutlich angegriffen fühlen.

Schwarz: Darum geht es uns auf keinen Fall. Aber es geht um die Demontage einer bis heute wirksamen gesellschaftlichen Propaganda. Diese Propaganda zeichnet ein Idealbild vom einsamen Mann und seinem zornigen Nonkonformismus.

Immerhin gilt der Nonkonformismus des Tell – wenn es ihn denn gab – einem Freiheitsideal . . .

Schwarz: . . .wobei für die Schweizer Geschichte ein Mann wie Napoleon sehr viel prägender war. Er hat uns mehr als Tell zu dem gemacht, was wir sind.

Ist es denn zulässig, eine Mordtat wie jene Leibachers mit einem politischen Attentat wie dem Gesslermord parallel zu setzen?

Schwarz: Ein privates Unterdrücktheitsgefühl, wie es Leibacher hatte, kommt nicht von nichts, das wird geprägt. Es entspricht einer in der Schweiz gern gepflegten Haltung: dem Zorn gegen oben. Und dieser ist typisch für ein Männlichkeitsideal, das immer noch den einsamen Jäger kultiviert. Das ist ein rückständiges gesellschaftliches Modell, mit dem Teile der Gesellschaft – die Frauen – abgespalten werden, aber auch lebenszugewandte, emphatische Aspekte in jedem Einzelnen. Ein solcher Mensch kann dann in eine paranoide Schlaufe geraten, wie dies bei Leibacher der Fall war. Ich will damit Leibacher auf keinen Fall zum «Opfer» machen, er war verantwortlich für seine Tat. Aber es wird in unserer Gesellschaft wenig zur Vermeidung solch paranoiden Verhaltens unternommen. Schillers Tell, der grosse einsame Rächer, bietet die Möglichkeit, das aufzuzeigen.

Damit werden Sie viele Leute vor den Kopf stossen.

Schwarz: Das ist nicht unsere Absicht. Wir versuchen im Gegenteil, differenziert und von verschiedenen Seiten her diese Thematik zu beleuchten. Nicht voyeuristisch wie die Boulevardmedien oder das Fernsehen mit seinen Einfühlfilmen zum Fall Leibacher: Das lehnen wir dezidiert ab. Da wird die Tragödie ausgeschlachtet von Leuten, die sich selber heraushalten. Von unserer Arbeit kann ich hingegen sagen, dass wir uns selber in dem Komplex mitdenken. Sich herauszuhalten und zu sagen, ein Leibacher hat mit mir nichts zu tun: Das ist komplett falsch. Die jetzigen Reaktionen zeigen aber, dass gewisse Leute offensichtlich nicht dazu bereit sind, sich Fragen nach den Ursachen zu stellen.

Wie wollen Sie all diese Themen auf die Bühne bringen?

Schwarz: «Tell» ist jedenfalls eine gute Vorlage dafür. Wenn man etwa mit Shakespeare-Stücken und deren hoch komplexer Haltung gegenüber dem Bösen vergleicht, findet man bei Schiller fast nur schwarz-weiss gezeichnete Bilder. Die Vereinnahmung des «Tell» bei den Nazis, aber auch später in der DDR macht deutlich, wie sehr dieses Stück als Propaganda-Machwerk funktioniert.

Interview: Peter Surber


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