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Der Nationalheld als mörderischer Querulant
Von Peter Müller
Auch das noch. Während die Absetzung der Mozart-Oper «Idomeneo»
an Berlins Deutscher Oper kunstsinnige Gemüter auch in der
Schweiz erregt, droht bereits neues Ungemach, und das vor der
Haustür. In St. Gallen hatte gestern Freitag ein «Wilhelm
Tell» Premiere, dessen Regisseur Samuel Schwarz den Nationalhelden
mit dem Attentäter Friedrich Leibacher vergleicht.
Vor fünf Jahren hat Leibacher im Zuger Parlament 14 Menschen
getötet; der sagenhafte Tell dagegen hat einen fremden Landvogt
umgebracht. Die Kluft zwischen Amokläufer und Tyrannenmörder
scheint unüberbrückbar. Oder doch nicht? Der 35-jährige
Schwarz schrieb in der Einladung zur St. Galler Premiere: «Fritz
Leibacher, der Amokläufer von Zug, und Mohammed Atta (ein
Terrorist des 11. September 2001, die Red.), an die wir in diesen
Tagen zwangsläufig erinnert werden, haben mehr mit uns und
Wilhelm Tell zu tun, als uns lieb ist.» Dabei ist der Berner
Schwarz überhaupt kein lärmiger Revoluzzer oder blindwütiger
Bilderstürmer. In Langnau im Emmental geboren, hat er nach
dem Abbruch des Wirtschaftsgymnasiums seinen Weg erst suchen müssen.
Filmkurse besuchte er, in der alternativen Berner Reitschule half
er - bis er sich 1995-98 an der Schauspiel-Akademie in Zürich
(heute Fachhochschule Musik und Theater) zum Schauspieler und
Regisseur ausbilden liess. Von da an wusste er allerdings, was
er wollte.
1998 war Schwarz Mitbegründer der freien Theater- und Filmgruppe
400Asa. In Manifesten bekannte sich die Gruppe, nach dem Vorbild
der dänischen Dogma-Filmer, zur Beschränkung und Transparenz
der künstlerischen, auch technischen Mittel. Produktionen
wie Horvaths «Italienische Nacht» und «Medeää.
214 Bildbeschreibungen», die beide auch am Zürcher
Theater Spektakel zu sehen waren, machten sofort klar: 400Asa
heisst eigen- und hintersinniges, politisches und mitunter bös
humorvolles Theater. Das «Affentheater» am 1. August
an der Expo, das auch über die Bildschirme flimmerte, löste
heftige Reaktionen aus.
Geschrieben hatte das helvetische Festspiel Lukas Bärfuss.
Zusammen mit 400Asa machte er rasch Karriere. Heute ist Bärfuss
einer der wichtigsten Dramatiker in Europa, während Schwarz
inzwischen an grossen Bühnen inszeniert, vom Berliner Maxim-Gorki-Theater
bis zum Theater Basel («Meienbergs Tod», «Andorra»).
Im Theater am Neumarkt brachte er vor einem Jahr erneut einen
grossen Schweizer Stoff auf die Bühne: Meinrad Inglins «Schweizerspiegel».
Schwarz ist ein heimlicher Patriot, und gerade darum kritisch.
Zusammen mit seiner Kollegin Meret Matter hatte er sich 2005 (vergeblich)
für die Direktion des Berner Stadttheaters beworben, um daraus
ein «Hauptstadttheater» für Schweizer Dramatik
zu machen. So verwundert es nicht, dass sich Schwarz nun am «Tell»
zu schaffen macht.
«Wir setzen uns mit einem nationalen Trauma auseinander»,
betont Schwarz und verwahrt sich gegen den Vorwurf geschmacklose
Sensationshascherei. Der Amokläufer Leibacher habe sich als
Widerständler gegen die Obrigkeit gesehen, als guten Querulanten
- ganz ähnlich wie Tell. Auch der Tell handle vom Verfolgungswahn
getrieben und sei keine positive Figur. Schillers «Tell»
mit seinen fixen Feindbildern hält Schwarz für einen
gefährlichen Stoff, weil er leicht für Propagandazwecke
einzusetzen ist.
Tatsächlich sind wenige Theaterstücke der Weltliteratur
gegensätzlicher verstanden worden. In Deutschland war «Wilhelm
Tell» lange Hitlers Lieblingsstück; im Zürcher
Schauspielhaus dagegen erhob sich derweil das Publikum beim Rütli-Schwur,
um Widerstand gegen die Nazis zu signalisieren.
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