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WILHELM TELL - TAGESANZEIGER, 30.9.2006

Der Nationalheld als mörderischer Querulant

Von Peter Müller

Auch das noch. Während die Absetzung der Mozart-Oper «Idomeneo» an Berlins Deutscher Oper kunstsinnige Gemüter auch in der Schweiz erregt, droht bereits neues Ungemach, und das vor der Haustür. In St. Gallen hatte gestern Freitag ein «Wilhelm Tell» Premiere, dessen Regisseur Samuel Schwarz den Nationalhelden mit dem Attentäter Friedrich Leibacher vergleicht.

Vor fünf Jahren hat Leibacher im Zuger Parlament 14 Menschen getötet; der sagenhafte Tell dagegen hat einen fremden Landvogt umgebracht. Die Kluft zwischen Amokläufer und Tyrannenmörder scheint unüberbrückbar. Oder doch nicht? Der 35-jährige Schwarz schrieb in der Einladung zur St. Galler Premiere: «Fritz Leibacher, der Amokläufer von Zug, und Mohammed Atta (ein Terrorist des 11. September 2001, die Red.), an die wir in diesen Tagen zwangsläufig erinnert werden, haben mehr mit uns und Wilhelm Tell zu tun, als uns lieb ist.» Dabei ist der Berner Schwarz überhaupt kein lärmiger Revoluzzer oder blindwütiger Bilderstürmer. In Langnau im Emmental geboren, hat er nach dem Abbruch des Wirtschaftsgymnasiums seinen Weg erst suchen müssen. Filmkurse besuchte er, in der alternativen Berner Reitschule half er - bis er sich 1995-98 an der Schauspiel-Akademie in Zürich (heute Fachhochschule Musik und Theater) zum Schauspieler und Regisseur ausbilden liess. Von da an wusste er allerdings, was er wollte.

1998 war Schwarz Mitbegründer der freien Theater- und Filmgruppe 400Asa. In Manifesten bekannte sich die Gruppe, nach dem Vorbild der dänischen Dogma-Filmer, zur Beschränkung und Transparenz der künstlerischen, auch technischen Mittel. Produktionen wie Horvaths «Italienische Nacht» und «Medeää. 214 Bildbeschreibungen», die beide auch am Zürcher Theater Spektakel zu sehen waren, machten sofort klar: 400Asa heisst eigen- und hintersinniges, politisches und mitunter bös humorvolles Theater. Das «Affentheater» am 1. August an der Expo, das auch über die Bildschirme flimmerte, löste heftige Reaktionen aus.

Geschrieben hatte das helvetische Festspiel Lukas Bärfuss. Zusammen mit 400Asa machte er rasch Karriere. Heute ist Bärfuss einer der wichtigsten Dramatiker in Europa, während Schwarz inzwischen an grossen Bühnen inszeniert, vom Berliner Maxim-Gorki-Theater bis zum Theater Basel («Meienbergs Tod», «Andorra»). Im Theater am Neumarkt brachte er vor einem Jahr erneut einen grossen Schweizer Stoff auf die Bühne: Meinrad Inglins «Schweizerspiegel».

Schwarz ist ein heimlicher Patriot, und gerade darum kritisch. Zusammen mit seiner Kollegin Meret Matter hatte er sich 2005 (vergeblich) für die Direktion des Berner Stadttheaters beworben, um daraus ein «Hauptstadttheater» für Schweizer Dramatik zu machen. So verwundert es nicht, dass sich Schwarz nun am «Tell» zu schaffen macht.

«Wir setzen uns mit einem nationalen Trauma auseinander», betont Schwarz und verwahrt sich gegen den Vorwurf geschmacklose Sensationshascherei. Der Amokläufer Leibacher habe sich als Widerständler gegen die Obrigkeit gesehen, als guten Querulanten - ganz ähnlich wie Tell. Auch der Tell handle vom Verfolgungswahn getrieben und sei keine positive Figur. Schillers «Tell» mit seinen fixen Feindbildern hält Schwarz für einen gefährlichen Stoff, weil er leicht für Propagandazwecke einzusetzen ist.

Tatsächlich sind wenige Theaterstücke der Weltliteratur gegensätzlicher verstanden worden. In Deutschland war «Wilhelm Tell» lange Hitlers Lieblingsstück; im Zürcher Schauspielhaus dagegen erhob sich derweil das Publikum beim Rütli-Schwur, um Widerstand gegen die Nazis zu signalisieren.


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