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Blutleerer Tell
Aller vorauseilenden Empörung zum Trotz - Samuel Schwarz'
«Wilhelm Tell» am Theater St. Gallen provoziert nicht.
Leider.
Von Felizitas Ammann
Nach der Ankündigung von Samuel Schwarz' Schiller-Interpretation
war die Entrüstung gross: Die Medien informierten über
das ungeheure Vorhaben, den Freiheitskämpfer mit Terroristen
oder mit dem Zuger Attentäter Leibacher zu vergleichen. In
Leserbriefen erklärte das Volk, was Kunst dürfe und
vor allem was nicht, und solidarisierte sich vorsorglich mit den
Opfern von Zug. Auf die Beteuerung des Regisseurs, dass er keinesfalls
die Angehörigen kränken wolle, hörte man nicht.
Darauf, was er sonst wollte, auch nicht.
Was wollte Schwarz? Nichts weniger als den «Tell»
aus heutiger Sicht zeigen, dessen viel sagende Interpretationsgeschichte
reflektieren und dabei die Mittel des Theaters offen legen - zu
viel für einen zweistündigen Abend.
Der Anfang erinnert an ältere Arbeiten von Schwarz' freier
Theatergruppe 400asa: Das ganze Personal versammelt sich an einem
langen Tisch zur Leseprobe, die Regieanweisungen werden im Chor
gelesen. Das funktioniert in der Szene mit dem aufkommenden Sturm
über dem See bestens, gibt der Sprachgewalt Schillers Raum
und zeigt gleichzeitig die historische Distanz. Doch die Demonstration
des Originals ist von kurzer Dauer, dann sieht man verschiedenste
Theaterformen, Zitate und Verweise quer durch die Geschichte von
Afghanistan bis zu Nietzsches Übermenschen, Trash, Gewalt
und Klamauk.
Dabei sind viele bedenkenswerte Szenen, manche unverständliche
- und einige Längen. Einer der Ausgangspunkte von Schwarz
und Dramaturg Jens Lampater ist die Erkenntnis, dass sich Schillers
schwarzweiss gemaltes Historienbild für Propagandazwecke
geradezu anbietet und entsprechend häufig instrumentalisiert
wurde: zu Schillers Zeiten gegen Napoleons Herrschaft, später
vom Nationalsozialismus, von der DDR, in der Schweiz zur geistigen
Landesverteidigung. All dies jedoch wird nur kurz zitiert.
Keine Spur von Skandal
Weitreichender ist die Beobachtung, dass Tell - obwohl Schiller
den Tyrannenmord mit der Staatsgründung verknüpfte -
in erster Linie aus privater Rachsucht handelte. Hier zeigt sich
eine Verbindung zu Leibacher, der sich allein gegen «die
da oben» zur Wehr setzte. Schwarz' Tell (fesselnd: Bruno
Riedl) ist entsprechend wortkarg, verstockt bis paranoid.
Meist steht er nur daneben, schaut dem geschäftigen Treiben
zu und bastelt an seinen Bomben. Unterstützt wird er von
seinem Sohn Walther, den Wanda Wylowa etwas bemüht als behinderten
Jungen gibt. Governor Gesslers Chargen sind amerikanische Soldaten,
deren Morde und Folter werden durch Szenen aus Abu Ghraib nachgestellt.
Das ist keine leere Provokation, sondern zeigt die heutigen Formen
von Unterdrückung und Gewalt.
Dass das Ganze trotzdem erstaunlich blutleer (im übertragenen
Sinne) bleibt, liegt daran, dass Schwarz die vielen Themen nur
antippt, aber nie weiter ausführt. Auch wenn er - wie er
sagt - zum Denken anregen will, muss er dazu klare Vorgaben und
Thesen liefern.
Deutlich etwa sind die polemisch-sexistischen Witze gegen die
wenigen Frauen auf der Bühne: Sie machen klar, dass das Weltbild
der Herrscher, Helden oder Terroristen nach wie vor auf traditionelle
Geschlechterrollen baut. Etwas mehr von diesem zielgerichtet bissigen
Humor, von dieser Kritik an der Gesellschaft hätte dem «Tell»
gut getan.
Und Leibacher? Ganz zum Schluss zieht Tell endlich das (auf den
Zuger Attentäter verweisende) selbst gebastelte Polizei-Gilet
an, stützt sich auf sein Sturmgewehr - und tut nichts. Wäre
man nicht von Gratis- und anderen Zeitungen vorgewarnt worden,
man hätte ihn gar nicht erkannt. So oder so: Der Theaterskandal
bleibt aus, das Publikum klatscht artig.
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