PRESSEARCHIV

WILHELM TELL - TAGESANZEIGER, 2.10.2006

Blutleerer Tell

Aller vorauseilenden Empörung zum Trotz - Samuel Schwarz' «Wilhelm Tell» am Theater St. Gallen provoziert nicht. Leider.
Von Felizitas Ammann

Nach der Ankündigung von Samuel Schwarz' Schiller-Interpretation war die Entrüstung gross: Die Medien informierten über das ungeheure Vorhaben, den Freiheitskämpfer mit Terroristen oder mit dem Zuger Attentäter Leibacher zu vergleichen. In Leserbriefen erklärte das Volk, was Kunst dürfe und vor allem was nicht, und solidarisierte sich vorsorglich mit den Opfern von Zug. Auf die Beteuerung des Regisseurs, dass er keinesfalls die Angehörigen kränken wolle, hörte man nicht. Darauf, was er sonst wollte, auch nicht.

Was wollte Schwarz? Nichts weniger als den «Tell» aus heutiger Sicht zeigen, dessen viel sagende Interpretationsgeschichte reflektieren und dabei die Mittel des Theaters offen legen - zu viel für einen zweistündigen Abend.

Der Anfang erinnert an ältere Arbeiten von Schwarz' freier Theatergruppe 400asa: Das ganze Personal versammelt sich an einem langen Tisch zur Leseprobe, die Regieanweisungen werden im Chor gelesen. Das funktioniert in der Szene mit dem aufkommenden Sturm über dem See bestens, gibt der Sprachgewalt Schillers Raum und zeigt gleichzeitig die historische Distanz. Doch die Demonstration des Originals ist von kurzer Dauer, dann sieht man verschiedenste Theaterformen, Zitate und Verweise quer durch die Geschichte von Afghanistan bis zu Nietzsches Übermenschen, Trash, Gewalt und Klamauk.
Dabei sind viele bedenkenswerte Szenen, manche unverständliche - und einige Längen. Einer der Ausgangspunkte von Schwarz und Dramaturg Jens Lampater ist die Erkenntnis, dass sich Schillers schwarzweiss gemaltes Historienbild für Propagandazwecke geradezu anbietet und entsprechend häufig instrumentalisiert wurde: zu Schillers Zeiten gegen Napoleons Herrschaft, später vom Nationalsozialismus, von der DDR, in der Schweiz zur geistigen Landesverteidigung. All dies jedoch wird nur kurz zitiert.

Keine Spur von Skandal
Weitreichender ist die Beobachtung, dass Tell - obwohl Schiller den Tyrannenmord mit der Staatsgründung verknüpfte - in erster Linie aus privater Rachsucht handelte. Hier zeigt sich eine Verbindung zu Leibacher, der sich allein gegen «die da oben» zur Wehr setzte. Schwarz' Tell (fesselnd: Bruno Riedl) ist entsprechend wortkarg, verstockt bis paranoid.
Meist steht er nur daneben, schaut dem geschäftigen Treiben zu und bastelt an seinen Bomben. Unterstützt wird er von seinem Sohn Walther, den Wanda Wylowa etwas bemüht als behinderten Jungen gibt. Governor Gesslers Chargen sind amerikanische Soldaten, deren Morde und Folter werden durch Szenen aus Abu Ghraib nachgestellt. Das ist keine leere Provokation, sondern zeigt die heutigen Formen von Unterdrückung und Gewalt.

Dass das Ganze trotzdem erstaunlich blutleer (im übertragenen Sinne) bleibt, liegt daran, dass Schwarz die vielen Themen nur antippt, aber nie weiter ausführt. Auch wenn er - wie er sagt - zum Denken anregen will, muss er dazu klare Vorgaben und Thesen liefern.

Deutlich etwa sind die polemisch-sexistischen Witze gegen die wenigen Frauen auf der Bühne: Sie machen klar, dass das Weltbild der Herrscher, Helden oder Terroristen nach wie vor auf traditionelle Geschlechterrollen baut. Etwas mehr von diesem zielgerichtet bissigen Humor, von dieser Kritik an der Gesellschaft hätte dem «Tell» gut getan.

Und Leibacher? Ganz zum Schluss zieht Tell endlich das (auf den Zuger Attentäter verweisende) selbst gebastelte Polizei-Gilet an, stützt sich auf sein Sturmgewehr - und tut nichts. Wäre man nicht von Gratis- und anderen Zeitungen vorgewarnt worden, man hätte ihn gar nicht erkannt. So oder so: Der Theaterskandal bleibt aus, das Publikum klatscht artig.



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