Am Anfang war Charlie Chaplin
Samuel Schwarz inszeniert Max Frischs "Andorra" am Theater Basel
Mit 18 erhielt er den Schweizer Hörspielpreis, gründete später eine Theatergruppe, dann eine Filmproduktion. Samuel Schwarz, 34 Jahre alt, kommt aus der freien Szene. Genauer gesagt aus dem alternativen Berner Kulturzentrum "Reithalle", das berühmt berüchtigt ist als Zentrum autonomer Demonstranten. Später wurde er zu den Wiener Festwochen eingeladen, gastierte am Maxim-Gorki-Theater in Berlin, am Bochumer und am Hamburger Schauspielhaus. Jetzt ist er in die Schweiz zurückgekehrt und inszeniert am Theater Basel "Andorra" von Max Frisch.
"Andorra" erzählt die Geschichte von Andri, der fälschlich für einen Juden gehalten wird, den alle ausgrenzen und schikanieren. Den sie foltern und am Schluss umbringen werden.
Dem Phänomen Antisemitismus auf der Spur
Max Frischs Theaterstück ist ein Klassiker der Moderne, der in der Zwischenzeit ziemlich viel Staub angesetzt hat. Nicht so in Basel, das Stück ist kaum wiederzuerkennen. Formal neu wird die alte Geschichte von Andri erzählt, bei dem die bloße Vermutung, er sei Jude, schon ausreicht. "Bei uns war die erste Assoziation Charlie Chaplin", sagt Regisseur Samuel Schwarz. "Weil Charlie Chaplin immer für einen Juden gehalten wurde, obwohl er keiner war. Bei uns gilt er als Jude, dabei war er keiner. Er hat es nur nie geleugnet, weil er ein großartiger Mensch war." Charlie Chaplin sei der Anfang gewesen. "Das Thema haben wir dann erst angefangen zu entwickeln."
So bedient sich Samuel Schwarz bei Chaplins Slapstick, zitiert das stummfilmhafte Spiel und die durchgehende Filmmusik. Mit ungewöhnlich unterhaltsamen Theatermitteln geht Samuel Schwarz dem Phänomen Antisemitismus nach. Mit verführerisch großer Showgeste hat Schwarz seine Inszenierung angesetzt, nach der guten alten Theater-Devise: Dezenz ist Schwäche. Der Lehrstückgestus der 60er Jahre ist weg. Das Stück klingt neu - durch einen simplen Trick: Amtssprache ist über weite Strecken Englisch.
Wie das Grauen zeigen?
Bei der Uraufführung 1961 war noch Kalter Krieg, die Geschichtsschreibung war noch schwarz-weiß. Die Schweiz war übrigens weiß. Eine zeitgemäße Interpretation war längst überfällig. Denn Antisemitismus ist auf dem Vormarsch. In der heutigen Zeit gebe es wieder einen globalen Antisemitismus, "eine richtige Internationale des Antisemitismus, die sich auch auf eine Hassstadt wie New York projiziert", meint Schwarz. "Die Anschläge des 11. September, oder auch Rechtsextreme, die New York als die Hure Babylon beschreiben. Mit den bekannten Vorurteilen, dass da die jüdische Finanzzentrale ist und all diese paranoiden Projektionen auf einen imaginären Feind."
Samuel Schwarz nutzt die Inszenierung zum kunsttheoretischen Diskurs. Wie zeigt man das Grauen in Zeiten von Abu Ghraib? Nachrichtenbilder, die an Obszönität kaum zu überbieten sind. Mit welchen Mitteln kann Kunst überhaupt noch schockieren? "Heute ist es viel schwieriger geworden auszudifferenzieren, wo Antisemitismus anfängt", sagt Schwarz. "Oder plötzlich redet man nicht mehr von der Auschwitz-Lüge. Oder man versucht das gar nicht mehr zu leugnen, sondern die Neo-Nazis sagen heute wieder: 'Nein, das war doch gut. Das war doch super.'"
Wie Hitler darstellen?
Wie stellt man eine Figur wie Hitler überhaupt dar? So wie Chaplin es tat oder so wie es im Film "Der Untergang" gerade geschehen ist? Laben wir uns an der Monstrosität, indem wir eine tolle schauspielerische Leistung loben? "Plötzlich kommt ein Joachim Fest, der Autor des Untergangs, der sagt, das ist gefährlich", erklärt Schwarz. "Chaplin hat einen ganz gefährlichen Hitler dargestellt. Nur Bruno Ganz hat es bis jetzt gut gemacht." Da werde wieder auf den Opfern herumgetrampelt, meint der Regisseur. "Dass man einen so großartigen Künstler wie Charlie Chaplin entwertet, indem man diesen Kitsch als großartig hinstellt und die Arschlöcher und die Psychopaten von super Schauspielern spielen lässt, was strukturell einfach falsch ist."
Samuel Schwarz zitierte das antisemitische Klischee vom Juden: Man darf hoffen, dass der Applaus bei der Premiere am 18. März in Basel der schauspielerischen Leistung galt. Genau so wird das Klischee salonfähig: Toll, wie er "den Juden" gespielt hat! Am Schluss hatte ein Dutzend Zuschauer genug von der Frischzellenkur und verließ den Saal. Der überwältigende Rest war begeistert. Dem schließen wir uns an.
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