Andorra revisited
Max Frischs Klassiker im Theater Basel
STEFAN KOSLOWSKI
Regisseur Samuel Schwarz sucht die grösstmögliche Distanz zu Frischs Antisemitismus-Parabel und kommt ihr so ganz nah. Die Aufführung bohrt sich tief unter die Haut.
Es könnte die Dekoration für eine Hochzeitsshow einer italienischen Fernsehstation sein. Ganz mit weissen Tüchern und Rüschen hat Chantal Wuhrmann die Bühne ausgeschlagen. Selbst die gerafften Vorhänge tanzen, wenn Stimmung angesagt ist. Mitten auf der Szenerie eine Venusmuschel, aus der Barblin in Bonbonrosa auftaucht. Und da ist ein hoch gereckter Hintern, in dessen Eingang zum Schluss des Abends eine weisse Fahne stecken wird. Durch die Show führt Wanda Wylowa als Senora, hochgestiefelt und in reizendem Dessous. Mit «A model is shown» eröffnet sie den Abend. Ganz Frischs Anmerkungen zum Stück folgend. Wir kennen sie aus dem Schulunterricht. Hier aber hören wir sie auf Englisch, der Bühnensprache des Abends.
Auch wer des Englischen nicht mächtig ist, kann dem Bühnengeschehen bestens folgen. Denn von Frisch abweichend, wird karikiert, was das Zeug hält. Als spielten sie die Rüpelszenen aus Shakespeares «Sommernachtstraum», geben Rahel Hubachers Barblin, Markus Merz (Pater und Doktor), Thomas Reisinger (Tischler und Jemand), vor allem aber Urs Jucker (Soldat und Geselle) und Martin Hug als Wirt dem Affen Zucker. In Stumm- und Trickfilmmanier leiht eine begeisternde Wanda Wylowa diesen Abziehfiguren ihre grossartige Stimme. Alle Dialoge sprechend, immer wieder auch singend und die grossen falschen Musicalgefühle beschwörend. Die entsprechenden Geräusche und Musikeinlagen liefert Michael Sauter vom Keyboard. Unterstützt wird er von Andri-Darsteller Sandro Tajouri, der dem Bühnengeschehen erst einmal zuschaut, bevor er selbst zu Gitarre und Mikrofon greift.
HITLERSCHNAUZ. Die Musik gefällt. Die Synchronisationsleistung verblüfft. Die Unterhaltungsmaschine läuft wie geschmiert. Bis Vincent Leitterstorf als hinkender Lehrer auf die Bühne poltert. Besoffen, wie üblich. Mit seinem Wahrheitsgejammer nervt er nicht nur die eigene Familie. Ein Ekelpaket und Spielverderber. Mit Hitlerschnauz.
Mit dem Auftritt des Lehrers ziehen Regisseur Samuel Schwarz und Team die Schrauben langsam an. Die Inszenierung verdichtet sich und schiebt sich unter die Fingernägel. Es ist nicht das «Juden-Problem» der Textvorlage, das schmerzt. Es ist die fein abgestimmte Vermengung kabarettistischer Elemente und clownesker Szenen mit der Zu- und Hinrichtung von Andri. Damit weichen Schwarz und Team durchaus von der kühl konstruierten Textvorlage ab, machen aber unsere Wunden wieder physisch spürbar.
Max Frisch hat eine Parabel geschrieben über Leute, die in ihren Köpfen vor allem Vorurteile herumtragen. Und darüber, wie sich einer, den Vorurteilen solcher Leute folgend, gedanklich neu konfiguriert. Sandro Tajouris Andri wirft sich tatsächlich einmal in die Pose des buckligen Bösewichts und röchelt wie Richard III. Doch er bricht die Übung selber ab. Alles Quatsch solche Rollenspiele, Kopfgeburten. In Samuel Schwarz’ Inszenierung ist es der Doktor, der bei der Ummodellierung von Andri ganz unzimperlich Hand anlegt. Er öffnet dessen Schädeldecke und büschelt die Gehirnwindungen neu. Zurück bleibt ein körperliches Wrack im Rollstuhl und mit der Reibeisenstimme eines Klischee-Richards. «Is it serious, doctor?», fragt die Mutter (Katja Jung), ein blondes Dummchen, das später gegen ihren Tyrannengemahl aufbegehren wird. «A little shop of horrors.»
STRAHLENKRANZ. Hinweg gefegt von beklemmenden Bildern, aufgeweicht von den wummernden Bässen der Musik, verlieren die einzelnen Worte und Handlungsschritte an Bedeutung. Schwer zu sagen, an welchen Stellen Samuel Schwarz den Text manipuliert hat. Ausgespart hat er auf jeden Fall diejenigen Szenen, bei denen Frisch einzelne Figuren des Stücks auftreten lässt, um ihre Unschuld zu beteuern. Statt dessen lässt Schwarz den Wirt über die laufende Aufführung Gericht halten. Martin Hug bellt wie ein Stammtischbruder in seinen Stumpen hinein. Nicht auf Englisch, sondern auf Schweizerdeutsch. Auch wenn kaum ein Wort verständlich ist, die Message ist klar. Seinem Urteil schlossen sich einige Zuschauer an und verliessen den Theatersaal.
Einzig in der letzten Szene des Stücks, nach dem tödlichen Abgang der Senora von der Bühne, rückt Schwarz das Geschehen ins Hier und Jetzt. Nazi-Embleme sind im Stroboskop-Geflacker erkennbar, der Showdown spielt sich am Rande einer rechtsradikalen Party ab. Inmitten der dicht gedrängten Bilderfolge finden Andri, sein inzwischen ebenfalls geschundener Vater und Barblin ein letztes Mal zusammen, vor einem hölzernen Strahlenkranz mit Heiligenschein.
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