«Andorra» als poppige TV-Show
In Basel ist eine eigenwillige, englisch gesprochene Inszenierung von Frischs berühmtem Stück zu sehen
Frisch ist in letzter Zeit mit «Homo Faber» und «Stiller» auf die Bühne gekommen. Samuel Schwarz hat nun «Andorra» neu gelesen und geht damit nicht weniger radikal um, als wenn auch er einen Roman dramatisiert hätte.
Die Bühne ist über und über mit weissen Tüchern drapiert, das Personal zunächst in Tücherhaufen eingerollt, aus einer weissen Muschel steigt ein Model (Wanda Wylowa) und erzählt auf Englisch von der «Andorra»-Uraufführung 1961 in Zürich. Und Englisch bleibt denn auch zu 97 Prozent die Sprache der Aufführung, die Frischs legendäres Stück in einem letzten provozierenden Aufzucken des ansonsten längst zu Grabe getragenen Dekonstruktivismus zu etwas ganz Neuem, Spektakulärem machen will.
«Wenn man ,Andorra‘ heute inszenieren will, braucht es eine Übersetzung in unsere Zeit», hat Samuel Schwarz, der Regisseur, in der Programmzeitung des Basler Theaters verkündet, und diese Übersetzung besteht abgesehen von der rein sprachlichen ins Englische ganz offenbar darin, Elemente des Musicals, des Comic-Strips, der Pop-Revue und der Rock-Oper für einen Text nutzbar zu machen, der sich dafür denkbar schlecht eignet. Schwarz hat das Ganze deshalb zu einer Art Bilderreigen umfunktoniert, der von jenem erwähnten Model, Senora genannt, wie in einer TV-Show kommentiert wird, während die Akteure die Szenen vielfach nur stumm und slapstickartig vorführen, bis nach der Hälfte der 140 Minuten Aufführungsdauer der Stil sich merklich wandelt und die Initiative ganz an das schauspielerische Personal übergeht, das das Stück in einer rasanten Steigerung ins Dramatische und Chaotische zu Ende spielt.
Kernhandlung bleibt
Doch, doch, es ist im Grunde schon die Geschichte dieses Andri (Sandro Tajouri), der ohne es zu wissen in seine Halbschwester Barblin (gespielt von der äusserst temperamentvollen und gelegentlich wahrhaft hinreissenden Rahel Hubacher) verliebt ist und durch den bigotten Lehrer (Vincent Leittersdorf), die verängstigte Mutter (Katja Jung), den exzentrischen Doktor (Markus Merz) und den brutalen Soldaten (Urs Jucker) dazu gebracht wird, sich als Jude zu fühlen, obwohl er das eigentlich gar nicht ist. Aber in den unzähligen zusätzlichen Einfällen, in der Umständlichkeit des Kybernetischen, im ständigen entnervenden Ausspielen des Kontrastes zwischen Flüstern und Schreien, in der satirischen Grundhaltung, die das ganze Arrangement schon allein von seiner Amerikanisierung beziehungsweise Hollywoodisierung her bekommt, kommen im Grunde die Feinheiten dieser Geschichte gar nicht erst zum Tragen und erlebt man einfach nur eine mit allen Mitteln der Repression und des Terrors durchgeführte, letztlich wenig plausible Strafaktion gegen einen unbotmässigen Einzelnen.
Von zwingender Gewalt
Zu fragen, was von Frischs Stück beziehungsweise von seinem Text da noch geblieben ist, mutet schon fast tollkühn an, und das Fazit der Inszenierung, die vor allem auch dank der Musik von Raphael Urweider immer wieder Stellen von bezwingender Gewalt und mitreissendem Drive aufweist, muss wohl lauten, dass sich da eine junge, eigenwillige Crew auf ein Stück eingelassen hat, das sich ihrer Art des Zugangs wohl eher verschliesst, immerhin aber die Mechanismen von Gewalt und Repression auch dann noch erkennbar macht, wenn von seinem fein austarierten, sorgfältig komponierten und formulierten Angebot nur noch das Skelett beziehungsweise der Plot übrig gelassen wird.
Charles Linsmayer
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