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"ANDORRA" -BERNER ZEITUNG, 21.3.2005

Das wüste Spiel der Ausgrenzung
Deftig, englisch und verunsichernd: Samuel Schwarz presst Max Frischs «Andorra» durch den Zeitgeistfilter.

Das vornehmlich jüngere Publikum zeigt sich begeistert, jubelt, spendet heftigen Applaus. Etwas über zwei Stunden Theater hat es im Zuschauerraum der Kleinen Bühne des Theaters Basel hinter sich gebracht. Es hat comicartig überzeichnete, komische, deftige und wüst-brutale Szenen erlebt, es wohnte einem Theaterabend bei, der rockte und rollte. Das Stück heisst «Andorra» und ist von Max Frisch.

Sprache und Sprachlosigkeit

Ausgerechnet «Andorra», dieser Bühnenklassiker aus den Sechzigerjahren, der nach Hunderttausenden von Schulstunden und Deutschprüfungen eine zentimeterdicke Kruste aus Staub und Schweiss angesetzt hat: ein hochmoralisches, episches Lehrstück, das so ganz und gar nicht in die von ironischer Distanz geprägte Theatergegenwart passt. Ein Stück, dass allein schon durch die Personenliste ? Tischler, Wirt, Soldat, Lehrer, Doktor, Pater ? recht plakativ daherkommt. «Soll man ?Andorra? heute noch spielen?», fragt Dramaturg Matthias Günther in der Hauszeitung des Theaters, und gibt gleich zur Antwort: «Es gibt mehr Gründe, es nicht zu spielen, als es zu spielen.»

Und trotzdem spielt man es, wenn auch ganz anders, als man dies aus x alten Aufführungen gewohnt ist. Zum guten Glück, denn die Geschichte des vermeintlichen Juden Andri, der von der bedrohten Gesellschaft des Modell-Andorras ausgegrenzt, verstossen und schliesslich getötet wird, ist dem Zeitgeschehen der späten 50er-Jahre entsprungen. Auch wenn Fremdenhass und Antisemitismus nach wie vor natürlich brisant-aktuelle Themen sind, braucht die Geschichte eine Übersetzung in die heutige Zeit. «Andorra» auf der Kleinen Bühne kommt als eine Mischung zwischen Musical, Cartoon und Volksstück, als ein Konglomerat aus Hirschhorn- artiger Performance, Stummfilmparodie und David-Lynch-Filmspiel daher. Und wenn man sich schon ans Übersetzen macht, dann gleich richtig. So wird auf der Bühne vornehmlich englisch gesprochen ? zumindest von den Figuren, die im Stück wirklich etwas zu sagen haben: Andri (Sandro Tajouru), der Lehrer (Vincent Leittersdorf), die Señora (Wanda Wylowa). Das restliche Personal, vom tumben Soldaten (Urs Jucker) bis zu Andris Geliebter Barblin (Rahel Hubacher), ist der eigenen Sprachfähigkeit beraubt, sodass ihm die als souveräne Impressaria auftretende Señora Sprech- und Singstimme verleihen muss. Ausnahme ist der trottelige Wirt (Martin Hug), der als eine Art Narr seine ablehnenden Kommentare zum Geschehen, zum Stück und zur Inszenierung auf Schweizerdeutsch am riesigen Stumpen vorbeinuschelt. «Andorra» in Basel ist weniger ein Stück über den Ausgestossenen als eine Beschäftigung mit dem Kleingeist der Menschen, die vom globalisierten gesellschaftlichen Rahmen, der sie umgibt, gnadenlos überfordert werden. Keine Mühe mit dieser modernen Welt hat der Zeitgeisttyp Andri, der dadurch mehr und mehr als Zerstörer der geliebten Traditionen empfunden wird. Der Soldat kann sich nur mit roher Gewalt gegen die arrogant ausgespielte geistige Überlegenheit Andris wehren. Der «Jew» (Jude) stört die alte Ordnung, der «Jew» muss weg. «Andorra» buddelt in der braun-schwarzen Erde, aus der Fremdenhass und Ausgrenzung spriesst. Der junge Berner Regisseur Samuel Schwarz rührt dabei mit der grossen Kelle an. Er gebärdet sich ein bisschen als Stück- zertrümmerer, Kleinbürgerpoet, Provinz-Castorf und Marthaler-Jünger. Und er stellt sich dabei nicht ungeschickt an, in einigen Momenten vermag das Ganze richtiggehend zu packen.

Frisch bleibt erkennbar

Das Erstaunliche an diesem Abend, der fulminant beginnt, gegen Schluss aber mehr und mehr zu zerfleddern droht, ist, dass Frischs «Andorra» durchaus erkennbar und verständlich bleibt, allerdings nur für diejenigen, die mindestens über mittlere Englischkenntnisse verfügen. Das Theater Basel verzichtet auf Untertitel, lediglich einen Beipackzettel mit der deutschen Beschreibung der Handlung gibt es. Dadurch passiert dem ambitiösen Theaterabend leider etwas, das er eigentlich anprangeren will: Er grenzt aus.


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