Play it again, Max?
Samuel Schwarz globalisiert «Andorra» am Theater Basel
Ganz ohne äusseren Gedenkzwang ist in dieser Spielzeit zwischen Basel und Zürich eine erstaunliche Frisch-Revival-Stafette im Gange. Nach dem eher trägen Basler «Stiller» legte Zürich mit einem überraschend frischen «Homo faber» nach, der prompt zum Berliner Theatertreffen eingeladen wurde. Nach diesen Romanbearbeitungen kommt jetzt in Basel mit «Andorra» Frischs seit den siebziger Jahren auf grossen Bühnen kaum mehr gespielter Welterfolg auf die Bretter. Wenn man das Stück dem 400-asa-Regisseur Samuel Schwarz anvertraut, darf man voraussetzen, dass uns etwas ziemlich anderes erwartet als penible Werktreue. Das kann bei einem so bekannten Stoff ja durchaus spannend sein. Play it again, Max?
Und in der Tat, der Regisseur will das modellhafte Lehrstück über Vorurteile und Antisemitismus kräftig durchlüften und lässt es zur Verfremdung fast bis zum Schluss auf Englisch spielen. Böhmen liegt bekanntlich am Meer und Andorra anscheinend in New York, genauer auf einer tücherverhangenen, kitschweissen Revuebühne. Aus der weissen Riesenmuschel entsteigt, wie die Venus bei Botticelli, ein Revuegirl in weisser Corsage und kniehoch weissen Stiefeln. Das Girl entpuppt sich als Erzählerin, die nicht nur Frischs Anmerkungen zum Stück verliest, sondern auch allen Spielern per Mikroport die Stimme leiht. Wie synchronisierte Comicfiguren hampeln die Playback-Gestalten über die Bühne, knallen sich mit entsprechender Sound-Unterstützung Bratpfannen über den Kopf oder Tabletts ins Gesicht und stecken allerlei sexuell konnotierte Utensilien in den grossen nackten Frauenhintern, der die Bühne ziert (Bühne Chantal Wuhrmann, Kostüme Esther Schmid).
Das ist, geben wir's ruhig zu, die erste halbe Stunde hochvergnüglich und macht neugierig darauf, wie der freche Zugriff wohl durchgehalten wird. Fabelhaft künstlich wirkt Wanda Wylowa als agile Erzählerin, die sich später als die Señora erweisen wird. Poetische Passagen werden zu Songs umgemodelt wie im Musical (Musik Raphael Urweider, Michael Sauter), und Andri (Sandro Tajouri) gibt gekonnt den jungen trotzigen Singer/Songwriter. Der Pater (Markus Merz) im Freizeitlook hat immer den Golfschläger mit dabei und tupft sich den Geifer mit einer Slipeinlage von den Lippen. Und dass ausgerechnet der Lehrer (Vincent Leittersdorf) mit Hitler-Fratze erscheint, soll uns wohl sagen, nein: zubrüllen, dass Hitler nicht irgendwo da draussen, sondern potenziell in uns selber steckt. Je länger aber der über zweistündige, pausenlose Abend dauert, umso mehr verliert er jede Konsistenz und wirkt beliebig. Monty Python meets - ja wen denn eigentlich: Frisch? Freud? Marx? Mickey Mouse?
Fragte man den Regisseur selber, würde er wohl wie vor zwei Jahren, als er sich hier ähnlich energisch Lessings «Miss Sara Sampson» annahm, etwas von der verdrängten Triebstruktur erzählen, die er aus dem Werk herauskitzeln wolle. Von der Doppelnatur faschistisch-antisemitischer Ideologie wohl, die Sexualität unterdrückt und gleichzeitig ihre Politpropaganda hochgradig sexualisiert. Das muss nicht falsch sein. Wenn wir aber auf die Bühne schauen, dann sehen wir, dass den Figuren, wenn's ernst werden sollte, jeder Boden, jede Kraft und Überzeugung fehlt. Wie erzeugt man Tragik, wenn man dem Personal bereits jede Ernsthaftigkeit ausgetrieben hat? Vielleicht, indem man die Effekte steigert? Der Doktor verteilt grosszügig Elektroschocks und bohrt Andri mit der Bohrmaschine die Augen aus. Die Kreissägen überkreischen den Text. Barblin bekommt eine «weisse Rose» - aha - angesteckt. Dem Opfer wird ein Palästinensertuch übergestülpt. Man verhöhnt Bruno Ganz, wohl wegen seiner Filmrolle in «Der Untergang». Und wie oft im Theater, wenn einem gar nichts mehr einfällt, fehlt auch das Stroboskop-Gewitter nicht.
Der Abend hat allerdings auch zwei kabarettistische, selbstreferenzielle Höhepunkte. Martin Hug schleppt als Wirt den Pfahl auf die Bühne, versucht auf hundert Arten, darauf einen Ball und ein Schild zu befestigen, es geht einfach nicht. Das kann man durchaus als selbstironische Metapher für den ganzen Abend lesen. Später wird er an die Rampe treten und - quasi als Ersatz für die gestrichenen Auftritte aller Figuren vor der Zeugenschranke - seinen Unmut über diese «Scheissinszenierung» ins Parkett absondern: «Ich bin nicht schuld.» - Wir aber wollen Samuel Schwarz weiterhin für ein Genie halten. Er ist ein Spezialist für Stücke, die er nicht mag. Und was auch immer man ihm in die Hand drückt, ihm fällt dazu was ein. Vielleicht nächstes Mal das Telefonbuch?
Alfred Schlienger
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