Revue, Musical und Zombie-Soap
Samuel Schwarz inszeniert in Basel «Andorra» von Max Frisch. Ein Verwirrspiel auf Englisch. Und ein Lehrstück über den Theaterbetrieb.
Von Urs Strässle
Regisseur Samuel Schwarz und seine künstlerischen Weggefährten der Gruppe 400asa haben ein Faible für die sinistre Welt der Zombies und eine grosse Lust am Sezieren und neu Zusammennähen von Bühnenklassikern. In ihrem Werkverzeichnis finden sich deshalb Stücke wie «Zombies - Herbst der Untoten», «Hob(b)y Hamlet» oder Lessings «Miss Sara Sampson» einträchtig nebeneinander. Letzteres hatte der 34-jährige Schwarz, im Dezember 2002 nach der politischen Groteske «Meienbergs Tod» (2001) als zweite Arbeit für das Theater Basel inszeniert. Jetzt folgt an gleicher Stätte auf der Kleinen Bühne der dritte Streich: Max Frischs Schultheater-Renner «Andorra», von Schwarz zu einem theatralen Hybrid aus Fantasy-Trash und theatraler Reflexion aufgebläht. Das jugendliche Publikum dankte es mit lautstarkem Beifall.
Geballter Witz
Was Schwarz mit dem in der Tradition brechtscher Lehrstücke stehenden Antisemitismus-Parabel während des gut zweistündigen Theaterabends anstellt, veranschaulicht eine Szene zum Schluss der Aufführung. Die Schauspieler, nunmehr Bühnenarbeiter, räumen auf, setzen die ganz von weissem Stoff behängte Bühne in den ursprünglichen Zustand der Unschuld zurück (Bühne: Chantal Wuhrmann) und posieren für ein Gruppenbild. Sie tragen T-Shirts, auf denen - weiss auf rot - in zufälliger Reihenfolge zu lesen ist: «Bruno, Ganz, Gans, Frisch, nicht mehr, gestrichen». - Mag sich einen Reim drauf machen, wer kann. Man versuchts.
Das Bild hat - wie Frischs ganzes Stück - Modellcharakter. Es steht für ein Verfahren, das Schwarz mit geballtem Witz, der provokativen Boshaftigkeit des Bilderstürmers und der exzessiven Lust an der Persiflage am «Andorra»-Stoff durchexerziert. In hohem Tempo jagt er ein Ensemble in bester Spiellaune durch ein ganzes Panoptikum theatraler Formen: Was sehr vergnüglich als szenische Stummfilmparodie mit Slapstickeinlagen beginnt, mutiert mal zur Revue, mal zum Musical und dann zunehmend zu einer Art Zombie-Soap. Die Schauspieler fallen oft und gerne aus der Rolle, fluchen gut helvetisch vor sich hin, spielen Probe, stänkern über ein Spiel, das keiner versteht, und machen das Publikum zum Idioten aus Frischs Stück, der nur grinst und nickt.
Man kennt diese Formen der Distanzierung und Verfremdung in den Arbeiten von Schwarz. Selten aber wurden sie so akribisch durchgespielt wie in seiner «Andorra»-Dekonstruktion. Das beginnt mit dem Text, der grösstenteils ins Englische übertragen wurde, setzt sich fort in den Figuren, die Schwarz systematisch überdeterminiert: Der Lehrer (Vincent Lettersdorf), der Andri zu dem macht, was er nie gewesen ist, ein Jude, erscheint als alkoholisiertes Hitler-Double im Dandy-Look. Der Schreiner (Thomas Reisinger) gibt auch den Chaplin, der Doktor ist ein Frankenstein, die namenlose Mutter Andris heisst Lilith, wie das dämonische Pendant der biblischen Eva. Und das Opfer Andri (Sandro Tajouri) verwandelt sich zu einer Mumie, die wie aus dem Jenseits spricht.
Paranoide Projektionen
Diese Zwitterfiguren entstammen den seltsamen Gothic Novels des amerikanischen Autors H. P. Lovecraft, die Schwarz als Negativ den Figuren Frischs unterlegt. Lovecraft war bekennender Rassist, und seine Geschichten sind paranoide Projektionen, die dem geistigen Urschlamm eines verwirrten Modernisierungsopfers entstiegen sind. Von Schmatzgeräuschen begleitet, erheben sich zu Beginn des Stücks die Figuren wie aus imaginärem Schleim. So etwas nennt sich dann wohl gegen den Strich bürsten. Das macht hier durchaus Sinn. Schwarz liest Frischs «Andorra» nämlich als «eine Geschichte von Projektionen», als «selbsterfüllende Prophezeiung», welche die Wirklichkeit erst Wahn werden lässt.
Dieser Determinismus fällt bei Schwarz maliziöserweise auch auf Frisch zurück. Hat dieser - so die ketzerische Frage - mit «Andorra» nicht ein Modell präjudiziert, das von der Theatermaschinerie wieder und wieder auf die Wirklichkeit abgebildet wird und im Juden Andri auch einen Palästinenser erkennen kann? - Die Frage markiert den Übergang zur Karikatur. Und die sieht bei Schwarz so aus: «Ich hett do no en Idee», sagt der Hirschgeweih-bewehrte Regisseur (Achtung: Kurt-Hirschfeld-Anspielung), als er Andri, eine geschundene Mumie mit blutgetränkten Bandagen, zum letzten Monolog im Rollstuhl drapiert. Und ihm das Palästinensertuch umhängt. Das ist zwar recht giftig, aber eben auch nur Modell. Eine Art Lehrstück über den Theaterbetrieb. Zweifellos akrobatisch gemacht, aber letztlich im Leeren drehend.
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