PRESSEARCHIV

"B." - TAGESANZEIGER, 2.4.2004

Die verlorene Ehre des Silvano B.

Silvano Beltrametti ist über ein Theaterstück, in dem er die Hauptfigur abgibt, schockiert. Die ebenso gelähmte Politikerin Thea Mauchle empfiehlt ihm einen Besuch des Theaters.

Die Theaterschaffenden werden jetzt dafür gerügt, dass sie es unterlassen hätten, den berühmten Ex-Skirennfahrer vorher anzufragen, ob es ihm denn genehm sei, wenn sie den um ihn herum veranstalteten Medienrummel ein bisschen satirisch verzerren würden. Die Meldung, dass sich Beltrametti ehrverletzt fühle, scheint eine moralische Verurteilung des Stücks diskussionslos zu legitimieren.

Erinnern wir uns: Der Unfall des «Hoffnungsträgers» am 8. Dezember 2001 hatte die ganze Schweiz bestürzt, und man verlangte unentwegt nach Neuigkeiten. Das Publikum wollte alles über sein Befinden wissen, Röntgenbilder sehen und regelmässige Statements vom Paraplegikerarzt Dr. Guido A. Zäch hören. Anstatt sich zur Bewältigung seiner biografischen Katastrophe aus der Öffentlichkeit zurückzuziehen, liess Beltrametti immer wiederverlauten, vielleicht um das Publikum zu trösten: Seht her, alles halb so schlimm, bin immer noch euer «Sile», der sich zusammenreissen kann, damit ihr euch keine Sorgen mehr um mich machen müsst!

Bereits ein Jahr nach seinem Unfall durften wir anlässlich eines Dokumentarfilms von SF DRS minuziös die Verwandlung des Spitzensportlers in einen Rollstuhlfahrer nacherleben. Silvano Beltrametti gibt darin auf jede erdenkliche Frage irgendeine Antwort und gilt fortan als Musterparaplegiker. Wir übrigen Querschnittgelähmten hätten uns an ihm ein Beispiel nehmen sollen, weil der leidgeprüfte Liebling der Skination überhaupt nicht mit seinem Schicksal haderte, sondern im Gegenteil, die Rehabilitation als «härtestes Trainingslager seines Lebens» bezeichnete und in Rekordzeit hinter sich brachte.

Das zächsche Imperium in Nottwil profitierte von seiner Prominenz genauso wie das Schweizer Fernsehen, dem die Ausstrahlung des Dokumentarfilms gigantische Einschaltquoten bescherte.

Der Lächerlichkeit preisgegeben wurde Beltrametti jedoch nicht durch die Theaterschaffenden, sondern durch die Macher des Dokumentarfilms, welche ihn und sein Umfeld ins grellste Rampenlicht zerrten und ihn neben Auskünften zu seinem Seelenleben auch Einzelheiten über Muskelreflexe sowie Blasen-, und Sexualfunktionen seines verletzten Körpers zum Besten geben liessen. Aus eigener Erfahrung weiss ich, dass sich im Laufe der Jahre nach der Rehabilitation eine andere Sichtweise einstellt und die Betroffenen vorsichtiger abwägen, was sie darüber mitteilen und was sie lieber für sich behalten wollen.

Tragisch an Beltramettis Geschichte ist eigentlich, dass er gemeint hat, mit seiner redlichen Offenheit auch Aufklärungsarbeit zu leisten. Ebenso bereitwillig wie den Medien stellte er sich Anfang 2003 als Zugpferd der Abstimmungskampagne für die Behinderten-Initiative zur Verfügung. Wir politisch engagierten Behinderten hofften, dass die intensive Anteilnahme an seinem Schicksal auch auf uns überspringen würde. Oder wenigstens die Einsicht bringe, dass unsere Bewegungsfreiheit immer noch enorm eingeschränkt ist und der Schrecken einer Behinderung nicht im Gebrauch von Kathetern oder Rollstühlen liegt, sondern in der von Hindernissen überstellten und für Behinderte unzugänglichen Öffentlichkeit.

Doch das gleiche Volk, welches wegen Beltrametti nicht genug Tränen vergiessen und nicht genug Informationen über sein paraplegisches Sexualleben kriegen konnte, scherte sich am 18. Mai 2003 einen Dreck darum, ob er die Post, das Kino, die Schule oder den öffentlichen Verkehr noch benutzen konnte, es verwarf die Initiative an der Urne in hohem Bogen.

Schonungslos entlarvt das Theater den Widerspruch zwischen rührseliger Mitleidsbekundung und politischer Gleichgültigkeit, die Behinderten entgegengebracht wird. Zielscheibe der Kritik ist gewiss nicht der reale Beltrametti oder generell Menschen mit einer Behinderung, sondern das multimediale Drama, dessen Inszenierung Beltrametti als Protagonist erst ermöglicht hat und mit welchem auch rundum eifrig Geld verdient wurde. Die Figur B. wird im Theaterstück als naives und argloses Opfer der Medien dargestellt, das die Gesellschaft dafür entschuldigt, dass sie, anstatt Treppenstufen abzubauen, ihm zujubelt, weil er «im Rollstuhl immer noch wie ein Sportler denkt» (und fair verlieren kann?). Ob Beltrametti dieses Opfer auch in Wirklichkeit ist, muss er selber wissen. Zur Beurteilung dieser Frage könnte ihm ein Besuch des Theaterstückes helfen, allerdings müsste er dann gut darauf vorbereitet und vor einem bösen Erwachen gewarnt werden: Welcome to the Club!

Thea Mauchle

 


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