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Mehr Licht!
Theatergruppe 400 ASA kokettiert mit dem Nichts
Die Realsatiriker des Theaters, 400 ASA, sind in den Untergrund
gegangen, das heisst zum Schweizer Film. Ab sofort existieren
sie nicht mehr als Theater-, sondern als Filmschaffende, die das
Schweizer Kino international rehabilitieren wollen. Dieses Vorhaben
initiierten sie am Donnerstag mit einer sogenannten Pressekonferenz
in der Roten Fabrik; sie war der Auftakt zum neuen Langzeitprojekt
«Die letzte Chance».
Am Anfang war . . . - falsch: dunkel war's! Verlorene Nachtschwärze
im Universum, ein paar blöde Funzellichter von einer Milchstrasse,
die hier Seestrasse heisst: Die wilden Theaterhunde von 400 ASA
- Philipp Stengele, Samuel Schwarz & Co - haben eingeladen,
doch wer damit rechnet, dass sie vor ihrem Publikum Männchen
machen, weiss nicht, wen er vor sich hat. Oder vor sich hätte,
wenn man sie denn zu Gesicht bekäme, diese Anarcho-Mineure
und -Sprengmeister des bürgerlichen Theaters, die auf die
Kraft der enttäuschten Erwartungen setzen. Am Donnerstag
in der Roten Fabrik jedenfalls glänzten sie durch Abwesenheit
und wären - man darf es glauben, weil es auf einem Zettel
geschrieben stand - nach dem als «Pressekonferenz»
affichierten Hörstück auf der gegenüberliegenden
Strassenseite anzutreffen gewesen: an der Bar eines Bordells.
Vom Projektieren des Projekts
400 ASA können ihre Zuseher schon einmal zu Zuhörern
machen und vollständig im Dunklen sitzen lassen (Euripides'
«Bakchen») oder aber (wie am Donnerstag) im Halbdunklen
ganz woanders sein, als man gemeinhin annimmt. Dass sie seit Anbeginn
ihrer Tage die Guckkastenbühne abgeschafft haben, ist zwar
nicht ihre Errungenschaft; dass sie sich nun aber selber auflösen,
das wohl. Natürlich tun sie das mit höherem Ziel und
Zweck: 400 ASA erfindet sich als Filmproduktion neu und gibt vor,
den Schweizer Film vor dem Aussterben retten zu wollen. An Stelle
einer Theateraufführung sollte als erste Staffel eine Pressekonferenz
treten, an der 400 ASA ihre Visionen dazu vorstellen würde.
So weit, so papieren, Konzept und schöne Worte. Sechs Staffeln,
sechs Geschichten aus der Filmbranche in theatraler und filmischer
Form sind versprochen in der Dauer von Dezember (in der Roten
Fabrik) bis April (Gessnerallee) - und wenn sich das Ganze dann
auch noch vermarkten, das heisst in ein kommerzielles Kinoprogramm
einschleusen lässt, dann, ja dann wird man sehen. Davon,
zu sehen, gibt es bis heute nichts.
Der geheimnisvolle Fremde
Hauptanziehungspunkt der sogenannten Pressekonferenz nämlich
waren die Radiatoren. Dort war's zumindest warm und wie gemacht,
um in seliger Champagner-Laune wegzudämmern. Der übrige
Raum blieb leer bis auf ein Buffet mit gefüllten Gläsern,
einem Sack Erdnüsse und bedeutungsschweren Marionetten -
und die aus dem Off drohende Stimme in englischer Sprache, die
wiederholt mit Erschiessung (oder fast) der Anwesenden drohte,
falls die sich weigerten, sich mit dem Fusel zu «relaxen».
Die Stimme gab sich als ein obskurer «Cutter» aus,
der indes über eine bestechende Logik verfügte: «Ich
seh euch nicht / aber ich weiss, dass ihr da seid / sonst würdet
ihr mich ja nicht hören.» 400 ASA gaben «Warten
auf Godot», derweilen eine dunkle Schönheit die Fenster
verdunkelte und wieder öffnete, verdunkelte und wieder .
. . Und wer es nach 30 Minuten (am Ende der «Pressekonferenz»)
noch immer nicht begriffen hatte, dass wir unser eigenes Theater
sind, dem ist nicht mehr zu helfen. 400 ASA wird sich einiges
einfallen lassen müssen, damit ihr selbstreferenzielles Meta-Theater
nicht vor allem nur Papier produziert. Das nämlich können
andere besser.
Daniele Muscionico
(...) Im Übrigen geht die Show weiter auf www.400asa.com
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