PRESSEARCHIV

DIE LETZTE CHANCE- NZZ, 3.12.2005

Mehr Licht!

Theatergruppe 400 ASA kokettiert mit dem Nichts

Die Realsatiriker des Theaters, 400 ASA, sind in den Untergrund gegangen, das heisst zum Schweizer Film. Ab sofort existieren sie nicht mehr als Theater-, sondern als Filmschaffende, die das Schweizer Kino international rehabilitieren wollen. Dieses Vorhaben initiierten sie am Donnerstag mit einer sogenannten Pressekonferenz in der Roten Fabrik; sie war der Auftakt zum neuen Langzeitprojekt «Die letzte Chance».

Am Anfang war . . . - falsch: dunkel war's! Verlorene Nachtschwärze im Universum, ein paar blöde Funzellichter von einer Milchstrasse, die hier Seestrasse heisst: Die wilden Theaterhunde von 400 ASA - Philipp Stengele, Samuel Schwarz & Co - haben eingeladen, doch wer damit rechnet, dass sie vor ihrem Publikum Männchen machen, weiss nicht, wen er vor sich hat. Oder vor sich hätte, wenn man sie denn zu Gesicht bekäme, diese Anarcho-Mineure und -Sprengmeister des bürgerlichen Theaters, die auf die Kraft der enttäuschten Erwartungen setzen. Am Donnerstag in der Roten Fabrik jedenfalls glänzten sie durch Abwesenheit und wären - man darf es glauben, weil es auf einem Zettel geschrieben stand - nach dem als «Pressekonferenz» affichierten Hörstück auf der gegenüberliegenden Strassenseite anzutreffen gewesen: an der Bar eines Bordells.

Vom Projektieren des Projekts

400 ASA können ihre Zuseher schon einmal zu Zuhörern machen und vollständig im Dunklen sitzen lassen (Euripides' «Bakchen») oder aber (wie am Donnerstag) im Halbdunklen ganz woanders sein, als man gemeinhin annimmt. Dass sie seit Anbeginn ihrer Tage die Guckkastenbühne abgeschafft haben, ist zwar nicht ihre Errungenschaft; dass sie sich nun aber selber auflösen, das wohl. Natürlich tun sie das mit höherem Ziel und Zweck: 400 ASA erfindet sich als Filmproduktion neu und gibt vor, den Schweizer Film vor dem Aussterben retten zu wollen. An Stelle einer Theateraufführung sollte als erste Staffel eine Pressekonferenz treten, an der 400 ASA ihre Visionen dazu vorstellen würde.

So weit, so papieren, Konzept und schöne Worte. Sechs Staffeln, sechs Geschichten aus der Filmbranche in theatraler und filmischer Form sind versprochen in der Dauer von Dezember (in der Roten Fabrik) bis April (Gessnerallee) - und wenn sich das Ganze dann auch noch vermarkten, das heisst in ein kommerzielles Kinoprogramm einschleusen lässt, dann, ja dann wird man sehen. Davon, zu sehen, gibt es bis heute nichts.

Der geheimnisvolle Fremde

Hauptanziehungspunkt der sogenannten Pressekonferenz nämlich waren die Radiatoren. Dort war's zumindest warm und wie gemacht, um in seliger Champagner-Laune wegzudämmern. Der übrige Raum blieb leer bis auf ein Buffet mit gefüllten Gläsern, einem Sack Erdnüsse und bedeutungsschweren Marionetten - und die aus dem Off drohende Stimme in englischer Sprache, die wiederholt mit Erschiessung (oder fast) der Anwesenden drohte, falls die sich weigerten, sich mit dem Fusel zu «relaxen». Die Stimme gab sich als ein obskurer «Cutter» aus, der indes über eine bestechende Logik verfügte: «Ich seh euch nicht / aber ich weiss, dass ihr da seid / sonst würdet ihr mich ja nicht hören.» 400 ASA gaben «Warten auf Godot», derweilen eine dunkle Schönheit die Fenster verdunkelte und wieder öffnete, verdunkelte und wieder . . . Und wer es nach 30 Minuten (am Ende der «Pressekonferenz») noch immer nicht begriffen hatte, dass wir unser eigenes Theater sind, dem ist nicht mehr zu helfen. 400 ASA wird sich einiges einfallen lassen müssen, damit ihr selbstreferenzielles Meta-Theater nicht vor allem nur Papier produziert. Das nämlich können andere besser.

Daniele Muscionico

(...) Im Übrigen geht die Show weiter auf www.400asa.com

 


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