PRESSEARCHIV

DIE LETZTE CHANCE- Tagesanzeiger, Zueritipp, 30.11.2005
Genug theäterlet

400asa mischt neuerdings in der Schweizer Kulturpolitik mit und kämpft für mehr Qualität im Filmschaffen. Am Anfang des zweijährigen Laborprojektes steht eine Pressekonferenz in der Roten Fabrik.

Von Charlotte Staehelin

Mittelmass, wohin das Auge reicht. Mehrheitsfähige Kompromisse, seichte, politisch korrekte Drehbücher, ein einengendes Primat von Technik und Drehplan, Regisseure mit Furcht vor dem Theater und ein übermächtiges Fernsehen, das auch die Kriterien für die Kinospielfilme dominiert. So beurteilt die freie Gruppe 400asa das aktuelle Schweizer Filmschaffen.
Schmerzlich vermisst werden mächtige Frauen auf den Filmsets, der Ensemblefilm sowie die kreative Energie, die sich bei engagierter szenischer Arbeit zwischen Regie und Spielenden entwickelt.

Schwarz' schwarze Kugel

Und so stellt sich die polemische Frage: Weshalb will dieses Land keine guten Filme? Gute Filme sind für 400asa schmutzige Filme, welche diffuse Ängste und Neurosen schonungslos thematisieren. «Niemand schaut in diesem Land in die schwarze Kugel der Angst», moniert Regisseur Samuel Schwarz.
Doch wenn man da nicht hinsehe, komme man nicht weiter. Wagemutig macht sich 400asa auf, das Fürchten zu lernen. Für zwei Jahre verlässt die Gruppe ihre Theaterstammlande und begibt sich in die Hölle des untersubventionierten Filmschaffens. Um den Graben zwischen Film und Theater aufzuschütten, die Synergien zu nutzen und neue, effektive Produktionsformen zu entwickeln. Der erste Schritt wird an einer Pressekonferenz in der Roten Fabrik gemacht.

Fünf unterschiedliche Filmstoffe haben Barbara Teerporten-Maurer, Wanda Wylowa, Urs Bräm, Michael Sauter, Samuel Schwarz und Philipp Stengele kreiert, die über mehrere Staffeln hinweg entwickelt und der Öffentlichkeit vorgestellt werden sollen. Die Themen wurzeln im Filmbusiness, im Filz, den Dramen und alltäglichen Tragödien der Regisseure, Drehbuchautorinnen, Produzenten und (unbegabten) TV-Redaktorinnen. So heftet sich etwa Wanda Wylowa als kleine Detektivin an die Fersen zweier Regisseure der 68er-Generation, die vor wenigen Jahren einen mutmasslichen Mörder mit zwei Filmen gedeckt und reingewaschen haben.

Dokumentation des Gescheiterten

Alle fünf Arbeiten werden vom Schmerz gespiesen. Vom Neid und dem erbitterten Überlebenskampf, der das Schweizer Filmschaffen prägt. Die Projekte werden ordentlich beim Bundesamt für Kultur (BAK) eingereicht, das Schicksal der Anfragen wird im Internet dokumentiert und fliesst in die konkrete Arbeit ein.

Flankierend arbeitet der Historiker Christoph Kohler an einer Recherche zu gescheiterten Filmprojekten. Filmproduzenten sind aufgerufen,Materialien zu Projekten einzureichen, welche die Hürde der Finanzierung nicht geschafft haben, langsam ausgeblutet sind oder inhaltlich zensuriert wurden. Ausserdem initiiert 400asa für Künstlerinnen mit einschlägiger TV-Film-Erfahrung eine «IG besserer TV-Film». Und offeriert als Zückerchen auf der Homepage über Podcast und Videoblog kleine, extrablöde Comedy-Stücke zum Thema, welche in der seriösen Recherche keinen Platz finden und doch ein Ventil brauchen.


400asa-Bildrätsel: Die Kugel der Angst? Ein Versuchsballon? Oder ein Sack voll sackguter Filmideen?

 


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