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Von der Bühne zum Film
In einem zweijährigen Projekt will die Theatergruppe 400asa
den Schweizer Film aufmischen. Der Auftakt findet in der Roten
Fabrik statt.
Von Charlotte Staehelin
Geduld muss haben, wer zum Film will. Bis die gewünschte
Qualität erreicht ist, generiert ein Dreh Leerläufe
und unvorhersehbare Wartezeiten. Geduld muss auch haben, wer zu
400asa will. Erst weit nach der angesagten Zeit geben die schweren
Türen den Weg frei in den Limbus, wo die Truppe ihr Publikum
zur Pressekonferenz lädt. Durch kalten Beton geht es bei
flackerndem Neonlicht zu den Proberäumlichkeiten des Fabriktheaters.
Angenehm warm ist es da, gefüllte Sektgläser laden zum
Trunk, ein gehörnter Tierschädel, Disteln und ausgebleichte
Chrysanthemen verbreiten einen morbiden Charme.
Verlorene Seelen
So wandeln die ungetauften Zuschauerseelen zu dezenten elektronischen
Musikschlaufen in andächtiger Ratlosigkeit durch den Raum,
bestaunen im Zwielicht prächtig gefertigte Puppenköpfe,
die zwischen dermatologischen Lehrbüchern, Farbe und Pinseln
an Stäben in Flaschenhälsen stecken. Und suchen in der
aufliegenden Pressemitteilung nach Erbauung. 400asa löse
sich als Theatergruppe auf und wandle sich zur Filmproduktion,
heisst es da. Mit dem Ziel, «das Schweizer Filmschaffen
international wieder auf die Beine zu stellen, es von seiner für
moderne Menschen schwer erträglichen Provinzialität
zu befreien».
Nach sieben viel beachteten Theaterjahren setzt das stark im
Kollektiv arbeitende Team an zu einem Höllenritt durch die
raue Welt des Schweizer Films. Über zwei Jahre hinweg sollen
fünf Filmstoffe entwickelt und produziert werden. Mehr als
die Titel - wie zum Beispiel «Tell. Terrorist» (Regie:
Philipp Stengele) oder «Der Üetlibergmörder»
(Regie: Wanda Wylowa) - erfährt man an der Eröffnungs-Performance
nicht. Zu seichtem Gesäusel wird es jedoch schwerlich kommen.
Denn die Hölle scheint keine Liebesfilme oder Komödien
zu gebären, sondern deftige Genres wie den Krimi, den Psycho-
oder Horrorfilm.
Stimme aus dem Off
In diese Richtung deutet jedenfalls die lauernde Männerstimme,
welche das Publikum in der Roten Fabrik aus dem Off durch die
Vorhölle geleitet. Es ist der Schnetzler vom Dienst, der
Cutter der Produktion, der sich über Lautsprecher aus einem
rabenschwarzen (Zeit-)Loch meldet. Und gemeinsam mit einer düsteren
Gralshüterin (Hagar Admoni) in einer schillernden Mischung
aus Entspannungstherapie, Suggestion und Befehlston die Herzen
der Zuhörenden erwärmt, ihre Fantasie beflügelt
und gleichzeitig die Gehirne wäscht. Denn 400asa bleibt nicht
bei der Produktion von Filmen, sondern plant zugleich eine aktionistische
Läuterung des Filmschaffens in der Schweiz. Die Gruppe sucht
den Streit und die Debatte. So wird etwa das (potenzielle) Scheitern
der Projekte genau dokumentiert, gleich gesinnte Kunstschaffende
sollen sich in einer IG zusammenschliessen, und unglückliche
TV-Film-Konsumentinnen werden auf der Homepage dazu angehalten,
sich ihren Ärger mit Comedy-Texten vom Herzen zu schreiben.
In der Roten Fabrik klingen die grossen Pläne zwar an, doch
halten sich die Verantwortlichen abseits und bedeckt. Nach einer
guten halben Stunde hat die offizielle Vorhölle ein rasches
Ende. Wer mag, kann in der Bar des benachbarten Bordells den Abend
im Beisein der Gruppe ausklingen lassen. Es scheint, als hätten
die (ehemaligen) Theaterleute von der Filmbranche als erste Lektion
die Kunst der epischen Vorankündigung und effektiven Selbstvermarktung
gelernt. So bleibt die Eröffnung ein sparsamer szenischer
Trailer, wo wenig Inhalt auf Grossleinwandformat aufgepumpt (das
heisst im Theater: als abendfüllend verkauft) wird. Noch
lässt die Hölle auf sich warten.
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