PRESSEARCHIV

DIE LETZTE CHANCE- Tagesanzeiger, 3.12.2005

Von der Bühne zum Film
In einem zweijährigen Projekt will die Theatergruppe 400asa den Schweizer Film aufmischen. Der Auftakt findet in der Roten Fabrik statt.

Von Charlotte Staehelin

Geduld muss haben, wer zum Film will. Bis die gewünschte Qualität erreicht ist, generiert ein Dreh Leerläufe und unvorhersehbare Wartezeiten. Geduld muss auch haben, wer zu 400asa will. Erst weit nach der angesagten Zeit geben die schweren Türen den Weg frei in den Limbus, wo die Truppe ihr Publikum zur Pressekonferenz lädt. Durch kalten Beton geht es bei flackerndem Neonlicht zu den Proberäumlichkeiten des Fabriktheaters. Angenehm warm ist es da, gefüllte Sektgläser laden zum Trunk, ein gehörnter Tierschädel, Disteln und ausgebleichte Chrysanthemen verbreiten einen morbiden Charme.

Verlorene Seelen

So wandeln die ungetauften Zuschauerseelen zu dezenten elektronischen Musikschlaufen in andächtiger Ratlosigkeit durch den Raum, bestaunen im Zwielicht prächtig gefertigte Puppenköpfe, die zwischen dermatologischen Lehrbüchern, Farbe und Pinseln an Stäben in Flaschenhälsen stecken. Und suchen in der aufliegenden Pressemitteilung nach Erbauung. 400asa löse sich als Theatergruppe auf und wandle sich zur Filmproduktion, heisst es da. Mit dem Ziel, «das Schweizer Filmschaffen international wieder auf die Beine zu stellen, es von seiner für moderne Menschen schwer erträglichen Provinzialität zu befreien».

Nach sieben viel beachteten Theaterjahren setzt das stark im Kollektiv arbeitende Team an zu einem Höllenritt durch die raue Welt des Schweizer Films. Über zwei Jahre hinweg sollen fünf Filmstoffe entwickelt und produziert werden. Mehr als die Titel - wie zum Beispiel «Tell. Terrorist» (Regie: Philipp Stengele) oder «Der Üetlibergmörder» (Regie: Wanda Wylowa) - erfährt man an der Eröffnungs-Performance nicht. Zu seichtem Gesäusel wird es jedoch schwerlich kommen. Denn die Hölle scheint keine Liebesfilme oder Komödien zu gebären, sondern deftige Genres wie den Krimi, den Psycho- oder Horrorfilm.

Stimme aus dem Off

In diese Richtung deutet jedenfalls die lauernde Männerstimme, welche das Publikum in der Roten Fabrik aus dem Off durch die Vorhölle geleitet. Es ist der Schnetzler vom Dienst, der Cutter der Produktion, der sich über Lautsprecher aus einem rabenschwarzen (Zeit-)Loch meldet. Und gemeinsam mit einer düsteren Gralshüterin (Hagar Admoni) in einer schillernden Mischung aus Entspannungstherapie, Suggestion und Befehlston die Herzen der Zuhörenden erwärmt, ihre Fantasie beflügelt und gleichzeitig die Gehirne wäscht. Denn 400asa bleibt nicht bei der Produktion von Filmen, sondern plant zugleich eine aktionistische Läuterung des Filmschaffens in der Schweiz. Die Gruppe sucht den Streit und die Debatte. So wird etwa das (potenzielle) Scheitern der Projekte genau dokumentiert, gleich gesinnte Kunstschaffende sollen sich in einer IG zusammenschliessen, und unglückliche TV-Film-Konsumentinnen werden auf der Homepage dazu angehalten, sich ihren Ärger mit Comedy-Texten vom Herzen zu schreiben.

In der Roten Fabrik klingen die grossen Pläne zwar an, doch halten sich die Verantwortlichen abseits und bedeckt. Nach einer guten halben Stunde hat die offizielle Vorhölle ein rasches Ende. Wer mag, kann in der Bar des benachbarten Bordells den Abend im Beisein der Gruppe ausklingen lassen. Es scheint, als hätten die (ehemaligen) Theaterleute von der Filmbranche als erste Lektion die Kunst der epischen Vorankündigung und effektiven Selbstvermarktung gelernt. So bleibt die Eröffnung ein sparsamer szenischer Trailer, wo wenig Inhalt auf Grossleinwandformat aufgepumpt (das heisst im Theater: als abendfüllend verkauft) wird. Noch lässt die Hölle auf sich warten.


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