PRESSEARCHIV

DIE LETZTE CHANCE - ENFER- NZZ, 27.2.2006

TÖDLICHE KAMERA
Die Zürcher Theatergruppe 400asa

ked. Eine dicke Seminararbeit und eine noch dickere Überraschung! Das neue, schier kiloschwere Konzeptdossier jener ambitionierten Zürcher Theaterkracher, die uns unter dem Namen 400asa seit acht Jahren immer wieder die Bühnenwelten um die Ohren fliegen lassen, fällt nicht gerade in die Kategorie Verführungskunst.

Doch der aktuelle Abend zum Konzept ist ein Musterstück theatraler ars amatoria: "Enfer" macht über weite Teile höllisch Spass. So sieht man der Formation die angestammten, retardierenden Albernheiten gerne nach. In der zweiten Staffel wird die Entstehung des Theaterfilms "Othello-ein Blue Movie" auf die Leinwand geworfen, nach einem Text von Bärfuss, in der Regie von Lene Markusen und Samuel Schwarz, mit komischem Live-Kommentar von Rodrigo Darsteller Ingo Heise und fetziger Live Vertonung von Ted Gaier und Chrischi Weber.

Da bekommt der Zuschauer viel für sein Billet: einen "Othello", in dem die Kamera zum eigentlichen Mörder wird, sein selbstironisches "the Making of" und drumherum Kabarett mit kunstpolitischem Anspruch. Was er zum Glück und bei allem Extemporieren über pornographisches Inszenieren nicht bekommt, ist ein Blue Movie. Der unfreiwillige Hauptdarsteller ist das hiesige Schauspielhaus. Als die "Othello"-Szenen entwickelt wurden, konnte noch keiner ahnen, dass der Schauspielhausintendant Matthias Hartmann das gleiche Stück geplant hatte - und das dessen Premiere wegen eines Streiks auf just das gleiche Wochenende verschoben werden musste. Aber die 400asa-Narren wären nicht die dramatischen Zampanos, als dir sie kennen, wenn sie diesen Zufall nicht zu nutzen wüssten: etwa mit einem akkustischen Trailer vor der eigentlichen Vorstellung, der den (angeblich) desolaten Zustand des Schweizer Filmschaffens mit der "Rebellion am Schauspielhaus" zu einer frechen Tonkonserve verquickt.

Dass Mira Bartuschek nun am Schauspielhaus die Desdemona gibt und im 400asa Cast neben Philipp Stengele (ein genial verrückter Othello), Ingo Heise, Thomas Kügel (Jago, schön schmierig), Ted Gaier und Patrycia Ziolokowska (keusch alle Männer kirre machend: Desdemona) figuriert, ist das Sahnehäubchen auf dieser dicken, fetten Shakespeare-Schnitte. Ein echter kulturpolitischer Katalysator aus dem Filmlabor von 400asa lässt noch auf sich warten - Zeit für zwei süss-sündige Stunden im Enfer.


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