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Off-Beat und hybrid
400asa-Filmwelt im Theaterhaus Gessnerallee
ked. Im Theaterhaus Gessnerallee hatte am Freitag "Purgatoire"
Premiere: die dritte Staffel des Langzeitprojekts der Zürcher
Rappelkisten-Crew 400asa. Das Künstlerkollektiv bot ein "The
Making Of" eines eben entstehenden Films und einen Musterfilm
noch dazu: Fegefeuer für alle, denen poppig präsentierter
Theoriekram nicht genügt.
Audiotrack Pre-Recording oder "her mit der flirrenden Künstlichkeit
lebendiger Interaktion zwischen Ton- und Bildspur!". So hört
es sich an, wenn das experimentelle Zürcher Künstlerkollektiv
400asa - das experimentelle Zürcher (Bühnen- ) Künstlerkollektiv
- übers Filmemachen theoretisiert. Und flirrend künstlich
sieht es ohne Frage aus, wenn 400asa das Ganze praktiziert. Ein
Mund, der sich öffnet, wenn aus dem Off ein Lachen quietscht
oder ein Schreien schrillt; wedelnde Arme zu winselnden Anwürfen,
zuckende Leiber zu lüsternem Stöhnen: Filmkunst als
Karaoke-Veranstaltung. Doch der Oscar wird hier nicht für
perfekte Pantomime vergeben. Der Gewinn, so meinte 400asa-Regisseur
Samuel Schwarz am Freitag nach der Premiere von "Purgatoire",
der Gewinn sei auch und gerade dort zu holen, wo der Schauspieler
Off-Beat agiert.
Mehrteiliger Modellversuch
Dass gebastelt wird, soll man sehen - kann man sehen: auch jetzt,
wenn 400asa uns ins Filmstudio namens Theaterhaus Gessnerallee
holt, wo diese Rappelkisten-Crew momentan am Film "Hybrid"
arbeitet. "Hybrid" gehört zur dritten Staffel des
Langzeitprojekts "Die letzte Chance", die an diesem
Wochenende in der "Gessnerallee" präsentiert wurde.
Mit "Die letzte Chance" trat die derzeit sechsköpfige
Gruppe im vergangenen Herbst ihren langen Marsch durch die Filminstitutionen
an; und nach den Stationen "Limbo" und "Enfer"
verbrennt sie nun im Fegefeuer alle filmischen Selbstverständlichkeiten:
"Purgatoire" ist ein mehrteiliger Modellversuch, in
dem Tonspur, Filmbild und Bühnenaktion (nicht) synchronisiert
werden. Die Methode dafür hat 400asa "das Verfahren"
getauft: eine verdeckte Hommage an Schklowskis Formalismus-Urtext
"Die Kunst als Verfahren". Dieser Essay feiert die Verfremdung
als das Mittel der ästhetischen Wahl, weil es die Schwierigkeit
und Länge der Wahrnehmung steigere - und das haben Schklowskis
Jünger mit Bravour erledigt. "Der Wahrnehmungsprozess
ist in der Kunst Selbstzweck", schreibt Schklowski 1916,
und neunzig Jahre später strampelt man sich an der Gessnerallee
noch immer damit ab.
Vom Band läuft die Tonspur, und auf der Bühne inszeniert
das Ensemble - 400asa-Mitglieder wie Samuel Schwarz, Barbara Terpoorten-Maurer,
Wanda Wylowa und Urs Bräm sowie etliche Gäste - dazu
das Drehen von vier Filmepisoden. In allen Episoden wiederum geht
es ums Filmemachen, bald steht ein arbeitsloser Drehbuchautor
im Zentrum, bald eine Schauspielerin, bald eine Filmemacherin.
Ein alter Kombi wird ins Scheinwerferlicht gerollt, dort hin und
her gerüttelt, dann wieder hinausbugsiert. Eine Stoffpuppe
wird als quäkendes Baby von einem zum anderen gereicht, der
Kameramann stolpert von einer Tell-Szene zu einer Krankenhausszene
und umgekehrt. Die Episoden werden ineinander geschnitten, die
Leute laufen durcheinander, und aus dem Off dröhnt der "pre-recorded"
Text, der vom Ensemble in einem nicht gerade lupenreinen Englisch
gesprochen wird:
"Verfremdung! Verfremdung!" wird uns auf Aug und Ohr
gehämmert. Kurz, die Inszenierung der Verfilmung von "Hybrid"
ist ein selbstreflexiver Overkill, eine irrsinnig durchdachte
Komposition eines irren Chaos mit vielen satirischen Anleihen
beim amerikanischen Horrorfilmgenre - bloss leider ohne dessen
Unterhaltungswert.
Hitzig-witzige Langstrassenvisite
Dampfte da ein "work in progress", so servierte 400asa
nach der Pause Abgedrehtes: einen Film, den sie während der
Premiere selbst gemacht hatten. "Vom Limmatplatz zum Xenix"
ist insofern ein Kontrastprogramm, als hier, auf dieser hitzig-witzigen
Langstrassenvisite, stur eine simple Erzähl- und Kameraperspektive
durchgehalten wird. "Das Verfahren" - der vorgefertigte
Audiotrack und der Reiz des Off-Beat - kommt hier sehr viel besser
zur Geltung. Trotzdem bleibt das hübsche Oxymoron von der
"flirrenden Künstlichkeit lebendiger Interaktion zwischen
Ton- und Bildspur" kunstvoll tote Schreibspur.
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