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DIE LETZTE CHANCE - PURGATOIRE - NZZ, 24.4.2006

Off-Beat und hybrid
400asa-Filmwelt im Theaterhaus Gessnerallee

ked. Im Theaterhaus Gessnerallee hatte am Freitag "Purgatoire" Premiere: die dritte Staffel des Langzeitprojekts der Zürcher Rappelkisten-Crew 400asa. Das Künstlerkollektiv bot ein "The Making Of" eines eben entstehenden Films und einen Musterfilm noch dazu: Fegefeuer für alle, denen poppig präsentierter Theoriekram nicht genügt.

Audiotrack Pre-Recording oder "her mit der flirrenden Künstlichkeit lebendiger Interaktion zwischen Ton- und Bildspur!". So hört es sich an, wenn das experimentelle Zürcher Künstlerkollektiv 400asa - das experimentelle Zürcher (Bühnen- ) Künstlerkollektiv - übers Filmemachen theoretisiert. Und flirrend künstlich sieht es ohne Frage aus, wenn 400asa das Ganze praktiziert. Ein Mund, der sich öffnet, wenn aus dem Off ein Lachen quietscht oder ein Schreien schrillt; wedelnde Arme zu winselnden Anwürfen, zuckende Leiber zu lüsternem Stöhnen: Filmkunst als Karaoke-Veranstaltung. Doch der Oscar wird hier nicht für perfekte Pantomime vergeben. Der Gewinn, so meinte 400asa-Regisseur Samuel Schwarz am Freitag nach der Premiere von "Purgatoire", der Gewinn sei auch und gerade dort zu holen, wo der Schauspieler Off-Beat agiert.

Mehrteiliger Modellversuch

Dass gebastelt wird, soll man sehen - kann man sehen: auch jetzt, wenn 400asa uns ins Filmstudio namens Theaterhaus Gessnerallee holt, wo diese Rappelkisten-Crew momentan am Film "Hybrid" arbeitet. "Hybrid" gehört zur dritten Staffel des Langzeitprojekts "Die letzte Chance", die an diesem Wochenende in der "Gessnerallee" präsentiert wurde. Mit "Die letzte Chance" trat die derzeit sechsköpfige Gruppe im vergangenen Herbst ihren langen Marsch durch die Filminstitutionen an; und nach den Stationen "Limbo" und "Enfer" verbrennt sie nun im Fegefeuer alle filmischen Selbstverständlichkeiten:

"Purgatoire" ist ein mehrteiliger Modellversuch, in dem Tonspur, Filmbild und Bühnenaktion (nicht) synchronisiert werden. Die Methode dafür hat 400asa "das Verfahren" getauft: eine verdeckte Hommage an Schklowskis Formalismus-Urtext "Die Kunst als Verfahren". Dieser Essay feiert die Verfremdung als das Mittel der ästhetischen Wahl, weil es die Schwierigkeit und Länge der Wahrnehmung steigere - und das haben Schklowskis Jünger mit Bravour erledigt. "Der Wahrnehmungsprozess ist in der Kunst Selbstzweck", schreibt Schklowski 1916, und neunzig Jahre später strampelt man sich an der Gessnerallee noch immer damit ab.

Vom Band läuft die Tonspur, und auf der Bühne inszeniert das Ensemble - 400asa-Mitglieder wie Samuel Schwarz, Barbara Terpoorten-Maurer, Wanda Wylowa und Urs Bräm sowie etliche Gäste - dazu das Drehen von vier Filmepisoden. In allen Episoden wiederum geht es ums Filmemachen, bald steht ein arbeitsloser Drehbuchautor im Zentrum, bald eine Schauspielerin, bald eine Filmemacherin.

Ein alter Kombi wird ins Scheinwerferlicht gerollt, dort hin und her gerüttelt, dann wieder hinausbugsiert. Eine Stoffpuppe wird als quäkendes Baby von einem zum anderen gereicht, der Kameramann stolpert von einer Tell-Szene zu einer Krankenhausszene und umgekehrt. Die Episoden werden ineinander geschnitten, die Leute laufen durcheinander, und aus dem Off dröhnt der "pre-recorded" Text, der vom Ensemble in einem nicht gerade lupenreinen Englisch gesprochen wird:
"Verfremdung! Verfremdung!" wird uns auf Aug und Ohr gehämmert. Kurz, die Inszenierung der Verfilmung von "Hybrid" ist ein selbstreflexiver Overkill, eine irrsinnig durchdachte Komposition eines irren Chaos mit vielen satirischen Anleihen beim amerikanischen Horrorfilmgenre - bloss leider ohne dessen Unterhaltungswert.

Hitzig-witzige Langstrassenvisite

Dampfte da ein "work in progress", so servierte 400asa nach der Pause Abgedrehtes: einen Film, den sie während der Premiere selbst gemacht hatten. "Vom Limmatplatz zum Xenix" ist insofern ein Kontrastprogramm, als hier, auf dieser hitzig-witzigen Langstrassenvisite, stur eine simple Erzähl- und Kameraperspektive durchgehalten wird. "Das Verfahren" - der vorgefertigte Audiotrack und der Reiz des Off-Beat - kommt hier sehr viel besser zur Geltung. Trotzdem bleibt das hübsche Oxymoron von der "flirrenden Künstlichkeit lebendiger Interaktion zwischen Ton- und Bildspur" kunstvoll tote Schreibspur.



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