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DIE LETZTE CHANCE - PURGATOIRE - TAGESANZEIGER, 27.4.2006

Dem Schweizer Film auf die Beine helfen

Von Nina Scheu

Die freie Theatergruppe 400asa hat sich spezialisiert: Seit Anfang Jahr produziert der kreative Haufen Filme mit ganzheitlich künstlerischem Anspruch.

«Ein Sack voll Flöhe», dachte, wer der wild diskutierenden, immer wieder auseinander stiebenden Versammlung beim Fotoshooting zuschaute. Aber gut aufeinander eingespielte Flöhe, denn bei 400asa arbeitet man schon seit Jahren im Kollektiv und weiss, wie verschiedene Ansichten unter einen Hut gebracht werden können. Auch die Vorstellungen, wie ein Gruppenporträt von 400asa auszusehen habe, sind entsprechend vielfältig. Bis jede und jeder in der Reihe steht, lässt sich die Diskussionskultur der Jungfirma in vivo studieren. Der Forschergeist erkennt Spuren der 68er-Pädagogik, die die meisten der Protagonisten wohl am eigenen Leib erfahren haben, und wundert sich leise, dass am Ende doch alle zufrieden sind: Das Betriebsklima der frisch gegründeten Produktionsfirma (mit Eintrag im Handelsregister) mag zu-weilen hektisch sein, aber die Stimmung ist liebevoll und entspannt.

Diagnose: Bieder und abhängig

Bisher kannte man 400asa als freie Theatergruppe, die mit den unterschiedlichsten Arbeiten überraschte. Dass man auch mit grossen Budgets umgehen kann, bewies der kreative Haufen mit der «äffischen» Eröffnungsproduktion für die Expo.02, die für einigen Zündstoff sorgte. Der Schritt zur Firmengründung kam aber erst jetzt, mit dem Grossprojekt «Die Letzte Chance», das die nächsten Jahre im Schaffen des Künstlerkollektivs bestimmen soll. Vor einigen Monaten hat sich 400asa zum Ziel gesetzt, dem Schweizer Film auf die Beine zu helfen. Hinter den Kulissen beklagt man da ja schon seit längerem die vorherrschende Biederkeit und Provinzialität, die - meist nur hinter vorgehaltener Hand - der Abhängigkeit von den grössten Geldgebern, also dem Schweizer Fernsehen einerseits und dem Staat andrerseits, zugeschoben wird. Aus Angst, es sich mit den Subventionsgebern zu verscherzen, verzichten in den Augen des Künstlerkollektivs zu viele Filmschaffende darauf, ihre eigenen Vorstellungen in die Tat umzusetzen.

Scheitern ist auch interessant.

Auch im Scheitern liege ein grosses künstlerisches Potenzial, ist die Runde überzeugt, und es herrscht Einverständnis darüber, dass ja gerade auch der Lerneffekt und Erkenntniswert ihrer Arbeit für die Zufriedenheit der Mitarbeiter verantwortlich sei. Neben der eher aussergewöhnlichen Firmenstruktur versteht sich, die nicht nur Mitspracherecht garantiert, sondern auch viel Teilzeitarbeit ermöglicht. Das liegt nicht zuletzt daran, dass fast alle Eltern sind und Zeit für ihre Kinder haben wollen. Ein Luxus, den sich freie Kulturschaffende sonst kaum leisten können.

Mit einem Kreissystem lässt sich die Firmenstruktur am besten beschreiben: Der berühmte Stein, der ins Wasser geworfen wird, wäre dann die Produktion, von der die involvierten Personenkreise wie konzentrische Wellen abgehen, die zwar immer grösser werden, aber auch immer schwächer, also weniger mit der Verantwortung zu tun haben. Dem innersten Kreis entspricht eine Kerngruppe aus sechs Leuten - Barbara Terpoorten-Maurer, Wanda Wylowa, Urs Bräm, Michael Sauter, Samuel Schwarz und Philipp Stengele -, die schon seit ihrer Studienzeit zusammenarbeiten.

Jede und jeder übernimmt neben eigenen Projekten (Barbara Maurer zum Beispiel ist derzeit mit «Lenz» im Kino zu sehen) auch firmenspezifische Aufgaben, vom Aufbau der Website über die technische Koordination bis zur Ausar-beitung der umfangreichen Dossiers zu den einzelnen Filmprojekten, die den Fördergremien vorgelegt werden müssen. Andere Aufgaben werden an den grösseren Kreis der Mitarbeiter delegiert, und mittlerweile vergibt man bereits Aufträge nach aussen - «Outsourcing» also, wie es sich für eine moderne Firma gehört.

Fussballmuffel gesucht
So entsteht auch das kurze Roadmovie «Vom Limmatplatz zum Xenix», das live während des WM-Finals an der Zürcher Langstrasse gedreht werden soll. Dazu werden übrigens noch möglichst viele Fussballmuffel als Statisten ge-sucht, die sich an diesem Abend lieber kreativ betätigen, als vor der Glotze zu hängen.

Der ganzheitliche Anspruch der frisch gebackenen Produktionsfirma äussert sich auch im Umstand, dass sie ihre Erfahrungen gern öffentlich dokumentiert. Nach Vorhölle («Limbo», im Dezember in der Roten Fabrik) und Hölle («Enfer» folgte im Februar) befindet man sich derzeit im Fegefeuer («Purgatoire»). Der Weg ins Paradies geht also noch weiter.


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