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400 ASA
Brechts "Kleines Organon" trifft auf Lars von Triers
"Dogma"
400 ASA Der Markt der freien Theatergruppen sei ausgetrocknet,
heißt es immer mal wieder, nichts berauschend Neues in Sicht.
Irrtum. 400 ASA nennt sich eine der vielseitigsten Schweizer Truppen.
Vor vier Jahren um den Autor Lukas Bärfuss und den Regisseur
Samuel Schwarz gegründet, hat die Gruppe den Film "Aufstand
der Unanständigen" vorgelegt, ihr Stück "Meienbergs
Tod" läuft gerade in Basel und sie inszenieren auf der
Expo 02 die 1. August-Feier zum Schweizer Nationalfeiertag.
Was 400 ASA auch anfasst, es ist extrem lichtempfindlich. Die
"Backchen" des Euripides spielen sie in kompletter Dunkelheit,
von ein paar Infrarotsequenzen einmal abgesehen. Doch sie legen
dabei ein Formbewusstsein an den Tag, das nie übergeordnet
ist. So wählten sie für Ödön von Horváths
"Italienische Nacht" als Form die szenische Lesung,
und das Ergebnis war eine Mischung aus Volkstheater im besten
Sinne und dem epischen Theater Bertolt Brechts. 400 ASA verlängert
Horváths Antifaschismus bis zur Anti-Apartheidsbewegung
mit der Tracy Chapman-Hymne "Talkin' 'Bout A Revolution".
Mit dem Stück gingen sie auf Tournee und dokumentierten diese
Reise als Film, sprachen über Kunst und Politik mit Theatermachern,
Antifaschisten und Autonomen.
Onomatopoetisches Kauderwelsch
Kunst und Politik sind auch die zentralen Themen eines
ihrer Vorbilder, Niklaus Meienberg. Der entließ sich 1989
in die Freiheit, wie Jean Améry es nannte. Das Projekt
"Meienbergs Tod" spielt aber nicht in der Schweiz der
80er Jahre, sondern in den gelangweilten Salons des vorrevolutionären
Frankreich. 400 ASA setzt auf die Harmonie der Gegensätze:
Je entfernter die Kunstfigur Meienberg, desto näher rückt
der Mensch Meienberg.
400 ASA arbeitet an etablierten Bühnen und auch dort, wo
sie herkommen, in der freien Szene. Stilistisch bewegen sie sich
irgendwo zwischen Brecht und der frühen Wooster-Group. Bei
ihrer Medea-Version beginnt die antike Tragödie wie ein Rockkonzert,
doch sie spielen nicht das Stück von Euripides, sondern den
Film des Dogma-Begründers Lars von Trier. Erzählt wird
der klassische Mythos der Frau, die wegen Unfruchtbarkeit von
ihrem Mann Jason verstoßen wird. Das Ganze wird in einem
onomatopoetischen Kauderwelsch aus Dänisch, Englisch, Hoch-
und Berndeutsch vorgetragen.
Großartige Spielstil-Wechsel
Brechts V-Effekt ist zwar das zentrale Stilmittel, doch
bei 400 ASA ist kein konservatorisches Altherrenensemble am Werk,
sondern eine lustvolle Truppe, mit dem man den großen B.B.
wiederentdecken kann wie er mal war: jung, wild und vermessen.
Sie inszenieren großartige Wechsel der Spielstile, vom expressionistisch-manierierten
Stummfilm hin zu den Momenten der größten Wahrhaftigkeit.
Allzu lang bleibt bei ihnen aber nichts eindeutig - der nächste
Realitätsbruch kommt bestimmt. Etwa durch die permanente
Doppelbelichtung von Bühne und Film. Doch je mehr sie den
Zuschauer auf Abwege führen, desto klarer wird letztlich
alles. Paradoxerweise dringen sie bei dieser umgekehrten Hermeneutik
zum Kern der Medea-Geschichte vor: Eine Mutter hängt ihre
beiden Kinder auf.
Man muss die Größe von Grausamkeit nicht verstehen,
um sie spielen zu können. Und man muss eine Figur nicht verstehen,
damit sie einen berührt. Bei 400 ASA trifft Brechts "Kleines
Organon" Lars von Triers "Dogma". Und das ist gut
so.
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