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Das Theater als Kampfwaffe
Viel hat die junge Berner Gruppe 400asa in den drei Jahren seit
ihrer Gründung in der Theaterwelt bewegt: Weil der Erfolg
sie so schnell in die grosse Welt hinaus katapultierte, werden
nun in der Werkschau «Hurra wir leben!» endlich jene
Produktionen in Bern gezeigt, die in Wien und Zürich zur
Uraufführung gekommen sind.
von Brigitta Niederhauser
Die heftigen Auseinandersetzungen, die 400asa vor zwei Jahren
mit ihrem Stück «Vier Frauen, ein Singspiel»
in den hiesigen Lehrerzimmern provozierten, sind leider nicht
dokumentiert. «Wir wurden ziemlich angefeindet», kommentiert
der junge Berner Autor Lukas Bärfuss die Reaktionen auf seinen
Text, der die Folgen geheimer Phantasien nachzeichnet, die ein
machohafter Jugendlicher aus Mazedonien bei vier jungen Lehrerinnen
auslöst.
Was die junge freie Theatergruppe 400asa aus Bern aber in den
letzten drei Jahren alles in der Theaterwelt bewegt hat, ist dokumentiert,
wird doch ihr Schaffen mit Interesse auch in den Feuilletons der
grossen deutschen Zeitungen verfolgt. Bereits ein Jahr nach der
ersten 400asa-Produktion ist die Gruppe an die Wiener Festwochen
eingeladen worden; und Regisseur Samuel Schwarz und Autor Lukas
Bärfuss, die zu den 400asa-Gründern gehören, sind
für Auftragsarbeiten an die grossen Theater von Bochum, Berlin
und Basel berufen worden.
Böse Frauen
Das kontroverse Echo auf ihre Arbeit katapultierte die Gruppe
so schnell in die grosse weite Welt hinaus, dass eine Reihe der
400asa-Werke in Bern noch gar nicht gezeigt werden konnten. Das
wird nun mit der Werkschau «Hurra wir leben!» in der
Reitschule nachgeholt, wo 1999 mit der Inszenierung von Ödön
von Horvaths «Italienischer Nacht» die Lunte zur Erfolgsgeschichte
gezündet wurde. Gezeigt werden mit «Bakchen»
nach Euripides und «Medeää. 214 Bildbeschreibungen»
die beiden jüngsten Stücke des Zyklus «Böse
Frauen», der vor zwei Jahren mit «Vier Frauen»
gestartet wurde.
Verblüffend einfach ist das vom «Dogma» dänischer
Filmemacher inspirierte Rezept der Frischzellenkur, die 400asa
mit ihrem «Bekenntnis 99» dem Theater verpasst haben:
keine Illusionen und keine versteckte Technik, Licht und Ton haben
die gleichen Rechte wie die Schauspielerinnen und Schauspieler,
und als einziges Requisit wird nur das Textbuch geduldet. «Dieses
Bekenntnis ist kein starres Regelwerk», führt Bärfuss
aus: «Fehlendes Geld wird mit Kreativität kompensiert»,
eine Formel, die von der Gruppe erstmals 1997 im Zürcher
Untergrund angewendet wurde, als sie in der Escher-Wyss-Unterführung
«Ödipus nach Sophokles» inszenierte.
Wie unbekümmert und tollkühn die Gruppe sich die Klassiker
vornimmt, daran erinnert das Schreiben der Goethe-Stiftung für
Kunst und Wissenschaft: «Wie kommen Sie auf die Idee, Ödipus
hätte sich von seiner Verantwortlichkeit gelöst und
sei in eine narzisstische Innerlichkeit abgetaucht?», wurde
die Ablehnung des Gesuchs für einen Unterstützungsbeitrag
begründet.
400asa kommen noch auf ganz andere Ideen, wenn sie mit unverbrauchter
Neugier in die Klassiker und die grossen Mythen eintauchen. Nicht
einfach auf die spektakuläre Persiflage tragischer Stoffe
ist die Gruppe aus: «Ganz unabsichtlich landen wir immer
wieder bei den grossen Mythen», hat Bärfuss beobachtet.
Fasziniert vom Archaischen, von jenen Prozessen, die rational
nicht entschlüsselt werden können, sucht die Gruppe
nach neuen Zugängen: «Wir schürfen nach einer
Ebene, die tiefer liegt und weder intellektuell noch mit den Techniken
moderner Dramaturgie erschlossen werden kann», sagt Bärfuss.
Aufstand der Unanständigen
Um zu dieser verschütteten Gültigkeit zu gelangen,
sind 400asa viele Mittel recht: «Bakchen» nach Euripides
spielt fast ganz im Dunkeln, und in «Medeää»,
der Hommage an den Dogma-Regisseur Lars van Trier, spricht die
Heldin ein Dänisch, das kein Däne versteht, derweil
die Techniker die von 400asa propagierte Gleichberechtigung einfordern
und die verworrene Story kommentieren.
Für 400asa liegt im Archaischen gleichzeitig auch das Authentische,
und um zu dieser Wahrhaftigkeit vorzudringen, riskiert die Gruppe
auch ein Scheitern. Keine Provokation wird nur um der Provokation
willen zelebriert. Ist doch das Misstrauen der etablierten Welt
gegenüber genau so gross wie die Lust am Experiment und die
Hartnäckigkeit, die eigene Arbeit und ihre Grenzen immer
wieder zu überprüfen. Wie wichtig der Gruppe diese Auseinandersetzung
ist, vermittelt der Fernsehdokumentarfilm «Aufstand der
Unanständigen», ein Film über Militanz und Theater,
der in der Berner Werkschau vorgeführt wird. Er zeigt die
Reaktionen linker Kulturschaffender in Deutschland und der Schweiz
aufs antifaschistische Stück «Italienische Nacht».
Zum «Theater als Kampfwaffe» bekennt sich wortgewaltig
Regisseur Samuel Schwarz, interessiere ihn doch einzig und allein
die Wirklichkeit.
Antinationalistischer 1. August
Eine Wirklichkeit, in der für 400asa auch Platz ist für
Utopien: Hollywoodlike klingt der Film mit dem wiederholten Bekenntnis
aus, dass man darauf hinschaffe, dass die Menschheit frei werde.
Von welcher Wirklichkeit und Utopie ihr nächstes Projekt
geprägt sein wird, will Bärfuss, von dem im Juli im
Suhrkamp-Verlag die Novelle «Die toten Männer»
erscheint, partout nicht preisgeben. Statt Christoph Marthaler,
der den Auftrag aus Zeitmangel zurückgegeben hat, inszenieren
nämlich Bärfuss und Schwarz das 1.-August-Spektakel
an der Expo.02. Eine «antinationalistische Bundesfeier»
soll es werden, nur so viel verrät Bärfuss.
In «Medeää» spricht die Heldin ein Dänisch,
das kein Däne versteht, derweil die Techniker die von 400asa
propagierte Gleichberechtigung einfordern und die verworrene Story
kommentieren.
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