PRESSEARCHIV

DER BUND - 22.05.2002

Das Theater als Kampfwaffe

Viel hat die junge Berner Gruppe 400asa in den drei Jahren seit ihrer Gründung in der Theaterwelt bewegt: Weil der Erfolg sie so schnell in die grosse Welt hinaus katapultierte, werden nun in der Werkschau «Hurra wir leben!» endlich jene Produktionen in Bern gezeigt, die in Wien und Zürich zur Uraufführung gekommen sind.

von Brigitta Niederhauser

Die heftigen Auseinandersetzungen, die 400asa vor zwei Jahren mit ihrem Stück «Vier Frauen, ein Singspiel» in den hiesigen Lehrerzimmern provozierten, sind leider nicht dokumentiert. «Wir wurden ziemlich angefeindet», kommentiert der junge Berner Autor Lukas Bärfuss die Reaktionen auf seinen Text, der die Folgen geheimer Phantasien nachzeichnet, die ein machohafter Jugendlicher aus Mazedonien bei vier jungen Lehrerinnen auslöst.

Was die junge freie Theatergruppe 400asa aus Bern aber in den letzten drei Jahren alles in der Theaterwelt bewegt hat, ist dokumentiert, wird doch ihr Schaffen mit Interesse auch in den Feuilletons der grossen deutschen Zeitungen verfolgt. Bereits ein Jahr nach der ersten 400asa-Produktion ist die Gruppe an die Wiener Festwochen eingeladen worden; und Regisseur Samuel Schwarz und Autor Lukas Bärfuss, die zu den 400asa-Gründern gehören, sind für Auftragsarbeiten an die grossen Theater von Bochum, Berlin und Basel berufen worden.

Böse Frauen

Das kontroverse Echo auf ihre Arbeit katapultierte die Gruppe so schnell in die grosse weite Welt hinaus, dass eine Reihe der 400asa-Werke in Bern noch gar nicht gezeigt werden konnten. Das wird nun mit der Werkschau «Hurra wir leben!» in der Reitschule nachgeholt, wo 1999 mit der Inszenierung von Ödön von Horvaths «Italienischer Nacht» die Lunte zur Erfolgsgeschichte gezündet wurde. Gezeigt werden mit «Bakchen» nach Euripides und «Medeää. 214 Bildbeschreibungen» die beiden jüngsten Stücke des Zyklus «Böse Frauen», der vor zwei Jahren mit «Vier Frauen» gestartet wurde.

Verblüffend einfach ist das vom «Dogma» dänischer Filmemacher inspirierte Rezept der Frischzellenkur, die 400asa mit ihrem «Bekenntnis 99» dem Theater verpasst haben: keine Illusionen und keine versteckte Technik, Licht und Ton haben die gleichen Rechte wie die Schauspielerinnen und Schauspieler, und als einziges Requisit wird nur das Textbuch geduldet. «Dieses Bekenntnis ist kein starres Regelwerk», führt Bärfuss aus: «Fehlendes Geld wird mit Kreativität kompensiert», eine Formel, die von der Gruppe erstmals 1997 im Zürcher Untergrund angewendet wurde, als sie in der Escher-Wyss-Unterführung «Ödipus nach Sophokles» inszenierte.

Wie unbekümmert und tollkühn die Gruppe sich die Klassiker vornimmt, daran erinnert das Schreiben der Goethe-Stiftung für Kunst und Wissenschaft: «Wie kommen Sie auf die Idee, Ödipus hätte sich von seiner Verantwortlichkeit gelöst und sei in eine narzisstische Innerlichkeit abgetaucht?», wurde die Ablehnung des Gesuchs für einen Unterstützungsbeitrag begründet.

400asa kommen noch auf ganz andere Ideen, wenn sie mit unverbrauchter Neugier in die Klassiker und die grossen Mythen eintauchen. Nicht einfach auf die spektakuläre Persiflage tragischer Stoffe ist die Gruppe aus: «Ganz unabsichtlich landen wir immer wieder bei den grossen Mythen», hat Bärfuss beobachtet. Fasziniert vom Archaischen, von jenen Prozessen, die rational nicht entschlüsselt werden können, sucht die Gruppe nach neuen Zugängen: «Wir schürfen nach einer Ebene, die tiefer liegt und weder intellektuell noch mit den Techniken moderner Dramaturgie erschlossen werden kann», sagt Bärfuss.

Aufstand der Unanständigen

Um zu dieser verschütteten Gültigkeit zu gelangen, sind 400asa viele Mittel recht: «Bakchen» nach Euripides spielt fast ganz im Dunkeln, und in «Medeää», der Hommage an den Dogma-Regisseur Lars van Trier, spricht die Heldin ein Dänisch, das kein Däne versteht, derweil die Techniker die von 400asa propagierte Gleichberechtigung einfordern und die verworrene Story kommentieren.

Für 400asa liegt im Archaischen gleichzeitig auch das Authentische, und um zu dieser Wahrhaftigkeit vorzudringen, riskiert die Gruppe auch ein Scheitern. Keine Provokation wird nur um der Provokation willen zelebriert. Ist doch das Misstrauen der etablierten Welt gegenüber genau so gross wie die Lust am Experiment und die Hartnäckigkeit, die eigene Arbeit und ihre Grenzen immer wieder zu überprüfen. Wie wichtig der Gruppe diese Auseinandersetzung ist, vermittelt der Fernsehdokumentarfilm «Aufstand der Unanständigen», ein Film über Militanz und Theater, der in der Berner Werkschau vorgeführt wird. Er zeigt die Reaktionen linker Kulturschaffender in Deutschland und der Schweiz aufs antifaschistische Stück «Italienische Nacht». Zum «Theater als Kampfwaffe» bekennt sich wortgewaltig Regisseur Samuel Schwarz, interessiere ihn doch einzig und allein die Wirklichkeit.

Antinationalistischer 1. August

Eine Wirklichkeit, in der für 400asa auch Platz ist für Utopien: Hollywoodlike klingt der Film mit dem wiederholten Bekenntnis aus, dass man darauf hinschaffe, dass die Menschheit frei werde.

Von welcher Wirklichkeit und Utopie ihr nächstes Projekt geprägt sein wird, will Bärfuss, von dem im Juli im Suhrkamp-Verlag die Novelle «Die toten Männer» erscheint, partout nicht preisgeben. Statt Christoph Marthaler, der den Auftrag aus Zeitmangel zurückgegeben hat, inszenieren nämlich Bärfuss und Schwarz das 1.-August-Spektakel an der Expo.02. Eine «antinationalistische Bundesfeier» soll es werden, nur so viel verrät Bärfuss.

In «Medeää» spricht die Heldin ein Dänisch, das kein Däne versteht, derweil die Techniker die von 400asa propagierte Gleichberechtigung einfordern und die verworrene Story kommentieren.


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